Boney M.
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1976: Das Jahr der Dancing Queens & Kings

Vor 50 Jahren eroberte Disco die Welt. Mit Hits von Donna Summer, den Bee Gees und Boney M. wurde aus einem Clubphänomen ein globaler Trend – und eine Revolution.

"Fly Robin Fly, up, up to the sky ...“ Im Winter 1975/76  eroberte eine obskure Single die Charts. Sie bestand aus nicht mehr als sechs Wörtern, die in Endlosschleife zu einem treibenden Bass-Beat wiederholt wurden. 

Im Frühling stand die deutsche Band Silver Convention damit auch an der Spitze der US-Charts – und leitete das Jahr ein, in dem „Disco“ die Welt erobern sollte.

Natürlich gab’s  diesen hedonistischen Mix aus Funk, Soul und neuer Studiotechnologie, der ebenso sehr von der Musik wie von Mode, Nachtleben und einem neuen Lebensgefühl lebte, auch schon in den Jahren davor. Doch damals war das alles vor allem ein Phänomen der Clubs und Underground-Partys. 1976 änderte sich das. 

Innerhalb weniger Monate wurde Disco vom Sound einer Subkultur zum Sound einer Generation.

Bee Gees

Bee Gees

©Michael Ochs Archives/Getty Images

1976 war auch das Jahr, in dem die Bee Gees ihren ganz besonderen Sound fanden. Diese Mischung aus Falsett, Groove und Tanzbarkeit, mit der man sie wohl immer verbinden wird. 

Die Brüder Gibb veröffentlichten den Disco-Hammer You Should be Dancing – und da ist bereits alles drin, was ein Jahr später den Erfolg von Saturday Night Fever ausmachen sollte. Und gleichzeitig dominierten Songs wie Disco Inferno, Car Wash oder ABBAs Dancing Queen rund um den Globus die Radios.

Wo spielt die Musik?

Wie bereits erwähnt, war Fly Robin Fly kein Produkt aus New York oder Philadelphia, sondern aus München. Dort entwickelte sich Mitte der 1970er-Jahre eine Szene von Produzenten und Musikern, die das Potenzial der neuen Musik früh erkannten.

Während viele Rockbands noch an immer größeren Konzepten arbeiteten, dachten sie in Singles, Beats und Tanzflächen. Der Wichtigste unter ihnen war Giorgio Moroder

Der aus Südtirol stammende Produzent arbeitete in München mit der amerikanischen Sängerin Donna Summer zusammen und schuf einige der stilbildenden Disco-Aufnahmen der Ära. Mit Love to Love You Baby gelang dem Team ihr erster großer Aufreger – und der erste Welt-Hit, dem noch etliche folgen sollten. 

Tracks wie I Feel Love machten Summer zum internationalen Star und zeigten zugleich, wie grenzüberschreitend  das Genre bereits geworden war: Eine amerikanische Sängerin, ein italienischer Produzent und ein Münchner Studio lieferten den Soundtrack für die Clubs der Welt.

Auch Frank Farian dachte größer als nationale Grenzen. Mit Boney M. schuf der Produzent eine Gruppe, die karibische Einflüsse, Disco-Grooves und europäische Popmelodien zu einem internationalen Erfolgsrezept verband. Als Daddy Cool 1976 die Charts eroberte, war längst klar, dass Disco nicht mehr nur ein amerikanisches Phänomen war.

Revolution & Discokugel

In den folgenden Jahren sollten mit Amanda Lear, Baccara, Luv’, Eruption, Munich Machine, Dschinghis Khan oder Teach-in weitere europäische Acts international nachlegen.

Südlich der Alpen prägten Musiker wie Marcella Bella, La Bionda, Alan Sorrenti und Raffaella Carra das Sub-Genre Italo-Disco. Und nicht einmal dem großen John Travolta gelang es, den Disco-Fox von den Tanzflächen in Tenne, Wildschütz und Take Five zu verdrängen. 

Warum aber traf Disco Mitte der 1970er-Jahre einen Nerv? 

Eine Antwort lautet: weil sich die Popmusik festgefahren hatte. Rock war erwachsen geworden. Die großen Bands veröffentlichten Konzeptalben, Gitarristen lieferten minutenlange Soli, und viele Musiker schienen sich selbst wichtiger zu nehmen als ihr Publikum. 

Wer 1976 Musik ernst nahm, hörte Prog-Rock. Wer Spaß haben wollte, ging tanzen. 

