Die Krisen bringen neue alte Bescheidenheit

Karsamstagsgedanken: Weil die Zeiten leider härter werden, führt kein Weg an mehr Sparsamkeit und Selbstverantwortung vorbei.
Martina Salomon
Vegetable soup

Es ist noch nicht so lange her, da konnte man nicht Himbeeren das ganze Jahr über kaufen, Kiwi oder Süßkartoffeln galten vor fünfzig Jahren als völlig exotisch. Man wohnte in deutlich weniger komfortablen Wohnungen (manchmal sogar mit Klo am Gang) und gewöhnte sich an den autofreien Tag. Ohnehin besaß kaum eine Familie mehr als ein Auto. Radfahren war sparsame Notwendigkeit und nicht hip und elektrisch unterstützt. Die Anschaffung neuer Kleidung musste überlegt werden, sie war nicht nur einen Mouseklick entfernt. Ins Wirtshaus ging man nur am Wochenende, Fernreisen waren purer Luxus.

Die Bürger hatten deutlich niedrigere Ansprüche, scheuten sich dennoch nicht, Kinder in die Welt zu setzen, und hatten wahrscheinlich weniger Depressionen als heute. Der entscheidende Unterschied: Es gab Aufstiegshoffnung statt Abstiegsängste.

Wenn Junge jetzt die „Zero Waste Kitchen“ feiern, so haben das ihre Eltern und Großeltern schon lange davor schlicht als „Restlküche“ praktiziert. Diesen sorgsamen Umgang mit wertvollen Lebensmitteln, der auch Haushaltsgeld spart, muss die bequeme Wegwerf- und Lieferando-Gesellschaft wieder neu lernen. Die Globalisierung hat das Leben in den vergangenen Jahrzehnten billig gemacht, „Geiz ist geil“ wurde zum allgemeinen Schlachtruf und (Online-)Schnäppchenjagd zum Sport.

Weil die Zeiten härter werden, sehen manche – wie der amtierende Finanzminister – eine (weitere) Umverteilung als Allheilmittel. Es vergeht kein Tag, an dem nicht nach neuen Steuern im Höchststeuerland Österreich gerufen wird. Auch weil nach wie vor die Illusion erzeugt wird, dass eine österreichische Bundesregierung alles, auch weltweite Krisen, reparieren kann.

Die unbequeme Wahrheit ist: Nicht nur der Staat, auch der einzelne Bürger wird den Gürtel enger schnallen müssen. Natürlich darf kein (unverschuldet) Armer deswegen durch das soziale Netz fallen. Aber es muss Bewusstsein dafür entstehen, dass Energie nicht mehr billiger wird, dass unser europäischer Wohlstand nicht mehr zulegen wird, weil Milliarden auf anderen Kontinenten härter und länger arbeiten und weil eine Gesellschaft ohne Kinder keine Zukunft hat.

Wir erfahren gerade, dass wegen Lieferkettenproblemen, Düngemittelengpässen und Energiepreisexplosion nicht mehr alle Lebensmittel wie selbstverständlich immer verfügbar und billig sein werden. Wir müssen mehr auf regionale Selbstversorgung in allen Bereichen setzen und der Landwirtschaft ehrliche Preise zahlen. Der Einkauf wird dadurch teurer werden, das kann auch keine Regierungs(schein)aktivität abfedern. Wir werden uns wohl insgesamt mehr zumuten müssen. Aber wer sagt’s den Menschen?

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