Selbstversuch einer Italien-Umrundung mit dem E-Auto
Bei Langstreckenreisen mit Elektroauto fürchten sich viele vor einer zu geringen Reichweite. Wir baten einen erfahrenen E-Nutzer zum Selbstversuch einer Italien-Umrundung. Fazit: 7.300 Kilometer, null Problemo – fast.
Von Thomas Klock
Davon konnte Goethe nicht einmal träumen. Bei seiner „Italienischen Reise“ gegen Ende des 18. Jahrhunderts war der deutsche Dichter auf Pferdekutschen angewiesen – während ich ein alter Hase bin, seit 2013 fahre ich Elektroauto. Die Suche nach Lademöglichkeiten ist also mittlerweile in meiner DNA. Damals gab es noch öffentliche Ladesäulen, deren Benutzung gratis war, kaum zu glauben bei den heutigen Strompreisen. Italien hat sogar noch höhere als jene in der Heimat.
Doch das ist mir beim Versuch einer Stiefelumrundung relativ egal, die wichtigste Frage meiner Vorbereitung ist lediglich: Gibt es genug Ladesäulen, vor allem im Süden? Ja, gibt es – wenn man ein Auto mit Reichweite hat. Ich fahre einen Ioniq 6 (Hyundai). Die Erfahrungen seit zwei Jahren: Die Werksangaben mit sechshundert Kilometer stimmen, wenn es regnet oder kalt ist, sind zehn bis zwanzig Prozent abzuziehen. Und da man das Auto mit bis zu 220 Kilowatt laden kann, ist man in zehn bis fünfzehn Minuten von 20 auf 80 Prozent Ladezustand. Alles gute Voraussetzungen für eine so große Strecke.
Die Tour plane ich über Osttirol ins Pustertal nach Bozen, weiter über Parma nach Livorno in der Toskana, über Neapel entlang der Küste bis nach Messina auf Sizilien. Von Kalabrien rüber nach Apulien und an der Ostseite samt Stiefelsporn rauf nach Ravenna und über das Kanaltal wieder in die Heimat.
Zweifellos ist die Dichte an Ladestationen im Norden größer als im Süden, aber auch ganz unten finden sich genug Schnelllademöglichkeiten. Ich plane spätestens alle dreihundert Kilometer einen Stopp ein, ein Espresso samt Cornetto dauern länger als das Aufladen.
Ladekarte, App, ...?
Bei meinen Vorbereitungen erfahre ich, dass vor allem im Süden Italiens die meisten Ladestationen nur mit Ladekarte oder per App des jeweiligen Providers zu laden sind. Das ist mir zu kompliziert, ich will es einfach. Also eröffne ich ein Konto bei einem Netzwerk-Provider, der Verträge mit den meisten Anbietern in Europa hat, und ich so nur einen einzigen Ladeschlüssel brauche. Hinhalten, Auto anstecken, Strom und Rechnung kommen automatisch, ohne irgendetwas an den Ladesäulen herumtippen zu müssen. Dafür zahle ich gerne die drei Cent Provision pro Kilowattstunde.
Allerdings gibt genau dieser Dienst nach dem ersten Viertel der Reise seinen Geist auf. Die Vorautorisierung – also das Reservieren von meist dreißig Euro auf dem Bank- oder Kreditkartenkonto, bevor der exakt zu bezahlende Betrag mit dem Ende des Ladens feststeht und schlussendlich auch abgebucht wird – wird von meiner Bank urplötzlich abgelehnt. Der Netzwerk-Provider sagt, meine Bank sei schuld, die Bank sagt, der Provider ist der Böse. Niente elettricità. Also lasse ich ab hier die Ladekarte im Staufach verschwinden und zahle nun doch mit meiner Kreditkarte. An jedem Ladestandort gibt es – wenn auch meist nur eine einzige – Säule mit Kreditkarten-Terminal. Das Herumtippen bleibt mir also ab da doch nicht erspart, jede Säule funktioniert ein bisserl anders, es ist aber machbar.
Der bekannteste Italien-Reisende der Geschichte fuhr mit der Kutsche, aber eben auch entschleunigt.
