People eat in front of a sign for Bulleit Frontier Whiskey in Grand Central Market in Los Angeles
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Amerika im Glas: Was den Bourbon so besonders macht

Lange war Scotch das Maß aller Dinge. Doch jetzt ist ein Whiskey angesagt, der nach Holzveranda, endlosen Highways und ebensolchen Nächten klingt: Bourbon. Eine Reise durch Amerikas flüssige Seele.

Es beginnt meistens mit einem schweren Glas in einer schweren Hand. Bernsteinfarben. Eiswürfel? Vielleicht. Viel wichtiger ist ohnehin die Atmosphäre drumherum: Holz, Leder, Abendlicht. Draußen Weite, drinnen ein Mann, der aussieht, als würde er selten unnötig reden.

Nach Jahren, in denen Scotch die obere Liga der Whiskey-Kultur dominierte – torfig, komplex, ehrfürchtig besprochen wie ein alter Bordeaux –, entdecken plötzlich wieder alle Amerikas große Spirituose...

Bars bauen ihre Bourbon-Auswahl aus, Sammler jagen limitierte Abfüllungen, junge Männer bestellen wieder Old Fashioneds statt Negronis, und Erfolgsserien wie Yellowstone oder 1883 haben aus staubiger Americana (Wildwest-Atmosphäre, mehr dazu ab S. 36 ) plötzlich wieder ein globales Sehnsuchtsbild gemacht. 

Doch hinter dem Boom steckt weit mehr als Cowboy-Romantik. Ist Bourbon eigentlich wirklich nur (billiger) Whiskey? Oder ist Bourbon ein Gefühl. Wenn ja, dann ist es genau dieses Gefühl, das gerade ein erstaunliches Revival erlebt.

Bourbon

Distiller’s Select von Woodford Reserve, 43,2 %, kraftvoll, robust wie ein echter Dutton. Ein Hauch Eukalyptus und Pfefferminze, Malznoten, eine Nuance Kakao, ab  29,90 € 

©Hersteller

Der Boom hat mit Sehnsucht nach Dingen zu tun, die analog wirken. Nach Luxus, ohne geschniegelt zu sein. Nach einer Form von Männlichkeit, die unaufgeregt ist. Geerdet. Und wenn eine Spirituose in dieses Bild passt, dann ist es eben der Bourbon.

Weniger Nebel, mehr Abendsonne

Der Unterschied zum Scotch beginnt schon beim Geschmack – und endet beim Selbstverständnis. Wenn Scotch ein „sophisticated“ Gespräch im Herrenclub ist, dann repräsentiert Bourbon eher  eine lange Nacht auf einer Veranda irgendwo in Kentucky.

Aber zum Grundlegenden: Scotch wird hauptsächlich aus Gerste hergestellt, sein amerikanischer Verwandter dagegen muss zu mindestens 51 Prozent aus Mais bestehen und in neuen, zuvor ausgebrannten Eichenfässern reifen. Die nur einmal verwendet werden dürfen – und dann, das ist doch irgendwie pikant, sehr oft nach Schottland verkauft werden, um auch dem Scotch ein wenig Sehnsuchtsaroma zu verleihen.

Es sind genau diese Fässer, die davor – und bei der ersten Füllung natürlich wesentlich intensiver – dem Bourbon seine typischen Aromen verleihen: Vanille, Karamell, Honig, geröstetes Holz und manchmal fast Ahornsirup-artige Wärme. Scotch kann trocken, salzig, torfig oder rauchig sein. Bourbon dagegen ist weicher, voller, körperlicher. Oder, einfacher gesagt: Scotch schmeckt nach Herbstnebel. Bourbon nach goldener Abendsonne. 

Seine  Geschichte begann Ende des 18. Jahrhunderts in Kentucky. Siedler destillierten Mais, weil er reichlich vorhanden war, und lagerten den Whiskey in ausgeflammten Eichenfässern. Besonders legendär ist die Figur des Predigers Elijah Craig, dem oft – halb Wahrheit, halb amerikanische Legende – die Erfindung des Bourbons zugeschrieben wird. 

➤ Hier mehr lesen: Womanizer-Erfinder Michael Lenke: "Orgasmus ist ein Grundrecht!"

Aus diesen improvisierten Anfängen entstanden später Destillerien, die heute fast schon zum kulturellen Inventar der USA gehören: Maker’s Mark, Wild Turkey, Woodford Reserve, Buffalo Trace, Four Roses haben mittlerweile selbst Legenden-Status. Und natürlich Blanton’s – jene Kultmarke mit den ikonischen Pferdefiguren auf den Verschlüssen, die unter Sammlern inzwischen fast Rolex-Status genießt.

Der Whiskey der Schriftsteller

Interessant ist  auch die kulturelle Rolle des Bourbons. Scotch war lange der Whiskey der Aristokraten, Diplomaten und Connaisseurs. Bourbon dagegen gehörte anderen Figuren ... 

Bourbon

101 von Wild Turkey, 50,5 %, kräftig und vollmundig, Vanille, Karamell, brauner Zucker, Honig. Katharine Hepburns Favorit, ab  25,90 €

©Hersteller

Schriftstellern, Spielern, Cowboys, Musikern. Hunter S. Thompson machte Wild Turkey quasi zu seiner Religion. Eine Vorliebe, die er sich  mit Katharine Hepburn teilte. Und William Faulkner wirkt rückblickend beinahe wie eine menschgewordene Bourbon-Werbung: Südstaatenhitze, knarrende Veranden, moralischer Verfall, zu viele Drinks. 

Wobei man sagen muss: Gerade Faulkner hätte über die feinen Unterschiede amerikanischer Whiskeysorten vermutlich nur müde gelächelt. In den Südstaaten wurde getrunken, was da war – Hauptsache amerikanisch und stark genug, um einen langen Abend zu überstehen. 

