Attacken auf Meinl-Reisinger – Gerichtsurteil als Freibrief für Outlaws?
Am 19. September ist der internationale „Talk like a Pirate Day“. Manche feiern ihn täglich.
Seeräuber begehen kriminelle Überfälle auf hoher See, wo bekanntlich keine externe Ordnungsmacht live da ist – und zielt u. a. auf Geiselnahmen. Alltagspiraten zielen auf Geiselnahme von Kapitänsseelen, bevorzugt wenn diese weiblich sind, und – was vergessen wird – auf die ihrer Crew.
Das vergisst auch die Richterschaft, die mit Freisprüchen die Sprachpiraterie – zuletzt gegen Beate Meinl-Reisinger – unterstützt. Möglicherweise schweißt dies den Zusammenhalt der Crew der Außenministerin stärker zusammen – für ihre Kinder und weitere Familie bedeutet es die Gefahr einer weitreichenden Gesundheitsschädigung.
Rotraud Perner.
Mundtot machen
Es geht nämlich nicht darum, ob die verächtlich gemachte Person „abgebrüht“ genug ist, die Verbalattacke „wegzustecken“ – es geht um die Absicht des Täters und sein Bewirken, zumindest Stress auszulösen, Intrusionen (sogenannte Flashbacks), das Immunsystem zu schädigen und die angegriffene Person „mundtot“ zu machen. Mundtot ist aber auch tot.
Da hilft auch kein sich Ausreden auf Spaß oder Humor. Sigmund Freud hat in seiner Abhandlung „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten“ zwischen Wortspielen, Ironie, Zynismus etc. und Komik differenziert. Er schrieb: „Die Tendenzen des Witzes sind nun leicht zu übersehen. Wo der Witz nicht Selbstzweck, d. h. harmlos ist, stellt er sich in den Dienst von zwei Tendenzen, die selbst eine Vereinigung unter einen Gesichtspunkt zulassen: er ist entweder feindseliger Witz (der zur Aggression, Satire, Abwehr dient) oder obszöner Witz (welcher der Entblößung dient).“
Tatsächlich entblößt sich der Witzbold selbst als unzivilisiert, möglicherweise auch psychisch krank (Wiederholungszwang? Tourette? Borderline?), jedenfalls aber außerhalb von Gesetz, guten Sitten und Anstand. Dorthin gehören er oder sie wieder zurückgeholt – zumindest aber eingeladen. Bei Unmündigen kann man die Eltern in die Pflicht nehmen – oder amtlich ersetzen. Bei Erwachsenen braucht es deutliche Grenzsetzungen und nicht subjektive „Solidarität“ aus der Juristenschaft oder dem (auch virtuellen) Bierzelt. Dafür gibt es Möglichkeiten wie Auflagen, Bewährungshilfe oder wenigstens Nachschulung. Die würde auch der Richterschaft nicht schaden (und ebenso jenen Gerichtsgutachter:innen, die nicht auch voll ausgebildete Psychotherapeut:innen sind).
Applausersatz in sozialen Medien
In einer Zeit, in der immer mehr Menschen – vor allem sehr junge – hoffen, durch Applaus am Stammtisch oder Likes in Social Media Respekt und Wertschätzung ersetzen zu können, braucht es dringend (d. h. massenhaft und unentwegt) Vorbilder für legale Äußerung von Kritik. Politiker sind gefordert, vor allem das Präsidium des Nationalrats, den Pseudo-Piraten-Talk zu unterbinden und ebenso Moderator:innen in audiovisuellen Medien.
Wer nämlich wirklich wie ein Pirat reden will, muss nicht nur das Wort „ich“ auslassen, sondern laufend Worte wie „Aye“, „Ahoi!“ von sich geben und seine Rede mit einem brausenden „Arr!“ beenden. Das wäre mentale Transparenz.
Zur Autorin:
Rotraud Perner ist Juristin, Psychoanalytikerin, war Univ.-Prof. für Prävention und Gesundheitskommunikation.
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