Ahmed Abdelmoula mit seinen Pflanzen.
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Tunesien: Der Mann, der auszog, um eine Oase zu erschaffen

Ein Königreich für eine Dattel: In den Oasenstädten im Süden des Landes huldigt man der Frucht, die einst Leben in die Wüste brachte. Eine Reise an den Rand der Sahara.

Wäre da nicht das sanfte Knirschen zwischen den Zähnen – man würde sie wohl für eine Karotte wie jede andere halten. Knackig, von kräftiger Statur, in leuchtendem Orange. Nur der Sand, den man später mit einem Schluck Tee hinunterspülen wird, verrät, dass sie inmitten der Sahara gewachsen ist.

Ahmed Abdelmoula, ein hochgewachsener Mann von hagerer Statur, hat sie gerade erst aus dem nackten Wüstensand gezogen. „C’est merveilleux“, sagt er, während er mit knappem Kopfnicken zum Kosten auffordert. „Das ist wunderbar.“ Der Stolz ist ihm anzusehen.

Ahmed Abdelmoula ist ein Mann mit einer Vision: Er will seine eigene Oase erschaffen. Oase. Ein großes Wort, dem viele Assoziationen anhaften – und das unsere Fantasie kitzelt. Eine Oase ist ein Versprechen, ein paradiesisches Idyll, ein Ort der Ruhe, der rettende Zufluchtsort für den Dürstenden.

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©Schwarz Christoph

Der Ort, den Abdelmoula dafür auserkoren hat, liegt rund zwei Jeep-Stunden südlich des tunesischen Städtchens Douz, selbst eine Oasenstadt. Die von den Touristen überlaufenen Küstenorte des nordafrikanischen Landes sind weit weg – geografisch, kulturell, kulinarisch; ja vielleicht auch in jeder anderen Hinsicht. Der Alltag hier, im Süden des Landes, hat sich jene Ursprünglichkeit bewahrt, mit der kluge Touristiker gerne werben.

Und tatsächlich braucht der, den es hierher verschlägt, einen gewissen Abenteurergeist. Schon vom Flughafen in Tunis bis nach Douz ist es eine Tagesreise mit dem Auto. (Besser noch, man macht am Weg Halt und übernachtet.) Die Reise führt vorbei an ganz viel Nichts, nur unterbrochen von kleinen Ortschaften und vom Chott el Djerid – dem größten Salzsee des Landes, der selbst trocken so magisch am Horizont leuchtet, als wäre da tatsächlich Wasser.

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©Grafik

Vor dem Tor zur Sahara

In Douz angekommen, wird klar, warum der Ort den Beinamen „Tor zur Sahara“ trägt. Einige letzte Behausungen, ein simples Mittagessen um eine Handvoll Dinar, dann bringt einen nur noch ein Jeep voran, direkt in den Nationalpark Jebil. (Oder ein Kamel, wenn man eines hätte.) Zuerst holprig über von Steinen übersäte Pisten, dann wechselt die Szenerie die Farbe – von einem harten Gelb zu einem sanften Orange – und der Sand nimmt alles für sich ein.

Männer und Burschen lenken die Jeeps gekonnt zwischen Dünen hindurch, und wie sie die Orientierung behalten, ist schleierhaft. Wirklich erklären, so scheint es, können sie es selbst nicht. Oder sie wollen nur nicht. Vielleicht muss man auch gar nicht fragen – und das kleine Mysterium ist Teil der Faszination. Irgendwann taucht der Tafelberg Tembaine auf, und dann, dahinter, das Camp von Ahmed Abdelmoula.

Fünfundfünfzig Unterkünfte hat er für sein „Luxury Camp“ vor einigen Jahren in den Wüstensand gestellt. Tatsächlich gibt es in den Behausungen – von denen die komfortableren wie Zelte aussehen, aber eigentlich gemauerte Häuschen sind – fließendes Wasser und Strom. (Wer es ursprünglicher mag, der findet in einem anderen Camp einige Dünen weiter sein Glück.)

Das Naturerlebnis ist aber auch hier ein ungetrübtes: Wenn das 26-köpfige Team, das Abdelmoula dirigiert, zum Abendessen ruft, versammelt man sich um das Lagerfeuer; Fladenbrot wird authentisch auf glimmenden Kohlen und unter einer Schicht Sand gebacken (Erinnerungen an die Karotte werden wach), dazu gibt es vielleicht nicht ganz so authentischen Gesang.

Spätestens am Tisch ist er verklungen – und man kann genießen. Das Brot dippt man in scharfe Harissa-Pasta, lokales Olivenöl (ein Geheimtipp) und Dosen-Thunfisch, der ein fixer Teil der kulinarischen Tradition Tunesiens ist. Wenn man Glück hat, schmeckt er zarter als die Massenware hierzulande. Das Ragout, das aufgetragen wird, stammt vom Kamel, dazu gibt es Gemüse von vor der Zelttüre.

Camp am Rande der tunesischen Sahara.

Nach zwei Stunden im Jeep  erreicht man das Camp am Rande der tunesischen Sahara.

©Schwarz Christoph

Ökologisches Vorbildprojekt

Hier blitzt er wieder auf, der Traum von der Oase. Abdelmoula stammt aus einer Nomadenfamilie, wie sie es in der Region bis heute gibt. Der Vater war der Erste, der das alte Leben für die Arbeit im Tourismus aufgegeben hat. Abdelmoula führt das fort – und kehrt doch zu den Wurzeln zurück. Während seine Gäste in den sternenklaren Nachthimmel blicken, feilt er um sie herum an einem ökologischen Gesamtkunstwerk. Es ist die moderne Adaption dessen, das schon seine Vorfahren antrieb: der Wunsch nach Autarkie.

