Der arbeitende Mensch

Ungeachtet aller disruptiven Veränderungen brauchen wir auch künftig ein Verständnis von Arbeit als Teil eines erfüllten, geglückten Lebens.
Rudolf Mitlöhner
Eine Frau und ein humanoider Roboter stehen sich gegenüber und schauen sich intensiv in die Augen.

Tag der Arbeit – das klingt wie ein Gruß aus vergangenen Zeiten. Einst das Hochamt der Sozialdemokratie, eine Art politisch-ideologische Selbstvergewisserung, auf der richtigen Seite der Geschichte, sprich des (sozialen) Fortschritts zu stehen („Was wir ersehnen von der Zukunft Fernen …“). In seiner – nicht zu gering zu veranschlagenden – Bedeutung diesbezüglich (Selbstvergewisserung) vergleichbar mit Palmweihe und Fronleichnamsprozession für den Katholizismus.

Wie alles andere, hat sich auch das radikal verändert, was man früher die „Arbeitswelt“ nannte. Was überhaupt Arbeit ist, lässt sich vielfach nur schwer fassen. Noch weniger vermöchte jemand zu sagen, was Arbeit künftig sein wird. Die klassische Abgrenzung zur Freizeit ist zusehends verschwommen. Wir sprechen heute von Care-Arbeit, auch von Beziehungs- und Familienarbeit und dergleichen mehr. Unbezahlte Arbeit wird der Erwerbsarbeit gegenübergestellt – und die Tatsache, dass viele gesellschaftlich hocherwünschte und notwendige Tätigkeiten entweder gar nicht oder schlecht bezahlt sind, sorgt für Diskussionen.

Dass hier manche, teils krasse Unverhältnismäßigkeiten irritieren, dass einzelne Spitzengehälter absurd anmuten, ist nachvollziehbar. Aber wie ließe sich der Wert von Arbeit objektiv messen? Und vor allem: Wer wäre dazu befugt? Welches wie auch immer gedachte, wie auch immer zusammengesetzte Komitee oder Gremium sollte das sein?

Wir haben noch nicht einmal die Verwerfungen für die Arbeitswelt durch die Digitalisierung 1.0 richtig bewältigt, geschweige denn die disruptive Welle der Künstlichen Intelligenz, welche über uns rollt und noch gewaltig anschwellen wird. Was aber bleiben wird, weil es zur menschlichen Grundausstattung gehört, zur conditio humana: dass Arbeit, Tätigsein zu einem erfüllten Leben dazugehört. Was sich weder der Einzelne noch die Gesellschaft als Ganzes leisten kann, ist eine Grundhaltung, derzufolge Arbeit als bloße Last und zu vermeidendes Übel gesehen wird. Wenn Work-Life-Balance dies bedeutet, sollte sie nicht unser Leitbild sein. Wenn damit allerdings gemeint ist, dass es um eine bestmögliche Integration von Arbeit in unser Leben geht (was nie ohne Anstrengungen, Niederlagen, Enttäuschungen möglich ist), dann beschreibt der Begriff eine Zielvorstellung, der wir uns freilich immer nur annähern können.

Bleibend gültig erscheint, was Johannes Paul II. in seiner Enzyklika „Laborem exercens“ („Arbeit ausübend“) 1981 geschrieben hat: „Denn es steht außer Zweifel, dass die menschliche Arbeit ihren ethischen Wert hat, der unmittelbar […] mit der Tatsache verbunden ist, dass der, welcher sie ausführt, Person ist, ein mit Bewusstsein und Freiheit ausgestattetes Subjekt, das heißt ein Subjekt, das über sich entscheidet.“

Auch das ein Gruß aus vergangenen Zeiten.

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