„Made in Europe“ muss in Europa Vorrang haben

voestalpine AG
Wir müssen eine echte europäische Bevorzugung in unseren strategisch wichtigsten Sektoren etablieren. Ein Aufruf des Industriekommissars Stéphane Séjourné, unterzeichnet von mehr als 1141 Wirtschaftsgrößen.

Das Jahr 2026 brach an und wir sahen uns einer Welt gegenüber, die wir nicht wiederzuerkennen glaubten. Einer Welt, die von Machtverhältnissen bestimmt wird. Zölle, massive Subventionen, Exportbeschränkungen, Verletzungen geistigen Eigentums – der internationale Wettbewerb war noch nie so unfair. Angesichts der Neudefinition der Handelsregeln haben wir keine Wahl mehr. Ohne eine ambitionierte, effektive und pragmatische Industriepolitik ist die europäische Wirtschaft dazu verdammt, nur ein Spielfeld für ihre Konkurrenten zu sein. Die Risiken sind allgegenwärtig: die Gefährdung unserer Vorzeigeindustrien und unseres Know-hows; die Schrumpfung der globalen industriellen Präsenz Europas; das schleichende Verkommen unseres Kontinents zu einer bloßen Produktionsstätte für externe Mächte. Das dürfen wir nicht zulassen. Deshalb hat die Europäische Kommission gemeinsam mit den führenden Vertretern der europäischen Wirtschaft seit über einem Jahr die Wettbewerbsfähigkeit wieder in den Mittelpunkt der europäischen Geopolitik gestellt. Gemeinsam setzen wir alles daran, den Zugang unserer Branchen zu Energie, Rohstoffen, Investitionen, Fachkräften und natürlich zu unserem Markt mit 450 Millionen Konsumenten zu verbessern.

Was können wir also tun? Unsere Antwort lässt sich in drei Worten zusammenfassen, die den Vorteil haben, in jeder Sprache der Welt verstanden zu werden: „Made in Europe“. Die Chinesen haben „Made in China“, die Amerikaner „Buy American“, und die meisten anderen Wirtschaftsmächte verfolgen ähnliche Strategien, die ihren eigenen strategischen Ressourcen Vorrang einräumen. Warum also nicht wir?

European Parliament session in Strasbourg

Stéphane Séjourné.

Strategischer produzieren

Jetzt ist es an der Zeit, dass Europa mehr und vor allem strategischer produziert. Um unsere wirtschaftliche Sicherheit zu gewährleisten, müssen wir unsere wichtigsten Wertschöpfungsketten stärken und Risiken minimieren. Wir als Wirtschafts- und Politikführer müssen gemeinsam das tun, was wir uns bisher nie getraut haben – hauptsächlich aus Angst, Ideologie oder Gewohnheit. Wir müssen ein für alle Mal eine echte europäische Bevorzugung in unseren strategisch wichtigsten Sektoren etablieren. Sie basiert auf einem ganz einfachen Prinzip: Wann immer europäische öffentliche Gelder eingesetzt werden, müssen sie zur europäischen Produktion und zu qualifizierten Arbeitsplätzen beitragen.

Ob öffentliche Ausschreibung, direkte staatliche Beihilfen oder andere Formen der finanziellen Unterstützung – das begünstigte Unternehmen muss einen wesentlichen Teil seiner Produktion in Europa erbringen. Diese Logik gilt selbstverständlich auch für ausländische Direktinvestitionen.

Und wir werden sie „auf europäische Art“ anwenden. Das heißt: ohne Bürokratie. Und wir werden die wirtschaftlichen Auswirkungen sorgfältig prüfen, unsere vertrauenswürdigen internationalen Partner einbeziehen und internationales Recht einhalten.

Getreu unserer DNA werden wir ein notwendiges Gleichgewicht wahren: Wir werden Europas Offenheit gegenüber seinen vertrauenswürdigen Partnern bewahren und gleichzeitig unsere Interessen fördern, indem wir gleiche Wettbewerbsbedingungen schaffen und unsere Industrie, unser intellektuelles Kapital, unsere Arbeitskräfte und unsere Werte unterstützen und schützen.

Diese Begründung werden wir bei jeder Initiative verteidigen. Es ist ein Akt wirtschaftlicher Unabhängigkeit, eine direkte Umsetzung des Draghi-Berichts und ein klares Bekenntnis zu Europa.

Zum Autor und zur Initiative:

Stéphane Séjourné ist seit 2024 Industriekommissar der EU, war davor französischer Außenminister (RE). Seine Initiative „Für eine europäische Präferenz“ wurde von mehr als 1141 CEOs, Wirtschaftsführer und Gewerkschaftern in Europa unterschrieben, darunter Air France KLM, ArcelorMittal, Bosch, Continental, EDF, Euromines, Michelin, Nokian Tyres, Novo Nordisk, Pirelli, Salzgitter, Sanofi, Thyssenkrupp, U.S. Steel Kosice, Valeo, Varta, Viscom, Wacker Chemie und aus Österreich Alpla Recycling, ARI, Fronius International, Hammerer Aluminium, Logiicdev (Chips), Mepura, Plansee, RHI Magnesita, Siemens Mobiliy Austria, Sonnenkraft Energy, Speedinvest, Voestalpine Stahl, WKO Fachverband Bergwerke und Stahl u.a.

Dieser Gastkommentar erscheint in ausgewählten Tageszeitungen in Europa.

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