Imagewandel in Tanger: So hat sich die marokkanische Stadt verändert
Tanger hat sein schmuddeliges Spelunkenimage abgelegt und ist heute eine moderne und auferäumte Stadt.
Von Jochen Müssig
Die Sonne strahlt bei der Ankunft im Port de Tangier, dem Brückenkopf zwischen zwei Kontinenten. Alle neunzig bis hundertzwanzig Minuten fährt eine Fähre in einer Stunde von Europa nach Afrika und umgekehrt. Die mehrspurige Avenue d’Espagne am Meer gleicht einem Boulevard drüben auf der anderen Seite der Straße von Gibraltar: Sie könnte auch in Cádiz, Málaga oder Marbella sein. Tanger gehörte zu Spanisch-Marokko, der Süden des Landes war unter französischer Herrschaft. Heute ist die weiße Stadt eine Art Transitraum zwischen Afrika und Europa, aber es gibt keine Spur von Verruchtheit mehr, wie sie einst Paul Bowles beschrieb, nicht einmal das schmuddelige Flair wie in manch anderer großen Hafenstadt. Der US-Schriftsteller lebte seit seinem 37. Lebensjahr in Tanger, wo er 1999 im Alter von 88 Jahren starb.
Durch eines der dreizehn Tore geht es in die Kasbah, die Burganlage der Altstadt, und schon der erste Teppichhändler, mit rotem Fez und Bommel, lockt in sein Geschäft: „Das erste Glas Tee soll süß wie das Leben schmecken“, sagt Ait geschäftstüchtig. Tanger gilt heutzutage generell als sichere Stadt, aber von Schleppern und Geschäftemachern ist man zumindest in der Altstadt nicht sicher. Diese zeigt sich mit überdachten Straßen mit geöffneten Türen auf beiden Seiten, verborgenen Terrassen hoch über dem weißen Häusermeer und einem Touristengeschäft neben dem anderen. Die Gerüche von Lederwarengeschäft, Parfümerie, Gewürzladen, Imbissbude überlagern sich und das Gedränge in den engen Gassen ist groß.
"Das erste Glas Tee soll süß wie das Leben schmecken."
©Jochen MüssigDer Spione-Schriftsteller-Spelunken-Mythos – von dem die Stadt bis heute zehrt – ist verblasst. Die moderne 1,3-Millionen-Stadt wirkt aufgeräumt, scheint nichts Verbotenes mehr zu haben. Die Drogen- und Schmugglerbanden von heute – immer noch sehr aktiv – arbeiten im Verborgenen. Ihr Ziel ist die spanische Enklave Ceuta in Afrika, gut fünfzig Kilometer östlich von Tanger.
Grüne Oasen statt Rotlicht
Auch das Rotlichtviertel um den Zoco Chico gibt es längst nicht mehr. Dafür zählt die Ampel die Sekunden bis zur Grün-Phase und alle halten sich daran. Auf Spielplätzen tollen die Kinder und kleine Parks wirken wie grüne Oasen. Die Beschilderung ist gut und zweisprachig, etwa zum Kap Spartel, von wo man über die Straße von Gibraltar nach Tarifa blickt und auf dem Weg dorthin an den protzigen Sommerpalästen der marokkanischen und saudischen Königshäuser vorbeifährt.
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