KI statt Lateinstunden: Mutloser Minister, schlechter Deal für Schulen

Die bisher bekannten Elemente der Bildungsreform erschöpfen sich in kleinteiligen Eingriffen in die Stundentafel. Ein Gastkommentar von Bernhard Söllradl.
KI statt Lateinstunden: Mutloser Minister, schlechter Deal für Schulen

Geht es nach Bildungsminister Wiederkehr, steht den Schulen Großes bevor: Nach „jahrelangem Stillstand“ soll das Bildungssystem endlich zukunftsfit gemacht werden. Der Reformmotor brummt, die von Kritikern errichtete Mauer soll in hohem Tempo durchbrochen werden. Politik lebt auch von Inszenierung. Das Bild vom Minister auf der Überholspur scheint aber zu verschleiern, dass wir es nüchtern betrachtet mit einem recht ambitionslosen Vorhaben zu tun haben, das sich in wolkigen Ankündigungen und kleinteiligen Eingriffen in die Stundentafel zu erschöpfen droht.

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Bernhard Söllradl.

Ende Jänner stellte der Minister den Lateinlehrer:innen die Rute ins Fenster. Die Welt habe sich verändert, die Schule müsse Schritt halten. Latein? Relikt vergangener Tage und lästiges Hindernis. Wie zu erwarten, begann die Fachcommunity, ihr geliebtes Sprach-, Literatur- und Kulturfach engagiert zu verteidigen. Man könnte die Blickrichtung aber auch ändern und fragen, was die Schulen im Austausch für Stundenkürzungen bekommen sollen. Viel ist das nicht. Trägt man die Infos aus Medien und Hintergrundgesprächen zusammen, wäre dieses Szenario denkbar: Ab Herbst 2027 hätte die Oberstufenschülerin Anna in der 5. Klasse eine Stunde KI und in der 6. und 7. Klasse je eine Stunde Demokratie- und Medienbildung. In Latein und Spanisch würde die Zeit gerade noch für einen basalen Vokabel- und Grammatikkurs reichen. Textinterpretation und Kulturkunde? Fehlanzeige.

Was wird Anna aus den neuen Fächern mitnehmen? Bekannt ist, dass Schüler:innen im KI-Unterricht lernen sollen, Fake News von echten Fakten zu unterscheiden und Deepfakes zu erkennen. Das könnten echte Expert:innen bei Schulworkshops aber effektiver vermitteln als Lehrkräfte mit Zusatzausbildung. Dass es ein eigenes Fach für Medien- und Demokratiebildung geben soll, erschließt sich noch weniger. Derart zentrale Inhalte sind selbstverständlich längst als fächerübergreifende Unterrichtsprinzipien im AHS-Lehrplan verankert.

Eine homöopathische Dosis KI, ein bisschen Medien- und Demokratiebildung und weniger Sprachunterricht sollen das Gymnasium zukunftsfit machen? In Ruhe betrachtet scheint mir diese Kosten-Nutzen-Rechnung nicht aufzugehen.

Reform mit Substanz

Spricht hier ein Vertreter jenes „Blockierervereins“, der laut Neos-Klubobmann Yannick Shetty aus Prinzip gegen jede Reform im Bildungsbereich ankämpft? Die Pauschalunterstellung ist fehl am Platz. Lateinlehrer:innen, die für ihr Fach in die Bresche springen, tun das nicht aus Trotz, sondern weil sie sich eine Reform mit Substanz wünschen.

Wenn sie damit abgespeist werden, dass der Wiederkehr-Plan die Schulautonomie stärke und die gestrichenen Lateinstunden ja auf diesem Wege ersetzt werden könnten, drängt sich einmal mehr die Frage nach der Sinnhaftigkeit eines groben Eingriffs in die Stundentafel auf. Dass es für neue Inhalte zwangsläufig neue Fächer braucht, ist etwas zu mechanisch gedacht. Fehlt es hier am Mut, sich von altem Schubladendenken zu lösen und Wissensbereiche vernetzt zu denken?

Zum Autor:
Bernhard Söllradl ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Klassische Philologie, Mittel- und Neulatein der Uni Wien.

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