Große Schulreform: Wiederkehr und das dünne Eis
Wenn nicht gerade über die Verlängerung des Wehrdienstes diskutiert wird, dann ist es die Bildung, die derzeit die beiden Regierungspartner ÖVP und Neos aneinandergeraten lässt. Seit der pinke Minister Christoph Wiederkehr Themen wie die Kürzung von Lateinstunden zugunsten von Unterricht über Künstliche Intelligenz, kurz KI, oder die Verlängerung der Volksschule um zwei Jahre in die öffentliche Diskussion geworfen hat, geht es politisch rund. Da musste sogar der ÖVP-Generalsekretär Nico Marchetti – wohl mit der türkisen Lehrergewerkschaft im Genick – ausrücken, um gegen diese Pläne vorerst einmal eine Front aufzubauen. Der Konter von Neos-Klubobmann Yannick Shetty ließ nicht lange auf sich warten. Für die auf Harmonie bedachte Dreier-Bundesregierung war das eine ungewöhnlich scharfe Auseinandersetzung.
Grundsätzlich muss man anerkennen, dass Christoph Wiederkehr im Bildungsministerium mehr Gestaltungswillen besitzt als sein Vorgänger. Er hat zu Beginn der Legislaturperiode auch gleich einiges umgesetzt. Etwa das Handyverbot in Schulen oder die Orientierungsklassen für neu zugewanderte Schüler. Man nimmt ihm auch ab, dass er tatsächlich etwas verändern will.
Die große Schwachstelle bei seinem Bestreben ist, dass er vorerst nur Überschriften ohne wirkliche Substanz auf den Tisch legt. In einem künftigen Lehrplan die KI gegen Latein auszuspielen, ist eine nette Provokation, um eine Bildungsdebatte in Gang zu bringen, zu Ende gedacht ist es nicht. Nicht nur wegen des breiten Aufschreis gegen den Verlust der kulturellen Identität. Vielmehr wegen der ungeklärten Frage, wie KI unterrichtet werden soll. Als Querschnittsmaterie über die Schulfächer hinweg oder als eigenes, zusätzliches Fach. Da Klarheit zu schaffen wäre als erster Schritt notwendig gewesen, ehe man sich in eine Debatte über Latein stürzt.
Oder der Modellversuch einer sechsjährigen Volksschule in Wien. Ohne genau sagen zu können, wie das konkret aussehen soll, ob dafür zwei Jahre des Gymnasiums oder der Mittelschule geopfert werden oder ob es nur eine zusätzliche Variante sein wird, ist es fahrlässig, so eine Diskussion anzustoßen. Das schürt nur Unsicherheit. Wobei er sich da weniger mit dem System, als eher mit den Eltern auseinandersetzen wird müssen. Bei allen bisherigen derartigen Versuchen konnte ihnen niemand die Sorge nehmen, dass sich die längere Volksschule zur Variante für schwächere Schüler entwickelt.
Um bei seinen Plänen alle mitzunehmen – wie angekündigt –, wird Christoph Wiederkehr seine Strategie ändern müssen. Sonst bewegt er sich mit seinen Plänen auf sehr dünnem Eis.
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