Denn Bourbon ist zwar der berühmteste US-Whiskey, aber längst nicht der einzige. Tennessee Whiskey wie Jack Daniel’s wird zusätzlich durch Holzkohle gefiltert und dadurch weicher und runder („Lincoln County Process“). 

Rye Whiskey setzt stärker auf Roggen und schmeckt würziger, trockener, fast pfeffrig. Corn Whiskey wiederum erinnert mit seinem hohen Maisanteil (mindestens 80%) noch stärker an die rohen Ursprünge amerikanischer Brennkunst. Und die sind erstaunlich leicht, fast luftig. 

Bourbon & Popkultur

Doch egal ob Bourbon, Rye oder Tennessee: All diese Sorten tragen etwas zutiefst Amerikanisches in sich. Sie wirken weniger aristokratisch als viele europäische Spirituosen, dafür unmittelbarer, wärmer, manchmal auch ungehobelter. 

Bourbon

Original Single Barrel von Blanton’s, 46,5 %, feine Pfeffer- und Orangen-Noten, Vanille, Karamell und Nelken, ab  82,90 €

©Hersteller

Vielleicht passen sie deshalb so gut zu den großen Mythen des Landes – zu Roadmovies, Motels, Jazzbars, Veranden und staubigen Highways, irgendwo in der Filmkulisse zwischen Nashville und Nevada.

Und genau dort setzt auch die moderne Popkultur wieder an. Was wäre Don Draper aus  Mad Men ohne seinen Old Fashioned? Oder auch mal ein Kristallglas Bourbon pur vor dem Mittagessen mit seinen Kollegen? Taylor Sheridan hat mit seinem Neo-Western-Universum (Yellowstone, 1883, Dutton Ranch) amerikanischen Whiskey endgültig zurück in die Gläser einer neuen Generation geschrieben. 

Bourbon

Kentucky Straight Bourbon von  Maker’s Mark, 45 % Alkohol, weich, vanillig,  Buttergebäck, geröstete Nüsse, Karamell, ab  21,90 €  (5)   Distiller’s Select von Woodford Reserve, 43,2 %, kraftvoll, robust wie ein echter Dutton. Ein Hauch Eukalyptus und Pfefferminze, Malznoten, eine Nuance Kakao, ab  29,90 €

©Hersteller

Und auch die Musik hat Amerikas alten Whiskey-Mythos längst wiederentdeckt. Vor allem der enorme Country- und Americana-Boom der vergangenen Jahre hat Bourbon zurück ins Zentrum der Popkultur gespült. Künstler wie Chris Stapleton oder Zach Bryan verkörpern genau jene Mischung aus Rauheit, Nostalgie und Bodenständigkeit, die perfekt zu amerikanischem Whiskey passt.

Und natürlich spielt auch die Cocktailkultur eine Rolle. Der Old Fashioned, jahrzehntelang der Drink älterer Herren in Hotelbars, wurde von einer jüngeren Generation wiederentdeckt. Plötzlich interessieren sich wieder Menschen unter 35 für Corn, Bourbon und schwere Kristallgläser. 

Bourbon

Kentucky Straight von Buffalo Trace, 40 %, Vanilleduft und Süße, ein wenig Anis, Eiche, Karamell, ab  18,90 € – schmeckt, als würde er viel mehr kosten!

©Hersteller

Vielleicht auch deshalb, weil amerikanischer Whiskey etwas vermittelt, das vielen digitalen Luxuswelten fehlt: Gewicht. Wärme. Langsamkeit.

Atmosphäre statt Exzess

Interessanterweise funktioniert Bourbon heute deshalb oft weniger über Exzess als über Atmosphäre. Die Zeiten, als Rockstars wie Lemmy Kilmister oder Slash kaum je ohne eine Flasche „Jack“ (gerne übrigens auch Maker’s Mark, nur wurde das nie so zum Thema) durchs Bild torkelten, sind vorbei. 

Vielleicht ja, weil die neuen Popstars einfach  cleaner sind  als die kaputten Genies früherer Jahrzehnte – wer könnte sich Harry Styles öffentlich mit Whiskeyglas und Zigarette, schwer an einer Bar lehnend, vorstellen? 

Doch die Sehnsucht nach all diesen Welten, egal ob die der Cowboys, Rockstars, Schriftsteller oder legendären Nachtclub-Könige wie Frank Sinatra,  ist geblieben. 

Und Bourbon ist dabei weniger Getränk als Requisite einer bestimmten Vorstellung vom Leben, irgendwo zwischen Roadmovie und Great-American-Novel, laszivem Bar-Jazz und smartem 60s-Retro-Charme angesiedelt. Analog, melancholisch und dennoch so optimistisch wie die Zeit, in der Menschen mit heute geradezu lachhafter Computerunterstützung zum ersten Mal auf den Mond geflogen sind. 

Und ja,  leicht gefährlich. Das schon auch. 

Andreas Bovelino

Über Andreas Bovelino

Redakteur bei KURIER freizeit. Ex-Musiker, spielte in der Steinzeit des Radios das erste Unplugged-Set im FM4-Studio. Der Szene noch immer sehr verbunden. Versucht musikalisches Schubladendenken zu vermeiden, ist an Klassik ebenso interessiert wie an Dance, Hip-Hop, Rock oder Pop. Sonst: Texte aller Art, von philosophischen Farbbetrachtungen bis zu Sozialreportagen aus dem Vorstadt-Beisl. Hat nun, ach! Philosophie, Juristerei und Theaterwissenschaft und leider auch Anglistik durchaus studiert. Dazu noch Vorgeschichte und Hethitologie, ist also auch immer auf der Suche einer archäologischen Sensation. Unter anderem.

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