Die Welt sieht woanders hin, doch Grönland bleibt hellwach
Demonstration in Nuuk am 17. Jänner 2026, an der Spitze steht (schwarz gekleidet) Premier Jens-Frederik Nielsen
Sind die Grönland-Ambitionen von Donald Trump schon wieder Schnee von gestern? Alles wieder eingeschlafen? War es nur ein „Flooding the zone with shit“, wie sein früherer Sicherheitsberater Steve Bannon stets forderte, ein dauerndes Fluten der Öffentlichkeit mit Mist? Leider mitnichten. Das gewaltige Eisschild wird durch die brutalen Übergriffe der ICE-Beamten in Minnesota und die angedrohten Angriffe im Iran zwar derzeit medial in den Hintergrund gedrängt. Doch das Rahmenabkommen für ein Sicherheitskonzept mit der NATO hat die auf Grönland Gierigen keineswegs befriedet.
Spätestens im kommenden Jahrhundert wird die größte Insel der Erde zum unschätzbar kostbaren Asset. Der Klimawandel verringert die Schneefälle, das Eis entlang der Küsten schmilzt im Rekordtempo. So lassen sich nicht nur Bodenschätze leichter und kostengünstiger erschließen, sondern auch kühlungsbedürftige Serverfarmen der KI-Giganten einfacher aufbauen. Spekulanten aller Art, darunter nicht wenige Klimaleugner, haben sich längst in Stellung gebracht.
Hans-Peter Martin reiste im Jänner nach Grönland: "Um den ersten Sonnenaufgang nach den dunklen Monaten zu erleben."
Trump als Vortänzer
Die fast schon obsessive, allgegenwärtige Konzentration auf die Psyche des US-Präsidenten und seine absichtsvoll permanenten Disruptionen sollten dabei nicht den Blick auf zukunftsprägende Interessenslagen verstellen. Der unendlich narzisstische US-Präsident mit seinem Wahn zur Größe ist nur der charismatische Vortänzer auf der geoökonomischen Weltbühne. Den Saal füllen ihm Finanzmagnaten und Politprofis mit Prinzipien, vor allem rechts außen.
Die Trump-Bewegung speist sich dabei aus drei Bereichen. Die MAGAs sind die Lautesten, auch weil im Scheinwerferlicht der Kameras schon einige Spaltpilze wachsen. Die Evangelikalen wiederum mögen durch anhaltend verheimlichte Epstein-Akten in ihrem Glauben verunsichert sein. Vorstellbar, dass ihr vermeintlicher Heilsbringer im Weißen Haus noch vor dem Ende seiner Amtszeit gekreuzigt werden wird. Doch die Tech-Milliardäre, die dritte, weitaus mächtigste Gruppe, denkt in viel längeren Zeiträumen.
Tech-Gegenreformation
Durch eine regelbefreite KI-Entwicklung und staatenferne „Netzwerk-Territorien“ soll die Menschheit in weiter Zukunft tatsächlich glücklich leben können, Entbehrungen müssen bis dahin in Kauf genommen werden. Es ist ein geradezu religiöses Heilsversprechen für ein Zeitalter nach der Aufklärung. Eine techno-trumpgetriebene Gegenreformation!
Hans-Peter Martin zeigt auf ein Kriegsschiff. Dänemark hat die Überwachung vor Grönland verstärkt.
"Longtermism" bei Thiel
Da ich in der kalifornischen Bay Area in die Schule ging und als Spiegel-Korrespondent immer wieder dorthin zurückkehrte, konnte ich den Aufstieg so mancher Tech-Nerds aus der Nähe beobachten. Auf ihren geschäftsträchtigen Opportunismus schien Verlass. In diesem Sinne konnte auch die Hinwendung globaler Tech-Chefs zu Trump 2.0 interpretiert werden. Eine gar dauerhafte Verbindung von „Künstlicher Intelligenz und neuem Faschismus“ wirkte wie ein verschwörungstheoretisches Konstrukt. Doch unter diesem Titel erschien nun ein überzeugendes Buch des deutschen Universitätsprofessors Rainer Mühlhoff. Er belegt schlüssig, wie Tech-Milliardäre strukturell mit totalitären Perspektiven verbunden sind und radikale Trumpisten wiederum KI-Wunder erwarten. Allen voran marschiert der deutschstämmige Peter Thiel, in dessen Umfeld auch die frühere SPÖ-Bundesgeschäftsführerin Laura Rudas und Sebastian Kurz schon Beschäftigung fanden. „Longtermism“ ist das entscheidende Stichwort.
Soldatin in Sisimiut, Grönlands zweitgrößter Stadt
Vizepräsident J.D. Vance, dessen Politkarriere von Thiel maßgeblich finanziert wurde, bemüht sich, allen drei Trump-Strömungen gerecht zu werden. Dass sein Grönland-Besuch vor knapp einem Jahr zum PR-Desaster verkam, spielte im vergangenen August bei meiner ersten Reise auf die packende Eisinsel kaum noch eine Rolle. Zahlreiche Gesprächspartner strebten damals nach rascher Unabhängigkeit von der jahrhundertelangen Kolonialmacht Dänemark. Verlockend schien, gleichzeitig mit den USA und der EU vorteilhafte Abkommen schließen zu können.
Jetzt ist die Stimmung gekippt. Der Ernst der Lage wurde erkannt, eine US-Okkupation bleibt auf dem Radar, Dänemark ist nahe wie nie. Widerstand wird in verschiedenster Form vorbereitet, wie Militärs und Polizeioffiziere in Gesprächen deutlich machen. Der Schnee von gestern liegt noch, lange Nächte prägen weiterhin die Tage. Doch Grönland ist hellwach.
Zum Autor:
Hans-Peter Martin ist Journalist und Autor, war bis 2014 EU-Abgeordneter. Er besuchte im Jänner die drei größten Städte Grönlands.
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