Genau darin lag die Sprengkraft der Disco. Die Musik verlangte kein Vorwissen. Man musste keine Texte analysieren und keine Alben studieren. Vier Viertel, ein Groove, eine Tanzfläche – mehr brauchte es nicht.

Saturday Night Punk?

In dieser Hinsicht war Disco näher am Punk, als viele heute glauben. Beide Bewegungen rebellierten gegen dieselbe musikalische Selbstüberhöhung. Die einen mit drei Akkorden, zerrissenen T-Shirts und Sicherheitsnadeln, die anderen mit Streichern, Schlaghosen und Spiegelkugeln. 

Wo die Sex Pistols provozierten, verführte eine Donna Summer. Wo Punk Wut kultivierte, feierte Disco Lust, Stil und Bewegung. Gemeinsam war beiden die Ablehnung von Rock-Supergroups und sich selbst zu wichtig nehmenden Musikern. Songs sollten Spaß machen – nur dass Punks eben eine andere Vorstellung davon hatten, was das ist. Also Spaß.

Als 1977 schließlich  Saturday Night Fever in die Kinos kam, war Disco längst erfolgreich. Weltweit. 

Genau deshalb wurde auch der Film zu so einem Phänomen. Und beeinflusste durch seinen ausgeprägten Stil wiederum die Musik: Die weißen Anzüge, die Tanzschritte wurden gewissermaßen zu Symbolen einer ganzen Epoche. Aus einem Musik-Genre, das in kleinen Clubs begonnen hatte,  wurde ein Lebensgefühl. 

Rückblickend erscheint Saturday Night Fever oft als Beginn der Disco-Ära. Tatsächlich war der Film eher ihr Höhepunkt. Die Grundlagen waren bereits 1976 gelegt worden.

Die Bezeichnung selbst wurde irgendwann unmodern, die Ideen dahinter blieben. Von Madonna über Daft Punk bis zu Dua Lipa, Raye oder Beyoncé greifen Popstars bis heute auf Elemente zurück, die in den 1970er-Jahren auf den Tanzflächen von New York, München und Philadelphia entwickelt wurden. 

Die Disco-Revolution hat den Rock zwar nicht verdrängt – aber sie hat den Pop verändert. Und sie tut es bis heute. 

Playlist:
Best of Disco '76

Donna Summer: „Love to Love You Baby“ (75/76) - Der Skandal-Song, der Donna Summer und Giorgio Moroder zu internationalen Stars machte. 
Silver Convention: „Fly Robin Fly“ (75/76)  - Die Münchner flogen bis auf Platz 1 der US-Charts und leiteten den Eurodisco-Boom ein.

Boney M.: „Daddy Cool“ - Frank Farians erster großer internationaler Coup. 
Bee Gees: „You Should be Dancing“ -  Der Song, der die Gebrüder Gibb zu Tanzflächengöttern machte.

The Trammps: „Disco Inferno“ - Die ultimative Dance-Hymne, die durch Saturday Night Fever unsterblich wurde.
Abba: „Dancing Queen“ - Eigentlich Pop, aber ohne Disco kaum denkbar.
Rose Royce: „Car Wash“ - Ein funkiger Disco-Klassiker, der bis heute sofort wiedererkannt wird. 

KC and the Sunshine Band: „Shake your Booty“ - Vielleicht die reinste Essenz dessen, worum es bei Disco ging: Tanzen.

Andrea True Connection: „More, More, More“ - Ein Klassiker der Disco-Ära, dessen Groove noch Jahrzehnte später gesampelt und kopiert wurde. 

Andreas Bovelino

Über Andreas Bovelino

Redakteur bei KURIER freizeit. Ex-Musiker, spielte in der Steinzeit des Radios das erste Unplugged-Set im FM4-Studio. Der Szene noch immer sehr verbunden. Versucht musikalisches Schubladendenken zu vermeiden, ist an Klassik ebenso interessiert wie an Dance, Hip-Hop, Rock oder Pop. Sonst: Texte aller Art, von philosophischen Farbbetrachtungen bis zu Sozialreportagen aus dem Vorstadt-Beisl. Hat nun, ach! Philosophie, Juristerei und Theaterwissenschaft und leider auch Anglistik durchaus studiert. Dazu noch Vorgeschichte und Hethitologie, ist also auch immer auf der Suche einer archäologischen Sensation. Unter anderem.

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