Leben
07.01.2015

Baumjohann ist Wissenschafter des Jahres 2014

Physiker und Sci-Fi-Fan Wolfgang Baumjohann erforscht, wie das Weltall funktioniert - ein Porträt.

Der Physiker und Weltraumwissenschafter Wolfgang Baumjohann liebt das Unerwartete. Wenn zum Beispiel herauskommt, dass der Merkur doch ein Magnetfeld hat. Oder wenn im Schweif der Magnetosphäre, entgegen bisheriger Erkenntnisse, Plasmajets mit Überschallgeschwindigkeit strömen. "Als Weltraumforscher tätig zu sein, hat viel mit Neugierde zu tun – das Weltall bietet viel Neues und immer wieder Überraschungen."

Unerwartet kam auch die Nachricht, des Wahlleiters des Klubs der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten, dass Baumjohann zum Wissenschafter des Jahres 2014 gewählt wurde. "Als er anrief, dachte ich, er will etwas nachfragen." Dass es um keinen Rechercheauftrag, sondern um eine Auszeichnung für besondere kommunikative Fähigkeiten ging, freut den 64-Jährigen. "Die Kommunikation mit der Öffentlichkeit ist mir sehr wichtig, viele Kollegen am Institut helfen da mit. Es ist schön, wenn das gewürdigt wird."

Schon während seiner Kindheit war Baumjohann "Weltraum-Fan" – zu einer Zeit als die Forschung im All und bemannte Raumfahrtsmissionen im Entstehen waren. Sein wissenschaftlicher Werdegang war allerdings etwas bodenständiger. Ehe er das All erkundete, war es der Boden, genauer gesagt waren es Erdbeben, mit denen er sich als Physik-Student in Münster beschäftigte. Dem Weltraum kam er in Nordskandinavien näher, als er dort die Ionosphäre untersuchte. Ab da wollte er aus dem Labor raus und die Physik der Natur untersuchen.

Wissenschaft ist für Baumjohann so wichtig, weil sie "immer Vorreiter von etwas" ist. So würde es ohne die frühe Weltraumforschung heute keine Navigationsgeräte oder präzise Wettervorhersagen geben.

Herausforderung

Das Weltraumplasma wurde zu seiner Domäne: Er untersuchte, wie sich ionisierte Gase, die Atmosphäre im All, auf das Wetter im Weltraum auswirken. Dort kann es durchaus heftig stürmen, was wiederum Satelliten und Raumsonden zum Versagen bringen kann. Seinen heutigen Schwerpunkt fand er am Institut für Weltraumforschung in Graz. Dorthin zu gehen "war noch einmal eine sehr große Herausforderung". 2004 wurde er zum Direktor bestellt. "Ich kann jetzt nicht mehr alles selbst erforschen, aber die Themen sind breiter und es macht Spaß, Projekte zu betreuen."

Von der bemannten Raumfahrt zu Forschungszwecken ist er wenig überzeugt. "Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Einerseits finde ich es toll, wenn Menschen wo hingehen, wo zuvor niemand war. Aber aus wissenschaftlicher Sicht ist es sinnvoller, Roboter ins All zu schicken. Einen solchen zum Mars zu schicken kostet zwei bis drei Milliarden, bei Menschen kommt man auf 400 bis 500 Milliarden." Und: "Geräte dürfen versagen – so wie bei Philae nicht alles geklappt hat. Wenn aber ein Mensch darin gesessen wäre, hätte er nicht so rumpoltern dürfen." Er meint damit die Landung von Philae auf dem Kometen "67P", auch bekannt als "Tschuri". Für diese Mission lieferte sein Institut fünf Instrumente. Sie messen die Oberfläche und Beschaffenheit des Kometen.

Was viele nicht wissen: das Institut für Weltraumforschung hat einen international herausragenden Ruf und nimmt an zahlreichen Weltraumprojekten teil. "Wir bauen nicht nur die Geräte, sondern nutzen auch deren Daten zur Forschung und Analyse." Die nächste große Mission wird im März starten. Stolz erzählt der Wahl-Grazer, dass Österreich bei der NASA-Mission "Magnetospheric Multiscale", der größte ausländische Partner der USA ist – vor Frankreich und Deutschland. 2016 geht es dann zum Merkur: "Bepi-Colombo" ist die erste europäisch-japanische Satellitenmission. Für seine Zukunft hat Baumjohann noch keine Pläne. "Etwas mehr in die Berge gehen", möchte der passionierte Wanderer. Das Thema Weltraum begleitet ihn als Science-Fiction-Fan ohnehin. Er bevorzugt Filme wie Stanley Kubricks "2001: Odyssee im Weltraum". Jene von der Sorte "Raumschiff Enterprise" haben ihn noch nie interessiert: "Das war alles vorhersehbar". Wie gesagt: Baumjohann liebt das Unerwartete.

Zur Person:

Laufbahn: Wolfgang Baumjohann wurde am 9. August 1950 in Hamm, Westfalen, geboren. Er studierte Physik in Münster und ging 1984 mit einem Heisenberg-Stipendium an das Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik in Garching bei München und habilitierte sich dort. Nach Gastprofessuren in den USA und Japan zog es ihn 2001 an das Institut für Weltraumforschung in Graz, das er seit 2004 leitet. Er ist Autor bzw. Co-Autor von mehr als 500 wissenschaftlichen Arbeiten und einer der meistzitierten Weltraumwissenschaftler.

Leben: Baumjohann ist mit der japanischen Weltraumforscherin Rumi Nakamura verheiratet. In seiner Freizeit liest der Wahl-Grazer nicht nur Science-Fiction-Romane, sondern geht gerne in die Berge wandern und widmet sich der Gartenarbeit.

Wissenschafter des Jahres

Seit 1995 wählt der Klub der Bildungs- und Wissenschafts- journalisten Österreichs den Wissenschafter des Jahres. Ausgezeichnet wird, wer seine Arbeit besonders verständlich der Öffentlichkeit vermittelt. Bisherige Preisträger: Experimentalphysiker Anton Zeilinger (1996), Mikrobiologin Renee Schröder (2002), Genetiker Josef Penninger (2003), Archäologin Sabine Ladstätter (2011) und zuletzt Umwelthistorikerin Verena Winiwarter (2013).

Von Mitterlehner bis Stöger

Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP): "Durch seine Arbeit leistet Wolfgang Baumjohann einen wichtigen Beitrag zur hohen Reputation, die sich Österreich auf dem Gebiet der Weltraumforschung erarbeitet hat. Mit seinen Publikationen und Auftritten ist er zudem seit Jahren ein Sprachrohr für die Welt von Wissenschaft und Technik."

Mitterlehners Vorgänger als Wissenschaftsminister, Karlheinz Töchterle: "Nicht nur die wissenschaftliche Leistung, auch die Fähigkeit, die komplexe Thematik verständlich zu erklären und Jung und Alt dafür zu begeistern, verdienen diese Auszeichnung und unsere Wertschätzung."

 Infrastrukturminister 
Alois Stöger (SPÖ): "Wolfgang Baumjohann kommt bei der Entwicklung Österreichs zur
 Weltraumnation eine Pionierrolle zu. Daher freue ich mich umso mehr,
 dass seine Arbeit diese Anerkennung erfährt und gratuliere ihm von

ganzem Herzen, zur Wahl zum Wissenschaftler des Jahres."