Scenic views across Pedn Vounder Beach towards Logan's Rock, Cornwall on a sunny June day.

Wieso uns die wilde Romantik Cornwalls so berührt

Scharfe Klippen, sanfte Buchten und ein Wind, der wild an den Haaren zerrt. Cornwall ist so unprätentiös wie ungeschminkt und vielleicht genau deshalb ein so erfolgreicher Kontrast für Liebesgeschichten. Eine Rundreise zwischen Earl Grey, Gin und Gänsehaut.

Es ist bereits dunkel, als wir den Küstenort Tintagel erreichen. Doch das Tosen der Wellen, die in der Tiefe gegen die Felsen krachen, lässt erahnen, welch eindrucksvolle Meereskulisse beim Frühstück aufwarten würde.

Bei Romantik denkt man schnell an rosarote Brillen und Cupcakes in Herzform, an sanfte Musik bei Kerzenlicht und an mit Rosen übersäte Betten. Doch es gibt noch eine andere Form: eine Romantik, die einen aufwirbelt und zu Kopf steigt, die leidenschaftlich an einem zerrt und kurzzeitig abstößt, nur um einen noch näher heranholen zu können. Eine kantig wilde Hingabe, wie sie einem auf diesem entlegenen Landeszipfel Englands begegnet, der mit seinen Heldensagen und Liebesgeschichten immer wieder bezaubert: Cornwall.

Wild zieht am nächsten Tag dann der Wind an Jacke und Haaren, als es vorbeigeht an niedrigen Steinhäuschen – die sich in ganz Cornwall so natürlich in die Umgebung einfügen – hinaus auf die Landzunge zur Burgruine. Wer vorab überlegt hat, die steinernen Überreste als Ausflugsziel wegzulassen, wird schnell eines Besseren belehrt, als die ersten Ausläufer des Anwesens in Sicht kommen. Da stechen wuchtige Mauern in den Himmel, so ausgefranst, als hätte der Wind nach und nach kleine Teile herausgezupft. Immer wieder muss man auf dem Rundgang innehalten, den Blick schweifen lassen. Zu gewaltig ist die Natur, um sie im Gehen aufsaugen zu können.

Es überrascht nicht, zu lernen, dass nicht nur eine, sondern gleich zwei Heldensagen mit Tintagel verankert sind.

46-222309534
©mauritius images / Alamy Stock Photos / travellinglight/Alamy Stock Photos / travellinglight/mauritius images

Heimlich – so geht die erste Legende – und mit Merlins Zauberkräften als Herrscher Gorlois getarnt, schlich sich einst Uther Pendragon in die Festung, um seine geliebten Igraine (Gorlois’ Ehefrau) zu sehen. Es war die Nacht, in der König Artus gezeugt wurde – jener sagenhafte Held, der als Herrscher der Tafelrunde heute weltbekannt ist.

Auf einer Anhöhe trifft man dann auch die zerklüftete Statue eines Kriegers, die Augen unter seinem Umhang verborgen und die Hände auf sein Schwert gestützt. Man denkt gleich an Excalibur. Doch handelt es sich dabei wirklich um Artus? Künstler Rubin Eynon hat sein Werk bewusst „Gallos“ (Kornisch für Macht, Anm.) genannt. Denn in einer noch älteren Legende sollen sich hier auch die Verliebten Tristan und Isolde getroffen haben. Des Nachts, während das Schloss und damit auch Isoldes Mann König Mark schlief.

Herrenhaus als Filmstar

Aufregende Leidenschaft – die verbinden wir natürlich auch aus einem anderen Grund mit Cornwall. Eine Dreiviertelstunde südlich von Tintagel knirscht tags darauf der Kies unter den Schuhen. 

Edles Vorzimmer eines Herrenhauses

Prideaux-Place bietet Touren durchs Herrenhaus an.

©Anna-Maria Bauer

Das Herrenhaus, das sich präsentiert, könnte einem bekannt vorkommen, selbst wenn man noch nie hier war. Dieses efeuumrankte Anwesen war besonders häufig Drehort für die deutschen Verfilmungen der Rosamunde-Pilcher-Romane: In „Das Geheimnis der weißen Taube“ war das Haus Wohnsitz der Willoughbies, in „Blumen im Regen“ gehört das Anwesen den Shipleys und in „Der gestohlene Sommer“ den Rosemores.

In Wirklichkeit heißt das Herrenhaus Prideaux Place und ist seit 14 Generationen im Besitz der Prideaux-Brunes. In dicht getakteten Touren werden Tagesgäste durch den lichtdurchfluteten Saloon, den Speisesaal mit dem riesigen Kamin oder die holzgetäfelte Bibliothek geführt.

