Pop: Das Comeback der Diven
Grandezza statt „messy girl“-Ästhetik, Eleganz statt Jogginghosen-TikTok-Look: Im Pop ist die Ära der Influencer-Überdrehtheit vorbei, Stars wie Raye entdecken den Zauber des alten Hollywood neu.
Vor wenigen Jahren sahen weibliche Popstars noch aus, als hätten sie entweder gerade ein TikTok gedreht oder würden in fünf Minuten auf einen Hyperpop-Rave verschwinden: Jogginghosen und Y2K-Überdrehtheit als Dauerzustand.
Und plötzlich steht da Raye. In Satinhandschuhen und Abendrobe. Mit einer Stimme, die nach verrauchten Jazzbars, Bond-Songs und Amy Winehouse klingt. Und mit Liedern, die sich nicht dafür entschuldigen, groß, dramatisch und verletzlich zu sein. Raye singt nicht wie jemand, der Content produziert. Sie singt wie ein Star aus einer Zeit, in der Stars noch Erscheinungen waren...
Und erlebt genau damit einen kometenhaften Aufstieg. Nach einer Phase, in der Pop sich immer stärker zerstückelte – in Playlists, Trends, kurze Hooks und algorithmische Mini-Hits –, wirkt sie fast wie aus einer anderen Zeit. Ihre Musik klingt luxuriös. Nach Soul, großen Orchestern und langen Nächten.
Ihre Songs erzählen von Panikattacken, Alkohol, toxischen Beziehungen – aber sie tut das mit einer beinahe altmodischen Eleganz. Dabei begann ihre Karriere eigentlich wie die vieler junger Popmusikerinnen der Streaming-Generation...
Rachel Keen, so ihr bürgerlicher Name, schrieb zunächst Songs für andere, landete Features und Dance-Hits, arbeitete mit DJs und Produzenten. Jahrelang galt sie als „kommender Star“, ohne jemals wirklich anzukommen.
Erst als sie sich von ihrem Label löste und mit „My 21st Century Blues“ plötzlich genau die Musik machte, die sie offenbar immer machen wollte, passierte etwas. Raye verwandelte sich vom Industrieprodukt zur Persönlichkeit. Ihre Auftritte wurden größer, glamouröser. Bei Preisverleihungen wirkte sie plötzlich weniger wie eine Popsängerin als wie eine klassische Entertainerin.
Generation „Style“
Vielleicht liegt ja genau darin der eigentliche kulturelle Moment. Denn Raye ist längst nicht mehr allein. Eine kleine Generation junger Sängerinnen entdeckt gerade etwas wieder, das in der Popkultur beinahe verloren gegangen schien: Eleganz. Nicht als bloßes Vintage-Zitat, sondern als Haltung. Olivia Dean etwa wirkt wie die zurückhaltendere Schwester dieser Bewegung.
Auch ihre Musik schöpft aus Soul und Songwriter-Traditionen, ihre Bühnenauftritte erinnern an die Coolness alter Motown- und Sade-Aufnahmen, nicht an die überhitzte Gegenwart sozialer Medien. Dean verkörpert eine Form von Glamour, die nichts Aggressives hat. Keine Skandalästhetik, kein kalkulierter Exzess, sondern fast Ruhe.
Noch deutlicher wird diese Sehnsucht nach zeitloser Schönheit bei Laufey. Die junge Sängerin aus Island trägt ihre Liebe zu Jazz, Bossa Nova und klassischem Hollywood nicht ironisch vor, sondern vollkommen ernsthaft. Ihre Musik klingt wie aus einer anderen Epoche herübergerettet. Während andere Popstars möglichst modern wirken wollen, scheint Laufey genau das Gegenteil anzustreben: Zeitlosigkeit. Audrey Hepburn statt Insta.
Auch zwei "Bad Girls" haben einen rasanten Stilwechsel vollzogen. Als toughe Street Queen gewann Rosalia im Jogging-Anzug etliche Latin-Grammys - seit ihrem weltweit gefeierten Meisterwerk Lux setzt sie auf Haute Couture. Genau wie das Ex-Pin-up Sabrina Carpenter: Retro, ja - aber nicht mehr für den Spind in der Autotuning-Werkstatt, sondern für den Bummel auf der Madison Avenue.
Natürlich ist das alles keine Rückkehr in die 1950er-Jahre. Diese Künstlerinnen bleiben moderne Popstars. Sie posten auf Social Media, sie kennen die Mechanismen der Gegenwart. Aber ihre Ästhetik erzählt trotzdem von einer Sehnsucht nach etwas anderem: nach Größe, nach Kontrolle, nach musikalischer Ernsthaftigkeit – nach einem Glamour, der nicht sofort gebrochen werden muss.
Genau das könnte das Geheimnis von Rayes plötzlichem Erfolg, gerade auch bei ganz jungen Musikfans sein: In einer Zeit permanenter Überreizung wirkt ihre Mischung aus Verletzlichkeit, Eleganz und musikalischer Wucht plötzlich fast revolutionär.
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