Comeback des Rucksäcks - und wer ihn stadttauglich macht
Das unentbehrliche Accessoire ist der It-Teil des Sommers. Über seine Nützlichkeit, seine Geschichte und wer ihn stadttauglich macht.
Wie bringt man Lasten von einem Ort zum anderen, wenn man kein Transportmittel hat? Eine frühe Antwort darauf hatte bereits Ötzi bei sich: Bei dem berühmten Gletschermann fanden sich Teile einer hölzernen Tragekonstruktion – ein U-förmiger Haselstab und schmale Holzbrettchen, vermutlich mit Schnüren verbunden. Daran dürfte ein Fellbeutel oder ein Netz befestigt gewesen sein.
Heute hat man Rucksäcke, doch die Idee ist dieselbe: Nahrung, Werkzeug und Kleidung auf dem Rücken zu transportieren. Über Jahrtausende wurde daraus ein Begleiter, der aus Alltag, Reise und Sport nicht mehr wegzudenken ist.
Symbol der Freiheit
Für Bergsteiger funktioniert ein Rucksack wie ein mobiles Heim: Er muss leicht sein, optimal sitzen und die richtige Ausrüstung griffbereit haben, die man bei Gefahr braucht. Die Bilder von alten Leinenrucksäcken, an denen Steigeisen, Eispickel, Klettergurt und Seil angebracht waren, machten den Rucksack vor allem in den Anfängen des Tourismus zum Inbegriff von Abenteuer und neu entdeckter Freiheit in der Natur.
Später spielte er in den berühmten Bergfilmen mit Luis Trenker, dem umstrittenen Südtiroler Alpinisten und Schauspieler, eine zentrale Rolle: aus festem Canvas gefertigt, mit Außentaschen, schnörkellos mit breiten Lederriemen, simplem Kordelzug und einer Deckellasche mit Schnalle.
Der Rucksack, der über den gesamten Rücken reichte, wurde zum Inbegriff der Männlichkeit. Getragen vor allem bei der Jagd, bei Fernreisen oder eben beim Bergsteigen, was bis in die 1920er-Jahre noch meistens Männern vorbehalten war. Auch in Kriegszeiten dienten Feldrucksäcke den Soldaten als Transportmittel für schwere Ausrüstung und ersetzten nach und nach die starren Ledertornister. Nur Bäuerinnen nutzten damals auch Traggestelle und Rückenkörbe in der Landwirtschaft.
Giorgio Armanis Old-School-Modell (auf dem Foto ganz oben) hier: Louis Vuittons ikonischer Christopher MM
©Getty Images/Lyvans Boolaky/Getty ImagesHeute ist der Rucksack ein Symbol für Freiheit, weil man alles, was man braucht, bequem mit sich tragen kann. Seine Wandlung zum geschlechtsübergreifenden Accessoire vollzog sich aber erst im späten 20. Jahrhundert.
Mit der Auflösung der Geschlechtergrenzen in der Mode, allen voran mit Marlene Dietrich, die in den 1930er-Jahren erstmals Hosen trug, und später in den 1970er-Jahren mit Yves Saint Laurent, der die ersten Damen-Smokings entwarf, wurden auch Modeaccessoires unisex. Frauen trugen flache Herrenschuhe und setzten Männerhüte auf, Männer wie David Bowie trugen wie schon einst die adeligen Männer im Barock, Schuhe mit Absätzen. Das binäre Modesystem löste sich im letzten Jahrhundert zugunsten genderneutraler Kollektionen auf.
Erst weg, dann wieder da
Waren Rucksäcke früher hauptsächlich in patriarchalen Gesellschaften zu finden, wurde er dank veränderter sozialer Strukturen bald zum Unisex-Teil. Während der Kriege arbeiteten Frauen in Fabriken und Berufen, die davor Männern vorbehalten waren. Dabei passte sich auch die Mode mehr und mehr den praktischen Arbeitsbedingungen an. Auch der Rucksack.
Doch ab den Nullerjahren geriet er etwas in Vergessenheit. Umhängetaschen waren angesagt, Shopper und Tote galten als neue It-Accessoires, Handtaschen dominierten Catwalk wie Street-Styles. Jetzt ist der Rucksack auch bei Luxuslabels wieder angekommen und erobert urbane Orte statt Berggipfel. Und auch das Material der Backpacks hat sich an neue Gewohnheiten angepasst.
Die einst schweren Ledertornister wurden zu smarten, urbanen Alltagsaccessoires, oft aus leichtem Nylon oder Canvas.
Schauspieler Ryan Gosling trägt gleich zwei Rucksäcke
©GC Images/GVK/Bauer-Griffin/Getty ImagesFunktionale Rucksäcke für den Bergsport haben heute verstärkte Rückenpartien und sind meist aus atmungsaktivem und wasserabweisendem Hightech-Material. Und statt in der Farbe des einstigen Naturcanvas erobern meist bunte Backpacks die Natur.
Fast könnte man meinen, dass die urigen Bergrucksäcke auch in puncto Farbe die Rolle getauscht haben. Zumindest im Luxussegment der Modelabels zeigen sich die Farben der Rucksäcke im Stil des Quiet Luxury, eher gedeckt und in natürlichen Erdtönen. Vielfältig wie ihr Design zwischen Retro-Stil und High-Tech ist auch die Preisgestaltung. Wer ikonische Modelle wie den Christopher MM x The Darjeeling Limited von Louis Vuitton erwerben will, müsste mehr als 3.700 Euro hinblättern. Aber dafür gibt es den Luxusrucksack in edlem cognacfarbenen Leder auch in fröhlichen Varianten, mit aufgemalten Zebras, Tigern und Giraffen – für Weltreisende. Seinen Ruf als Ikone unter Luxusrucksäcken begründete das legendäre Modell Louis Vuitton Christopher PM Crocodile Matt.
Der Rucksack wurde auf Bestellung produziert, ist aus einem Stück Alligatorleder und soll rund 80.000 Euro gekostet haben. Auch Montblanc oder Ferragamo fertigen Rucksäcke wieder aus edlem Kalbsleder und Wildleder an. Für urbane Hiker gibt es aber auch leichte und günstige Modelle aus Nylon, etwa bei COS, oder aus recycelten Plastikplanen bei Freitag, unter 100 Euro. Im Stil moderner, schlichter Hiking-Backpacks passen sie zu jedem Outfit. Während bauchige Old-School-Modelle mit Laschen als neue Trendsetter gelten. So brachte Giorgio Armani gerade ein Retro-Trenker-Modell auf den Catwalk zurück. Aber statt Knickerbocker und Lodenjanker stylte Armani einen schicken, hellen Leinenanzug dazu. Und noch etwas hat sich geändert: Man muss ihn nicht unbedingt auf dem Rücken tragen. Einfach am Henkel packen und losgehen. Wie Ryan Gosling, der auf beide Tragevarianten setzt.
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