Sehnsuchtsort 

Doch Briten ist der Name Rosamunde Pilcher nicht so geläufig wie den Prideaux-Brunes. Nur eine Handvoll ihrer Bücher wurden auf Englisch verfilmt – während im deutschsprachigen Fernsehen kürzlich die 176. Folge der Spielfilmreihe zu sehen war.

Afternoon tea for two

Romantik pur: beim englischen Afternoon Tea.

©Getty Images/iStockphoto/Eva-Katalin/iStockphoto

Die Verbindung der Romantic Comedy mit ihren Twists und dem verlässlichen Happy End gepaart mit dem wilden Sehnsuchtsort England ergreift das deutschsprachige Publikum auch 40 Jahre nach der Veröffentlichung von Pilchers „Die Muschelsucher“ auf einzigartige Weise.

Wer nach der Tour Zeit hat, sollte unbedingt noch das angrenzende Fischerdorf Padstow erkunden. Nicht nur, weil die bunten Boote hier niedlich im Hafen schaukeln, sondern weil sich der Ort, trotz seiner kompakten Größe, als Feinschmeckerparadies etabliert hat.

Hafenszene

Padstow ist nicht nur wegen seines malerischen Hafens einen Besuch wert.

©Anna-Maria Bauer

Zu verdanken ist dies maßgeblich dem Fernsehkoch Rick Stein, der hier 1975 mit dem Seafood-Restaurant sein erstes Lokal eröffnete. (Sein Turbot Hollandaise wurde sogar von der früheren Königin Elizabeth abgesegnet.) Heute führt er in Padstow gleich sechs Lokale und eine Kochschule, während Paul Ainsworth in seiner No. 6 derart fein aufkocht, dass er dafür einen Michelinstern erhalten hat.

Englische Essenz

Bei romantischer Kulinarik denkt man natürlich schnell ans Candlelight Dinner. Doch dazu gesellt sich dieser Tage eine andere, eine englische Tradition. Mit dampfendem, frisch gebrühtem Earl Grey im Goldservice, ofenwarmen Scones und delikaten Petit Four, vielleicht noch mit einem Glas Champagner, hat sich der Afternoon Tea als Luxus-Erlebnis auf der ganzen Welt durchgesetzt.

Doch auch wenn Tee intrinsisch mit Großbritannien verbunden ist, gab es bis zum Millennium keinen tatsächlich englischen Tee. Die Teepflanze Camellia sinensis mag es warm, am besten heiß und feucht. Sie wird also in China, Indien, Sri Lanka und Kenia angepflanzt. Doch auf einem Stückchen Cornwall – am Landgut Tregothnan nahe der kornischen Hauptstadt Truro – treffen mildes Klima, Windgeschütztheit und Luftfeuchtigkeit in derart idealem Ausmaß aufeinander, dass Hauptgärtner Jonathon Jones 1999 das Experiment wagte und den ersten englischen Teegarten anlegte.

46-222282944

Tregothnan eröffnete die erste tatsächliche englische Teeplantage.

©mauritius images / Alamy Stock Photos / Carolyn Eaton/Alamy Stock Photos / Carolyn Eaton/mauritius images

„Am Anfang waren wir schrecklich“, sagt Jonathon Jones. „Wir haben sieben von zehn Pflanzen verloren. Aber es gab ja keine Vorgänger, keine Vergleiche, nichts, woran wir uns anhalten konnten.“ Doch sein Durchhalten zahlt sich aus. Heute verkauft Tregothnan seinen Tee im Londoner Fortnum-&-Mason-Kaufhaus aber auch in der Fünf-Sterne-Hotellerie und lädt vor Ort zu Verkostung sowie Teegarten-Touren ein.

Beruhigenden Kamillentee hätte man vielleicht besser statt des Gin & Tonic konsumieren sollen, erwägt man am Abend im dunklen Hotelzimmer des Jamaica Inn. Solange es Tageslicht gab, hat man über die Schmuggleranekdoten geschmunzelt und mutig das Schmugglermuseum besucht. Immerhin wurde das Haus in Daphne du Mauriers gleichnamigen Roman verewigt. Alles wollte man aufsaugen. Nun aber zerrt der Wind an den Fensterläden und als in der Ferne eine Tür knarrt, klopft das Herz schneller. Dennoch ist einem zum Schmunzeln zumute. Irgendwie genießt man die Aufregung, die Ehrfurcht und den Kitzel der Begeisterung – für dieses wildromantische Land.

Anna-Maria Bauer

Über Anna-Maria Bauer

Schreibt seit 2021 als freie Autorin aus London für den KURIER über Politik, Royals und Lifestyle. Zuvor acht Jahre in der Wien-Chronik.

Kommentare