Wenn Menschlichkeit keine Parteifarbe hat
Für uns Iranerinnen und Iraner, die außerhalb des Iran leben, sind diese Tage schwer. Wir leben hier. Wir arbeiten, bringen unsere Kinder zur Schule, erledigen unseren Alltag. Das Leben geht weiter. Und trotzdem ist ein Teil von uns ständig woanders. Im Iran. Bei den Menschen, die verhaftet wurden. Bei den Familien, die auf eine Nachricht warten. Bei den jungen Menschen, denen wegen ihres Protests gegen das Regime die Hinrichtung droht.
Hinrichtungsstopp gefordert
In den vergangenen Monaten habe ich als Ärztin mehrmals über die Reaktionen Europas auf die Entwicklungen im Iran geschrieben. Ich habe das Schweigen kritisiert. Die Zweifel. Und die große Kluft zwischen dem, was im Iran tatsächlich geschieht, und dem, was davon mitunter in europäischen Medien und politischen Debatten ankommt. Aber Ehrlichkeit bedeutet nicht nur, zu kritisieren. Wenn etwas richtig ist, sollte man das genauso klar sagen. Und deshalb möchte ich dieses Mal danke sagen: den Vertreterinnen und Vertretern aller fünf Parlamentsfraktionen Österreichs, die gemeinsam einen sofortigen Stopp der Hinrichtungen von Protestierenden im Iran gefordert haben.
Was mich an dieser Erklärung vielleicht am meisten berührt, ist die Tatsache, dass alle fünf Parlamentsfraktionen gemeinsam dahinterstehen. Parteien, die sich in vielen Fragen nur schwer einigen können. Doch dieses Mal war etwas wichtiger als ihre politischen Unterschiede: Menschenleben. Genau darin liegt für mich die eigentliche Bedeutung der Menschenrechte. Nicht darin, ob jemand politisch links oder rechts steht. Nicht darin, ob Regierung oder Opposition spricht. Und auch nicht darin, ob ein Opfer dieselben politischen Überzeugungen hat wie wir. Sondern in einer einfachen Überzeugung: Das Leben eines Menschen darf niemals zum Instrument politischer Unterdrückung werden.
Natürlich reicht eine Erklärung allein nicht aus. Wenn Europa den politischen Missbrauch der Todesstrafe wirklich ablehnt, muss sich diese Haltung auch in der Diplomatie, in den politischen Beziehungen und im internationalen Druck widerspiegeln. Menschenrechte dürfen nicht nur dann wichtig sein, wenn es einfach ist, über sie zu sprechen. Aber auch große politische Veränderungen bestehen aus kleinen Schritten.
Hoffnung gegen Verzweiflung
Für uns sind solche Schritte eine Erinnerung daran, dass es noch Menschen gibt, die über politische Positionen und Differenzen hinweg dem Menschen und dem menschlichen Leben einen Wert beimessen. Dass noch nicht alle ihre menschliche Integrität den eigenen Interessen geopfert und sich vom Leid anderer abgewandt haben. Dass es noch Menschen gibt, die angesichts von Hinrichtungen und Repression nicht bereit sind zu schweigen. Und in Tagen, in denen Verzweiflung oft leichter fällt als Hoffnung, ist das keine Kleinigkeit.
Danke. Danke dafür, dass Sie gezeigt haben, dass Menschlichkeit keine Parteifarbe haben muss, wenn Menschenleben auf dem Spiel stehen.
Zur Autorin:
Somayeh Farhadi-Müller ist Neurologin. Sie studierte Medizin im Iran und lebt seit zwölf Jahren in Österreich.
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