Leben
28.07.2018

Diese Community hilft gegen den Pensionsblues

Vom Walken bis zum Kulturprogramm: Die "Rocking Community" bietet Action statt Ruhestand.

Dienstag, kurz vor 10 Uhr, auf der Wiener Hauptallee neben dem Stadionparkplatz: Vier Frauen und kein Todesfall, ganz im Gegenteil! Die Vier stehen mit beiden Beinen im Leben. Und es ist schon vor dem Start der heutigen Walking-Einheit klar, dass sie ihr Leben im fortgeschrittenen Alter sehr genießen.

„Die Idee dazu entstand genau vor einem Jahr bei einem Bier in unserem alten Stammpub in Innsbruck“, erzählt Brigitte Irowec auf den ersten flotten Metern entlang des Heustadlwassers.

Gegen den Blues

Viele Bekannte sah die Tiroler Managerin unvorbereitet in Pension gehen und danach in ein tiefes, schwarzes Loch fallen. Weil die vertraute Tagesstruktur wegbricht, weil die Anerkennung durch die Arbeit fehlt, weil die jahrelang erworbenen Erfahrungen plötzlich keinen Menschen mehr interessieren.

„Beim zweiten Bier hatten mein Mann, mein Bruder und ich eine Idee, die uns bis heute nicht mehr losgelassen hat“, sagt die 50-jährige Gründerin von The Rocking Community.

Mit Rock’n’Roll gegen den Blues in der Pension! Sie haben ihre Idee zunächst via Facebook beworben. Und siehe da, mehr als 500 Menschen zeigten Interesse an gemeinsamen Aktivitäten. So wie Eija, eine 61-jährige Pensionistin, die einmal pro Woche bei IKEA im Kundenservice arbeitet und nun einmal pro Woche für die Community die Walking-Gruppe in der Hauptallee anführt.

Eija als ältere Dame abzustempeln, kann sich rächen. Vor allem für jene, die ihrem Schritt nur schwer folgen können. Die geborene Schwedin ist jedoch nicht nachtragend. Spätestens beim Lusthaus ist sie mit allen per du.

Schnell im Gespräch

Beim „ Nordic Talking“ im Schatten der Allee kommen die Teilnehmer schnell ins Gespräch. Ingrid, 73 Jahre jung und mit ausreichend Selbstbewusstsein und Lebenserfahrung ausgestattet, bringt das, was The Rocking Community leistet, gut auf den Punkt: „Hier kann ich bei jedem Treffen neue Menschen und neue Dinge kennenlernen.“ Sie war bis zu ihrer Pensionierung eine erfolgreiche Geschäftsführerin im Elektrohandel. Es fehlt ihr nicht an sozialen Netzwerken, und doch hat sie hier „viel Neues“ erfahren.

Sport ist nur eine, wenngleich eine beliebte Schiene der Generation Rock’n’Roll. Man geht gemeinsam ins Kino unter Sternen und ins Theater, lässt sich durchs Parlament und die Ausstellung „Contemporary Art“ in der Albertina führen. Man hilft ehrenamtlich beim Roten Kreuz aus, lässt sich in schönen Restaurants kulinarisch verwöhnen oder trifft einander zum Rock’n’Coffee in einem Wiener Kaffeehaus.

Ein erster Schritt

Brigitte Irowec zählt derzeit 245 Rocking Mitglieder, die für einen monatlichen Mitgliedsbeitrag von smarten 7 Euro zu allen Veranstaltungen herzlich eingeladen sind.

Im Moment betreibt die findige Tirolerin ihr Start-up-Unternehmen mehr oder weniger ehrenamtlich, doch erste Anfragen aus anderen Bundesländern sowie ein Blick auf die Alterspyramide zeigen ihr an, dass sich daraus noch ein echtes Geschäftsmodell entwickeln könnte.

Nach einer unterhaltsamen Stunde wird beim Stadionparkplatz noch kollektiv gedehnt und manche Muskelpartie wiederbelebt. Für den nächsten Tag steht eine Führung durch die Wiener Straßenbahnremise an. „Da haben sich auch einige Männer angemeldet“, freut sich Brigitte Irowec. Ältere Männer sind nämlich nicht ganz so leicht zu motivieren.

„Rock’n’Coffee“ für die KURIER-Leser: Info-Nachmittag im Kaffeehaus

Brigitte Irowec, Gründerin von „The Rocking Community“, bittet ältere bzw. junggebliebene KURIER-Leser in das WienerCafé Schopenhauer, um dort ihr vielfältiges Aktivierungsprogramm (dieses reicht von Sport bis Kultur) in gemütlicher Atmosphäre zu präsentieren.  „Rock’n’Coffee für die Leser“ findet am Samstag, 4. August, von 16 bis 18 Uhr statt. Das Kaffeehaus befindet sich in 1180 Wien, Staudgasse 1. Der Eintritt ist frei, allerdings nur für jene, die sich zuvor per E-Mail angemeldet haben, und zwar unter: office@rocking.community.
Nähere Informationen gibt es hier.

Für weise Unternehmer

Keine Konkurrenz, sondern eine Ergänzung zur Initiative von Brigitte Irowec ist die Internet-Plattform WisR, die Menschen, die in ihrer Pension noch arbeiten möchten, und Unternehmen, die dringend erfahrenes Personal suchen, an einen Tisch bringen will. Infos unter: www.wisr.eu