Der Strom im Camp wird von Kollektoren gesammelt, die etwas außerhalb des Blickfelds der Touristen stehen. Genug Sonnenstunden hat man hier ja. Und die Zelte sind gesäumt von Gärten im Sand, die in herrlichem Grün erstrahlen. Bewässert wird das, was hier wächst, zu achtzig Prozent aus einer nahen Quelle. Und hier wächst so einiges: Petersiliensträuße – auch sie typisch für die tunesische Küche – stehen in Reih und Glied, nebenan sind Rüben, Chilis, Kartoffeln (zumindest hier sind sie wahrlich keine Erd-Äpfel), Frühlingszwiebeln. Einen Weinstock hat Abdelmoula ebenso gepflanzt wie Marillen und ein Olivenbäumchen, das noch ein paar Jahre voll guten Zuspruchs benötigen wird.

Gedüngt wird nicht. „Alles bio“, sagt Abdelmoula mit dem uns schon bekannten Stolz in der Stimme. Und natürlich setzt auch er auf die traditionelle Drei-Etagen-Wirtschaft, auf der der Anbau in Oasen fußt: Unten Kräuter, mittelhoch Oliven oder anderes Gehölz – und ganz oben, als ein schattenspendendes Dach, die Dattelpalme.

Lebensspender

Ihr muss man, um das Leben in der Oase zu verstehen, besondere Aufmerksamkeit widmen. Die Dattelpalme ist ein ikonisches Gewächs und der Ursprung des Lebens inmitten der Kargheit. Tatsächlich entstanden sie einst dadurch, dass die Wüstenreisenden an den Wasserstellen, an denen sie Rast machten, die Kerne der verspeisten Datteln in die Erde drückten. Einige Jahre später konnten sie im Schatten ihrer eigenen Früchte sitzen.

Eindrucksvoll klar wird einem die Bedeutung der Dattel etwas nördlich in der ansehnlichen Oasenstadt Tozeur, in der auf 25.000 Einwohner über 400.000 Dattelpalmen kommen. Die Dattel ist in Tunesien nicht nur Nahrungs- und Heilmittel, sie ist ein Wirtschaftsfaktor. Der Hain rund um Tozeur erstreckt sich über eine Fläche von eintausend Hektar. Angebaut wird – neben anderen – eine der begehrtesten Sorten auf dem Weltmarkt: Deglet Nour. Der Finger des Lichts.

Hier, in Tozeur, muss man Halt machen, sonst hat man etwas verpasst: den Markt etwa, auf dem Fenchelknollen so viel größer und fein-aromatischer verkauft werden als bei uns. Die kleinen Einkaufsstraßen, die auch Kunsthandwerk jenseits von Touristen-Tand anbieten – und die einen nachrechnen lassen, ob man im Gepäck nicht doch Platz für einen Berberteppich findet. Oder das Dattel-Museum, dessen irreführend touristischer Name einen nicht von einem Besuch abhalten sollte.

Info

Anreise
Zwei Mal wöchentlich gibt  es eine Linienverbindung von Wien nach Tunis: „Tunis Air“  fliegt   immer Donnerstag und Sonntag die Hauptstadt an. Die Flugzeit beträgt zwei Stunden. In den Süden des Landes  kommt man am zuverlässigsten mit Mietauto oder Chauffeur; Tozeur verfügt aber auch über einen Flughafen. Alle Infos gibt es auf der Seite des tunesischen Fremdenverkehrsamts: discovertunisia.com

Unterkünfte
In der Wüstenstadt Douz kann man im luxuriösen Resort „The Residence“ (inklusive gutem Spa-Angebot) vom Sahara-Trip entspannen. Top-Adressen in Tozeur sind die Baumhaus-Lodges „Diar Abou Habibi“ und das ausnehmend charmant-luxuriöse, privat geführte „Dar Elhadir“.

Und dann ist da noch so manch luxuriöse Unterkunft, die sich (wie so oft im arabischen Raum) hinter unscheinbaren Hausfassaden versteckt – und die den Reisenden die wortwörtliche Oase der Ruhe bietet. Noch außergewöhnlicher ist nur eine Nacht im „Diar Abou Habibi“, in dem Holz-Lodges auf Stelzen direkt in den Palmenhain gebaut sind.

Die süßesten Früchte hängen bekanntlich am höchsten. Manchmal knirschen sie auch zwischen den Zähnen. So nah wie hier, im Süden Tunesiens, kommt man ihnen selten.

Christoph Schwarz

Über Christoph Schwarz

Christoph Schwarz ist stellvertretender Chefredakteur des KURIER. Zuvor hat er das Chronik-Ressort des KURIER geleitet. Seit mehr als 20 Jahren in der Medienbranche tätig - mit Stationen bei den Oberösterreichischen Nachrichten, Standard, Presse, Wiener Bezirkszeitung und Falstaff. Jeden Donnerstag verfasst er kulinarische Betrachtungen. Und in seiner wöchentlichen KURIER-Serie "Spieltrieb" wirft er einen genauen Blick auf die neuesten Brett- und Gesellschaftsspiele.

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