Doskozils Herzchirurgie: Heldenhaft, aber ökonomisch fragwürdig
In Österreich gibt es 270 Spitäler mit mehr als 2.000 Fachabteilungen. Es ist schon erstaunlich, dass es wegen der Errichtung einer einzigen Abteilung so viel politischen Wirbel mit entsprechender öffentlicher Aufmerksamkeit gibt – inklusive anhängiger Gerichtsverfahren, da sowohl das Gesundheitsministerium als auch die ÖGK beim Landesverwaltungsgericht Rechtsmittel eingelegt haben.
Dies liegt zweifelsohne daran, dass der burgenländische Landeshauptmann es liebt, sich mit dem Bund zu duellieren, und in diesem speziellen Fall auch mit der eigenen Partei, da das im Bund dafür zuständige Gesundheitsministerium in roter Hand ist.
Sein Einsatz für die burgenländischen Patienten ist zwar heldenhaft und wird ihm viele zusätzliche Wählerstimmen bringen, er ist aber inhaltlich und ökonomisch mehr als zu hinterfragen.
Ernst Wolner.
Dazu einige Fakten: der Bedarf der Operationen mit Hilfe der Herz-Lungen-Maschine ist in den letzten Jahrzehnten deutlich zurückgegangen, da viele Eingriffe heute durch Einführen von Kathetern von Arm oder Leiste die konventionelle Herzoperation ersetzen. Man rechnet heute mit 600 bis 800 Operationen pro Million Einwohnern. Die Ost-Region hat, wenn man das Südburgenland abzieht, welches nach Graz tendiert, etwa 3,5 Millionen Einwohner, sodass jährlich etwas mehr als 2.000 Operationen in dieser Region benötigt werden. Diese Zahl wird durch die beiden Zentren in Wien und St. Pölten recht gut abgedeckt, sodass rein von den Zahlen her ein zusätzlicher Bedarf für ein neues Zentrum kaum besteht.
Das Argument mit langen Wartezeiten ist falsch und fällt unter den Begriff „fake news“. Ein Anruf bei den drei Zentren würde ergeben, dass die maximale Wartezeit bei zwei Monaten liegt, in der Regel nur wenige Wochen, und dass Notfälle sofort eingeschoben werden können. Jeder Patient, der auf eine künstliche Hüfte wartet, kann von solchen Wartezeiten nur träumen.
Vonseiten der burgenländischen Krankenanstalten AG wird hingewiesen, dass etwa 300 Operationen im Jahr geplant sind. Sollte diese Zahl überhaupt erreicht werden, so muss mit aller Deutlichkeit darauf hingewiesen werden, dass eine solche Konstruktion extrem unökonomisch ist, die Mindestzahl pro Zentrum ist 500. Egal, ob 300 oder 1500 Operationen pro Jahr durchgeführt werden, man hat immer identische Vorhaltekosten. Was heißt das? Es müssen 24 Stunden ein Operationsteam, speziell geschulte Narkoseärzte einschließlich Krankenpflegepersonal, Kardiotechniker, spezielle Laborfachkräfte etc. zur Verfügung gestellt werden. Daneben benötigt die Herzchirurgie auch einen größeren Gerätepark. Es ist für jeden leicht verständlich, je mehr Eingriffe durchgeführt werden, desto geringer sind die Vorhaltekosten pro Operation und desto ökonomischer ist der Betrieb. Die Behauptung, wir Burgenländer zahlen es selbst und nicht der Bund, ist mehr als kühn. Das Burgenland bekommt, so wie alle anderen Bundesländer, das Geld im Rahmen des Finanzausgleiches vom Bund, und so zahlen wir alle.
Eisenstädter nach Wien
Im Burgenland gibt es Herzkathetereinrichtungen in Eisenstadt und in Oberwart zur Vorbereitung von Patienten für eine Herzoperation. Es ist mehr als fraglich, ob die Eisenstädter Patienten zu einer notwendigen Operation nach Oberwart fahren werden, wenn Wien viel näher liegt und wie schon jetzt eine vernünftige Qualität und Wartezeit anbietet. Allerdings wäre es dazu dringlichst notwendig, dass der Gastpatientenstreit beendet wird, alles andere kann man nur unter dem Begriff „Torheit der Regierenden“ zusammenfassen.
Falls die Herzchirurgie in Oberwart trotz allem in Betrieb bleibt, wünsche ich ihr viel Erfolg. Ökonomisch sinnvoller wäre eventuell nicht eine isolierte Herzchirurgie, sondern eine Abteilung für Herz-, Gefäß- und Thoraxchirurgie.
Allerdings hat das Burgenland ganz andere Probleme. Die Lebenserwartung und die gesunden Lebensjahre der Burgenländer/innen sind deutlich kürzer als in anderen Bundesländern, und das viele Geld, das nun für die Errichtung und den Betrieb einer Herzchirurgie in Oberwart verwendet wird, wäre viel besser in Gesundheitsprävention investiert. Aber mit Prävention gewinnt man keine Wahlen.
Zum Autor:
Ernst Wolner war 27 Jahre Vorstand der größten herzchirurgischen Abteilung Österreichs und Präsident des Obersten Sanitätsrates.
Kommentare