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TEATA und Schauspielhaus: Neue Dachmarke ohne klare Rahmenbedingungen

Die Neuaufstellung des Schauspielhaus Wien wirft viele Fragen auf. Ein Gastkommentar von Fabian Burstein.
PK "VORSTELLUNG DER NEUEN KÜNSTLERISCHEN LEITUNG VON SCHAUSPIELHAUS WIEN": KAUP-HASLER (SPÖ)/OSTERTAG/CALIS

Die Bestellung der neuen Leitung für das Schauspielhaus Wien bescherte der selbst ernannten Theaterwelthauptstadt Wien wieder einmal einen jener Momente, in denen sich Kulturpolitik doch eher wie das Geplänkel einer von Hybris übermannten Möchtegern-Metropole anfühlt.

Nachdem die Nicht-Verlängerung des amtierenden Führungsteams ruchbar wurde, trat Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler am Donnerstag mit der designierten Nachfolgerin vor die Presse. Beides – Nicht-Verlängerung eines Vertrags und Präsentation einer neuen Personalie – ist das gute Recht einer Politikerin, die die kulturpolitischen Geschicke der Stadt Wien als Alleineigentümerin einer GmbH verantwortet. Doch dann wurde eine Konstellation ausgerollt, die politische und rechtliche Fragen aufwirft.

Ein Mann mit Brille und verschränkten Armen vor einer Wand mit Graffiti.

Fabian Burstein.

Sara Ostertag ist die neue Schauspielhaus-Chefin. Sie ist auch die Chefin der noch nicht eröffneten Kleinbühne TEATA, mit der sich das Theater an der Gumpendorfer Straße (vormals TAG) als mehrsprachiges Haus neu erfinden soll. Ostertag wechselt aber nicht. Sie übernimmt eine Doppelrolle. Und diese Rolle ist mit einer strukturellen Ansage hinterlegt, die es in sich hat: Das Schauspielhaus Wien wird zur „Dachmarke“ beider Spielstätten.

Eine Dachmarke hat eine übergeordnete Rolle. Zudem wird nur ein Geschäftsführungsgehalt kolportiert. Doch wie soll das gehen? Das TEATA gehört nämlich gar nicht der Stadt Wien, sondern dem Theaterverein Wien, also einer eigenen juristischen Person, mit Vorstand, Geschäftsführung, Satzung.

Umgehungskonstruktionen

Zu solchen Vereinen und zu stadtnahen GmbHs gibt es mehrere Lesarten. Wenn sie, wie z.B. der Verein „Theater der Jugend“, in Machtmissbrauchsvorwürfe verstrickt sind, waren der Politik die Hände gebunden – Stichwort „Unabhängigkeit“. Wenn es politisch was zu holen gibt, wird die eigentlich verantwortliche Struktur öffentlich ignoriert und die Politik präsentiert Entwicklungen selbst. Der Kultursommer Wien kann ein Lied davon singen. Der Rechnungshof kritisiert solche Auslagerungen als Umgehungskonstruktionen, die Transparenz und Kontrolle erschweren.

Der schamlose Gestus rund um die Schauspielhaus-Entscheidung, mit der zwei voneinander unabhängige Strukturen zu einer gemacht werden, ohne die rechtlichen Rahmenbedingungen zu erklären, ist beispiellos und entlarvend. Die Findungskommission sagt: „Das Schauspielhaus gewinnt auf diese Weise ein Labor, das TEATA den Anschluss an eine größere Bühne.“ Bloß, dass dieses Gremium mit der Besetzung einer Leitungsfunktion am Schauspielhaus und nicht mit der Positionierung des TEATA betraut war. Oder war sie das doch?

Unweigerlich tun sich Fragen auf: Üben Vertreter:innen der Stadt Wien als Fördergeberin auch eine faktische Führungsposition in geförderten Einrichtungen aus? Hat der Theaterverein als Gesellschafter so eine Konstellation verabschiedet, hat er seine Neo-Leiterin bevollmächtigt, das eigene Haus als „Mitgift“ in die Konzeptpräsentation einzubringen? Gibt es einen Vertrag zwischen den Institutionen? Wo wurde diese grundständige Möglichkeit im Vorfeld kommuniziert und hätten zum Beispiel das Wiener Theater Bronski & Grünberg oder – radikal international gedacht – ein Haus wie das Theater Kampnagel Hamburg die gleichen Chancen auf ein verschränktes Konzept gehabt?

Auch inhaltlich wird es heikel: Die zweifelsfrei angesehene Regisseurin Sara Ostertag hat mit dem TEATA ein Konzept entwickelt, das sich umbaubedingt noch keinen Tag beweisen konnte. Mit der nunmehrigen Koppelung wurde aus einer spannenden Arbeitshypothese ein veritabler Theater-Hedgefonds.

Interessen einer Kultur-Clique

Zu guter Letzt müssen wir auch beginnen, die Rolle der Personalberater:innen zu hinterfragen, die üblicherweise als überregional vernetzte Scouts und kritische Sparringpartner funktionieren – kritisch deshalb, weil die Reputation im Feld und ein tragfähiges Auftraggeberportfolio davon abhängen. Diese Rolle und ihre Auslegung ist auch eng mit der Personalpolitik Kaup-Haslers und ihren Narrativen rund um unabhängige Kommissionen verknüpft – von Kunsthalle und Wien Museum über Schauspielhaus und Brut bis hin zu Tanzquartier und Festwochen –, lässt aber an Vielfalt vermissen. Es drängt sich eine Frage auf, die der Szene sukzessive die Luft zum Atmen nimmt: Nämlich ob die berüchtigte Parteibuchwirtschaft von den Interessen einer kleinen Kultur-Clique abgelöst wurde.

Zum Autor:
Fabian Burstein ist Kulturmanager, Autor und Host des Podcasts „Bühneneingang“.

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