Von Mao-Figürchen und Grabbeigaben: Chinatown in Melbourne

Das chinesische Viertel in der zweitgrößten Stadt Australiens zählt zu den ältesten weltweit. Von hippen Bars und traditionellen Reisküchen, Froschschenkeln und Grabbeigaben als Souvenirs.
Zwei gelbe Löwentänzer treten in einer belebten Chinatown-Straße auf.

Was das nur sein soll? Spielzeug? Sachen für den alten Kaufladen? Aber in dem Souvenirshop in der Little Bourke Street, dem Zentrum von Melbournes Chinatown, sind nur Erwachsene. Als ob der chinesische Verkäufer Gedanken lesen könnte, kommt er näher und erklärt: „Grabbeigaben. Eine große Tradition bei uns Chinesen. In roten Geschenkkartons werden Utensilien für Todesfälle eingepackt: Papiergeld, Handyattrappe, Goldschmuck aus Karton, Räucherstäbchen, eine Plastikuhr sowie ein Taschenrechner für die Geschäfte im Jenseits.“

Viele kleine Statuen, die chinesische Soldaten und Beamte darstellen.

Mao-Figürchen

Er schmunzelt und fährt verkaufstüchtig fort, als er sieht, dass sich der Tourist nicht entscheiden kann. In der Souvenirfrage hin und her gerissen zwischen grüner Mao-Figur und Ming-Vase, eine gut gemachte Kopie, kommt der Vorschlag Grabbeigabe gerade Recht. Kann man doch anhand der symbolischen Gegenstände und Farben lebenden Lieben zu Hause vieles über chinesische Denkweisen erklären. So steht Rot für Glück und wird für Geschenkpapier verwendet. Einst waren sogar chinesische Brautkleider rot. Den Räucherstäbchen wird eine reinigende Wirkung nachgesagt. Gold und Geld, mit acht Nullen hinter der Eins und vor dem Komma, bringen Sicherheit und Wohlstand, das Handy sorgt für Kontakte und Image, Taschenrechner und Stift zeichnen den Kaufmann aus. Jade gilt als Symbol für die Tugenden wie Weisheit und Mut. Ein ideales Mitbringsel. Gekauft.

Fünf mächtige Tore mit geschwungenen Ziegeldächern markieren die Eingänge zur Chinatown. Es geht eng zu. Geschubst wird – anders als in China – nicht. Die Menschen gleiten mit Geschmeidigkeit aneinander vorüber. Der Duft von Räucherstäbchen liegt in der Luft. Chinesische Schriftzeichen an jeder Türe, Mandarin aus fast jedem Mund und Traditionen, die weit weg von Melbourne ihren Ursprung haben: Man glaubt, irgendwo in China zu sein.

Die Skyline von Melbourne spiegelt sich im Wasser des Yarra River.

Melbourne (rund 4,3 Mio. Einwohner) an der Südostküste des Kontinents ist berühmter Austragungsort der "Australian Open"

Mit Beginn des Goldrausches 1851 gegründet, zählt Melbournes Chinatown zu den ältesten weltweit. Nach den Chinesen im Goldrausch folgten, mit Australiens erster Espressomaschine im Gepäck, die Italiener. Nachfahren iberischer Einwanderer feiern bis heute an der Esplanada España mit Tapas und die Griechen haben ebenfalls ihr Viertel. Das „Hofbräuhaus“ hält mit Kassler und Kraut deutsches Brauchtum hoch. Klar, eine Stadt muss kosmopolitisch sein, wenn in ihr Menschen aus mehr als hundertvierzig Nationen zu Hause sind. Aber die Chinesen sind mit Abstand die Einwanderernation Nummer eins in Australien und ihr wichtigstes Migrantenviertel ist Chinatown, ein Mix aus Laternen und Neonlichtern, innovativen Restaurants und traditionellen Reisküchen. Dazu kommen hippe Bars, Boutiquen und IT-Läden, in denen man sein Handy für ein paar Aussie-Dollar reparieren lassen kann. „Nur wenn es ins Wasser gefallen ist, können wir nichts mehr machen“, sagt der zwanzigjährige chinesisch-stämmige Nerd, der natürlich in Melbourne geboren ist.

Chinesen essen ja alles, was kreucht und fleucht, so lange es mariniert werden kann – sagt man. Ein Blick auf die Speisekarten bestätigt: Die Restaurants bieten neben üblichen Reisgerichten und Peking-Ente auch Haifischflossen- oder Vogelnestsuppe an.

Vogelnester und Fischmagen

In den Apotheken rätselt der Besucher über allerlei in Gläsern ausgestellte Ingredienzien. „Seepferdchen“, erklärt der Doktor Wang, „legt man zwei Wochen in Alkohol ein. Dann isst man sie, um Nierenprobleme zu lindern.“ Es gibt auch Froschschenkel und sehr teure Vogelnester. Besonders exklusiv ist ein Fischmagen: „In einer Suppe gekocht, gibt er fast alle nötigen Vitamine und reinigt die Leber“, sagt Wang. 250 Gramm können bis zu tausend Euro kosten. „Da müsste dann doch auch ein Plastikfisch in einer Grabbeigabe sein“, scherzt der Tourist. Der Apotheker antwortet ernst: „Im Altertum bekamen die Toten in China tatsächlich noch Korn, Gewürze und Öl mit auf ihre letzte Reise.“ Mehr China bekommt man auch in China nicht.

Eine Karte von Australien mit den Städten Sydney, Canberra und Melbourne.

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