Der ORF steht an einem Wendepunkt
Der ORF steht an einem Wendepunkt. Gremien sollen neu geordnet, Verantwortlichkeiten neu definiert und politische Einflussnahmen neu gedacht werden. Doch während intensiv über Stiftungsräte, Publikumsräte und Führungspositionen diskutiert wird, fehlt eine zentrale Dimension: die Frage, welche Öffentlichkeit überhaupt angesprochen und gestärkt werden soll. Keine Strukturreform entfaltet Wirkung, wenn es an jener gesellschaftlichen Grundlage fehlt, die demokratische Medien erst tragfähig macht: einer informierten, beteiligungsfähigen und kritischen Öffentlichkeit.
John Evers.
Eine starke demokratische Öffentlichkeit entsteht nicht automatisch. Sie beruht auch auf kontinuierlicher, lebenslanger Bildung. Menschen müssen darin gestärkt werden, Informationen einzuordnen, Manipulation zu erkennen, Quellen kritisch zu prüfen und politische Prozesse zu verstehen und zu hinterfragen. Nur dann kann der ORF seinen öffentlich-rechtlichen Auftrag erfüllen, nur dann kann er Vertrauen zurückgewinnen.
Gerade in einem Jahr, in dem der ORF aufgrund personeller Turbulenzen, schwindender institutioneller Glaubwürdigkeit und allgemeiner Verunsicherung im politischen und medialen Umfeld besonders unter Beobachtung steht, wäre eine strategische Verbindung zum Bildungsbereich kein „Nice to have“, sondern ein notwendiger Grundpfeiler jeder Reform.
Gemeinnützige Erwachsenenbildung ist jener Bereich, in dem die Voraussetzungen einer starken demokratischen Öffentlichkeit täglich geschaffen werden. Mit über 2,5 Mio. Teilnahmen pro Jahr ist sie einer der größten Lernräume des Landes. Und sie erreicht auch jene Menschen, die im öffentlichen Diskurs oft unsichtbar bleiben wie bildungsbenachteiligte Gruppen, ältere Menschen, Personen mit Migrationsgeschichte oder Menschen in prekären Lebenslagen.
Diese Gruppen zu stärken bedeutet nicht nur, soziale Teilhabe zu fördern – es bedeutet auch, die demokratische Legitimation des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu sichern. Ein Medium, das einen Auftrag für alle Bürgerinnen und Bürger erfüllt, braucht auch ein Publikum, das sich angesprochen fühlt und in der Lage ist, Inhalte kritisch und kompetent zu nutzen.
Es gibt eine bemerkenswerte Nähe zwischen öffentlich-rechtlicher Bedienlogik und gemeinnütziger Erwachsenenbildung: Beide arbeiten nicht gewinnorientiert, sind einem öffentlichen Auftrag verpflichtet, und tragen entscheidend zur Widerstandsfähigkeit demokratischer Gesellschaften bei.
Vertrauen bilden
Eine ORF-Reform, die diese Synergien nicht berücksichtigt, bleibt unvollständig. Wer Vertrauen zurückgewinnen will, muss jene stärken, die Vertrauen bilden: die Bürgerinnen und Bürger. Der ORF wird sich nur dann nachhaltig erneuern, wenn er die Gesellschaft aktiv mitnimmt. Und die Gesellschaft wird diese Erneuerung nur dann tragen, wenn sie sich ihrer eigenen Rolle bewusst ist – als kritisches, informiertes und handlungsfähiges Publikum. Diese Bewusstwerdung entsteht nicht in Chefredaktionen oder in Gremiensitzungen. Sie entsteht, nicht nur, aber vor allem auch in Bildungsprozessen.
Zum Autor:
John Evers ist ORF-Publikumsrat (Bildung) und Vorsitzender der Konferenz der Erwachsenenbildung.
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