EU-Mercosur: Österreich in der Schnitzel-Falle

Während wir uns an Rindfleischquoten abarbeiten, verlieren wir den Anschluss an die Weltmärkte. Ein Gastkommentar von Michael Rauhofer.
EU-Mercosur: Österreich in der Schnitzel-Falle

Erinnern Sie sich an das berühmte Chlorhuhn? 2017 war es das Schreckgespenst der CETA-Gegner, beim EU-Handelsabkommen mit Kanada. Die Erzählung ging so: Nordamerikanische Standards würden uns schleichend vergiften. Passiert ist nichts davon. In Österreich reagieren wir verlässlich emotional, wenn unsere hohen Lebensmittelstandards bedroht scheinen. Das ist legitim – doch diesmal verstellt uns die Angst den Blick auf das Wesentliche.

Die Fakten: Die geplante Mercosur-Quote von 99.000 Tonnen Rindfleisch entspricht gerade einmal 1,5 Prozent der EU-Produktion. Wir werden also nicht von südamerikanischem Fleisch überschwemmt werden. Richtig ist: In einem gesättigten Markt können bereits 0,2 Prozent Überproduktion die Preise drücken. Das ist ein ernstes Problem für die heimischen Bauern, das politisch gelöst werden muss. Aber diese Nuance gegen die gesamte industrielle Basis des Landes aufzuwiegen, ist unverhältnismäßig.

Wir debattieren verbissen über die Beilage, während uns das Hauptgericht – unsere industrielle Zukunft – längst vom Teller gezogen wird.

Ein Mann mit Brille und Anzug steht lächelnd vor gelben Lkw-Aufliegern mit unscharfer Beschriftung.

Michael Rauhofer.

Die Rohstoff-Illusion

Als Logistiker sehe ich die Welt nicht in Schlagworten, sondern in Warenströmen. Und diese fließen derzeit in Europa nicht so stark, wie sie könnten.

EU-Mercosur ist keine agrarpolitische Detailfrage, sondern ein notwendiger Befreiungsschlag. Wir haben aus dem russischen Gas-Debakel und dem Halbleiter-Mangel offenbar nichts gelernt. Während wir über argentinische Rinder philosophieren, sichert sich China in Lateinamerika längst die Abbaurechte für die Welt von morgen.

Brasilien kontrolliert 90 Prozent der weltweiten Niob-Produktion – ohne dieses Metall gibt es keinen Hochleistungsstahl, keine Luftfahrt, kein CERN. Unsere Lithium-Nachfrage wird bis 2030 explodieren. Wer glaubt, die industrielle Transformation mit „heimischen Tugenden“ zu bewältigen, irrt gewaltig. Wer den privilegierten Zugang nach Südamerika heute ausschlägt, steht morgen in der Warteschlange hinter Peking. Und zwar ganz hinten.

Schweigen der Zulieferer

Die Realität in den Industriezentren von der Steiermark bis Oberösterreich ist nicht mehr ganz so rosig. Wenn Leitbetriebe wie Magna mit Überkapazitäten kämpfen, liegt das auch an unserer Unfähigkeit, neue Märkte zu öffnen. EU-Mercosur bedeutet Zugang zu einem Markt von 700 Millionen Menschen und die Ersparnis von vier Milliarden Euro an Zöllen jährlich. Davon würden der Maschinenbau, die Chemie und die Automobilindustrie – das Rückgrat unseres Wohlstands – massiv profitieren.

Natürlich ist das Abkommen ein Kind des letzten Jahrtausends. Moderne Verträge sind ökologisch deutlich inklusiver. Doch ohne Vertrag haben wir exakt null Einfluss auf südamerikanische Standards. Mit dem Abkommen haben wir einen Hebel – etwa beim Pariser Klimaabkommen.

Luxus des Vetos

China baut seine „Seidenstraße“, die USA setzen auf Protektionismus, und Österreich leistet sich den Luxus eines Vetos. Die Welt wartet nicht auf uns. Wer nur auf den Teller schaut, übersieht, dass der Tisch gerade abgeräumt wird.

Zum Autor:
Michael Rauhofer ist Managing Director des Logistikers Dachser Austria.

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