Iran-Krieg: Ein bitteres Ende oder endlose Bitterkeit?

Das Verstummen der Bomben nährt die Angst, dass das Regime bleibt. Ein Gastkommentar von Somayeh Farhadi-Müller.
IRAN-US-ISRAEL-CONFLICT

In der Geschichte gibt es nur sehr wenige, vielleicht fast keine Völker, die sich Krieg für ihr eigenes Land und Bomben auf ihre eigenen Häuser wünschen. Das ist wohl der äußerste Punkt menschlicher Verzweiflung. Es ist der Moment, in dem der Staat nicht mehr Schutz bietet, sondern zum Gefängniswärter seiner eigenen Bevölkerung wird. Wenn auf jede zivile Forderung mit Hinrichtungen, Kugeln, sexueller Gewalt, Brutalität und Massengräbern geantwortet wird, wenn über Jahre jeder andere Weg in eine Sackgasse führt, dann bleibt irgendwann nur noch die verzweifelte Geste leerer Hände in Richtung äußerer Kräfte: Kommt, bombardiert, aber rettet uns!

Frau mit langen braunen Haaren trägt eine weiße Bluse und einen dunklen Blazer, schaut ernst nach vorn.

Somayeh Farhadi-Müller.

Unterbrechung des Leids

So erklärt sich, warum für viele Menschen im Iran das Verstummen der Bomben nicht automatisch Erleichterung bedeutete, sondern oft die Rückkehr einer anderen Angst: der Angst, dass das Regime bleibt. Und so ist der Waffenstillstand für viele nicht das Ende des Leids, sondern nur seine Unterbrechung. Eine beunruhigende Pause, während die Hoffnung weiterlebt, dass die Wurzeln der Islamischen Republik nicht nur im Iran, sondern endgültig beseitigt werden.

Dass die zerstörerischen grenzüberschreitenden Auswirkungen dieses Regimes längst sichtbar sind, ist schwerlich zu bestreiten. Für wache Gewissen und einen Blick ohne ideologische Scheuklappen liegt es offen zutage. Dieses Regime exportiert seit Jahren Unsicherheit: durch Angriffe auf Nachbarstaaten, durch Geiselnahme als politisches Druckmittel, durch Drohungen gegen die Straße von Hormus und damit gegen die globale Energiesicherheit, durch die Unterstützung von Stellvertretergruppen, durch die Förderung von Extremismus und Antisemitismus, durch Unterstützung oder Planung von Terrorakten im Ausland und durch seine Rolle im Krieg in der Ukraine mittels Drohnen und anderer militärischer Mittel. Es geht also nicht nur darum, wie Menschen im Iran unter diesem Regime leben. Es geht auch darum, wie viel Angst, Chaos und Instabilität dieses System weit über seine Grenzen hinaus erzeugt.

Mehr Hinrichtungen 

Selbst während der Luftangriffe hat dieses Regime nicht aufgehört, die eigene Bevölkerung zu unterdrücken. Im Gegenteil: Die Zahl der täglichen Hinrichtungen unschuldiger Demonstrierender stieg unter fadenscheinigen Vorwänden weiter an. Terroristische Stellvertretergruppen wurden ins iranische Staatsgebiet hineingezogen. Das Internet wurde abgeschaltet, Menschen wurden bedroht und eingeschüchtert. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass Luftabwehrsysteme in Schulen und anderen öffentlichen Einrichtungen platziert wurden. Wer sich fragt, warum sich vieles davon nicht vollständig in internationalen Quellen findet, sollte sich genau diese Realität vor Augen halten: Seit über hundert Tagen ist das Internet weitgehend unterbrochen. Genau so werden Wahrheit, Zeugenschaft und Dokumentation erstickt.

Gerade darin zeigt sich etwas sehr Klares: Die Sprache der Beschwichtigung, des Ausgleichs und der Hoffnung auf Reform funktioniert gegenüber einem Regime mit einer solchen Gewaltbilanz nicht. Beschwichtigung gegenüber einer solchen Struktur gefährdet nur weitere unschuldige Menschen, nicht nur im Iran, sondern in der ganzen Region und darüber hinaus. Sie produziert nichts als die endlose Bitterkeit von Angst, Unruhe und Instabilität.

 

Wohin führt dieser Weg?

Für ein endgültiges Urteil ist es noch zu früh. Es gibt bisher nur einen Waffenstillstand, keinen klaren Ausgang. Aber selbst wenn das Ende noch offen ist, steht eines schon jetzt fest: Die wichtigste Folge dieser Tage entsteht vielleicht nicht auf dem Schlachtfeld, sondern in uns selbst. Viele von uns, die bis vor Kurzem kein klares politisches Bewusstsein hatten, sind wach geworden. Wir haben gesehen, wir haben verstanden, und wir können nicht mehr in das frühere Nichtwissen zurück.
Diese Form der Bewusstwerdung ist nicht weniger bedeutsam als jede militärische Entwicklung. Denn dauerhafte Veränderung beginnt am Ende in den Menschen. Eine Gesellschaft verändert sich nicht allein durch den Zusammenbruch einer Struktur. Sie verändert sich durch Menschen, die verstanden haben. Und wenn Bewusstsein einmal begonnen hat, kommt Veränderung vielleicht spät, aber sie wird nicht mehr unmöglich.
 

Zur Autorin: 
Somayeh Farhadi-Müller ist eine Neurologin in Wien. Sie studierte Medizin im Iran und lebt seit  Jahren in Österreich.

 

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