EURO 2020: TRAINING DES ÖFB-TEAMS IN SEEFELD

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Leitartikel
06/26/2021

Kopfball

Was so ein großes Match mit Lockdown, Integration, U-Ausschuss und ganz viel anderem jenseits des Sports zu tun hat.

von Gert Korentschnig

Die Menschen eines Landes sitzen am Samstagabend so zahlreich bei der Eurovision vor dem Bildschirm (daheim oder im öffentlichen Raum), wie es seit Hans-Joachim Kulenkampffs Zeiten nicht mehr der Fall war. Sie identifizieren sich mit Akteuren, deren Eltern als Migranten nach Österreich kamen. Sie finden Spieler cool, deren Tattoos sie bei ihren eigenen Kindern mit allen Mitteln zu verhindern versuchen würden.

Sie tolerieren Schimpfwörter, wie sie nicht einmal bei Demos gegen die Corona-Maßnahmen gefallen sind. Sie werden zu Experten für Vierer- oder Fünferketten, ohne dass damit Erinnerungen an Zeugnisse verbunden wären. Sie wissen plötzlich, was ein zweiter Ball ist, obwohl es immer nur einen  gibt. Und sie vergessen im Augenblicke des Erfolges bereitwilligst all jene Zynismen, mit denen sie die Protagonisten jahrelang überschüttet haben.

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Wenn all das eintritt, im konkreten Fall und in dieser Intensität alle 40 bis 50 Jahre, dann ist Fußball. Also nicht Fußball als Spiel, sondern  Fußball als Zustand, als kollektives Ereignis. Diesbezüglich ist Fußball  sogar weit mehr als Ski, weil dort sind es ja (abgesehen vom Nationencup) immer die Einzelnen, die siegen. Ski ist Egoismus, Fußball Solidarität, auch jenseits von SPÖ-Parteitagen. Außerdem ist Fußball welt-, Ski primär alpen-umspannend. Fußball ist groß und aufblasbar – bis er platzt (wie in der Verlängerung).

Aber warum zieht dieses Strategiespiel, das man wie jedes andere im Kopf und nicht nur mit Kraft in den Beinen gewinnt, derart in den Bann? Warum ist das Abschneiden einer Nationalmannschaft  nachweislich entscheidend für die Stimmung in einem Land und sogar ein Wirtschaftsbarometer? Und warum ist der jetzige Zeitpunkt  allerorts so ideal für den Fokus auf eine Kugel, aus der keine Noppen wachsen?

Weil Corona mindestens so heftige psychologische Schäden angerichtet hat wie gesundheitliche.  Weil durch die therapeutische Europameisterschaft der Lockdown wirklich abgepfiffen wird. Weil das monothematische Bombardement endlich eine Erweiterung erfährt. Weil viele Menschen nach positiven Nachrichten lechzen und Entschlagungen im U-Ausschuss oder verächtliche Chats nicht mehr ertragen können. Weil beim Fußball gewinnt, wer mehr Tore erzielt und nicht, wer die bessere PR-Maschinerie besitzt oder raffiniertere Fouls begeht. Weil Fußball  bei allen Nationalismen etwas Verbindendes hat. Weil er Integration fördern kann, sowohl bei Aktiven als auch in den Köpfen von Couch Potatoes. Und weil Fußball, wenn man auch nur ein wenig davon versteht, durchaus die Sehnsucht nach Schönem erfüllen kann. 

Fußball ist Urlaub im und vom Alltag sowie Best-of-Homeoffice. Für all das kann man Alaba, Arnautović und allen anderen nur dankbar sein.

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