Es geht nicht mehr um Klimaneutralität
Die aktuelle OGM-Umfrage im Auftrag des KURIER (Artikel „Energiewende spaltet die Gesellschaft“ vom 13. April 2026) zeichnet ein besorgniserregendes Bild: Nur mehr ein Drittel der österreichischen Bevölkerung befürwortet einen Ausstieg aus fossilen Energiequellen bis 2040. Die Klimaneutralität Österreichs und der Ausbau erneuerbarer Energien haben für die Bevölkerung scheinbar drastisch an Relevanz verloren. So weit, so alarmierend.
Doch die Ursache dafür ist nicht per se das fehlende Interesse an sauberer Energie oder Klimaschutz. Vielmehr sind es die multiplen und nicht enden wollenden Krisenereignisse, global wie auch national, die den Blick auf akute Belastungen lenken und langfristige Interessen sogleich in den Hintergrund drängen. Der Krieg im Iran, der sich auf die gesamte Golfregion und den Nahen Osten erstreckt hat und durch die Sperre der Straße von Hormus auch rasch weltweite Auswirkungen zeitigte, hat eine weitere Welle der wirtschaftlichen Verunsicherung in unserem Land losgetreten. Was bei den hohen Spritpreisen begann, bricht nun auch auf dem Energiemarkt durch.
Vera Immitzer ist seit 2019 Geschäftsführerin des Verbandes PV Austria.
Sorgen
Die unmittelbaren täglichen Sorgen der Menschen liegen jetzt bei den direkt spürbaren Problemen wie der Teuerung. Klimaneutralität in vierzehn Jahren zu erreichen – das wirkt abstrakt und zu langfristig inmitten der aktuellen Probleme der Österreicherinnen und Österreicher.
Doch eines muss ganz klar gesagt werden: Inmitten der volatilen geopolitischen Lage hat der Ausbau der Erneuerbaren und der heimischen Stromversorgung vor allem mit Wirtschafts- und Sicherheitspolitik zu tun, weniger mit Klimapolitik.
Zwar wirkt es so, dass uns Öl- und Gaskrisen wie aus dem Nichts zu überfallen scheinen, doch bei zwei Krisen in vier Jahren sind sie längst keine einmaligen Ereignisse, sondern systemisch und wiederkehrend.
Wer glaubt, kleine Länder wie Österreich haben keinerlei Hebel in der Hand, um die massive Abhängigkeit und wirtschaftlichen Auswirkungen von fossilen Energien und ausländischen Importen zu reduzieren, der liegt falsch. Österreich ist gesegnet mit den Potenzialen vor der eigenen Haustür.
Klare Rahmenbedingungen
Um die Energie- und vor allem Preisunabhängigkeit Österreichs in dieser entscheidenden Phase weiter voranzutreiben, braucht es vor allem Klarheit und zeitgemäße gesetzliche Rahmenbedingungen für den Ausbau der erneuerbaren Energien. Leider schafft die Bundesregierung aktuell das Gegenteil: Nach jahrelangem Warten sind etwa die nun vorgesehenen Ausbauziele für Photovoltaik im Rahmen des kürzlich vorgestellten Erneuerbaren-Ausbau-Beschleunigungsgesetz (EABG) immer noch viel zu niedrig angesetzt. Mehr als die Hälfte der Bundesländer haben ihre Zielwerte jetzt schon erfüllt. Ambition und echter Wille sehen anders aus.
Wenn das Thema Klimaneutralität nicht eint, so ist es die leistbare Energieversorgung, die wir Österreicherinnen und Österreicher ganz unabhängig von den einzelnen Weltanschauungen anpeilen. Das lässt am Ende niemanden kalt. Dazu müsste die Regierung jedoch aus den Krisen endlich die richtigen Lehren ziehen.
Zur Autorin:
Vera Immitzer ist Geschäftsführerin des Bundesverbands Photovoltaic Austria.
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