©Thomas KlockSchöne Strecke
Entlang meiner Route liegen eindrucksvolle Impressionen von Kunst und Natur unseres großartigen Nachbarlandes. Die schöne Stadt Parma mit ihrer Käse- und Schinkentradition, die Phlegräischen Felder bei Neapel, in denen die Menschen der Stadt Pozzuoli direkt an einem aktiven Krater, der Solfatara, leben und in der es während meines viertägigen Aufenthaltes sage und schreibe einhundertvierzig Erdbeben gibt. Zwei davon richtig heftig, die mich aus dem Schlaf schrecken lassen. Caserta und das Königsschloss der Bourbonen kann ich nicht auslassen, der Prachtbau diente auch als „Padmé Amidalas“ Heimat im Film Star Wars I. Südlich von Salerno stehen beeindruckende Tempel in Paestum, einer antiken griechisch-römischen Stadt. Fantastisch. Von dort geht es am Meer entlang nach Tropea, bekannt als touristische Stadt und für seine roten Zwiebeln. Vielleicht auch als rote Stadt und für seine touristischen Zwiebeln – das weiß ich nicht so genau. Sicher ist, dass im Abendrot der aktive Stromboli aus dem Meer ragt und raucht.
Im Untergrund der Fähre nach Sizilien, über die Straße von Messina, geht es meinem Navi im Auto gar nicht gut, offensichtlich seekrank. Es will plötzlich unbedingt als kürzesten Weg eine Schleife über Neapel machen.
Das schöne Ostuni ist als die „Weiße Stadt“ und das Zentrum des apulischen Olivenöls bekannt.
©Apple Photos Clean Up/Thomas KlockFünf Prozent Batterie
Ein Highlight ist auch die Stadt der Felsenhöhlenwohnungen in der Region Basilikata: Matera. Weltkulturerbe, 2014 europäische Kulturhauptstadt. Viele, viele Filme nutzten die Stadt als Kulisse, zu den berühmtesten zählen „Ben Hur“ und „James Bond: No Time To Die“.
Auch meine Batterie hat an diesem Tag keine Zeit zu sterben, am Tagesende stelle ich das Auto mit fünf Prozent Restreichweite ab. Apulien mit seinen Olivenhainen samt bis zu zweitausend Jahre alten Bäumen gehört zu den reizvollsten Landschaften Italiens – ein kleines Paradies. In dem ein hiesiges Küchelchen aus Biskuit, Pasticciotto genannt, so beliebt ist, dass es ironisch zum Heiligen erklärt wurde.
Goethes Rückreise aus Italien war angeblich weniger spektakulär als die Hinreise. Das kann ich von mir nun gar nicht sagen. In Alberobello stehen die Trulli, diese einzigartigen Rund-Steinhäuser. Knapp vor dem Schließen der Klostertore komme ich nach Manoppello, um das Volto Santo, das Schweißtuch der Veronika und dessen „Abbild des Mensch gewordenen Gottes“ zu sehen. Ebenso beeindruckend ist der mit einhundertfünfundsechzig Metern Höhe höchste künstlich erschaffene Wasserfall der Welt: Cascata delle Marmore bei Terni. Oder Ravenna mit seinen prachtvollen 1.500 Jahre alten Mosaiken, wo sich auch das Grabmal Dantes befindet, auch fahre ich natürlich ebenso Vicenza an, die Stadt der Architektur Andrea Palladios, in der ich – wie auf meiner Route so oft – auf den Spuren Goethes wandle. Etwa im Teatro Olimpico, dem Kreuzungspunkt von Architektur und Dichtung. Und immer ein Staunen und ein Lauschen – der prachtvollen Welt von Natur und Kunst.
Fazit und Tipp
Ich komme zu dem Schluss: Derart ein Land zu erspüren, dafür ist ein Elektroauto wie gemacht. Meditatives Dahingleiten und ein ökologisches Surren statt stinkendem Geknatter. Die Ruhe wurde bei meinem E-Gefährt nur durch die südkoreanische Verliebtheit in Signal- und Warntöne gestört. Und durch das Geklappere, das hinten nach einem kaputten Stoßdämpfer klingt, es aber nicht ist, wie die Werkstatt beteuert … der Fehler wurde noch immer nicht gefunden. Die Sitze sind dafür so gut, dass mein Rücken auch nach insgesamt 7.300 Reisekilometern nicht meckert – was aber mit dem E-Antrieb nichts zu tun hat. Technisch sind viele Elektroautos schon so ausgereift, dass einmal um den Stiefel kein Problem darstellt.
Wenn, dann heißt die Schwachstelle Ladeinfrastruktur. Die offerierte maximale Ladeleistung bekommt man so gut wie nirgendwo. Auch hierzulande. Und Überdachungen gönnt man unsereins auch nicht. Aber irgendwann werden die Ladesäulen dort stehen, wo jetzt die Zapfsäulen sind. Die Gegenargumente sind – aus meiner Sicht nach sechzehn Jahren E-Auto – letztendlich nur Vorurteile und falsch. Außer dem Vorwurf, dass man mehr mit einem Elektroauto fährt. Stimmt. Ich erlebe in meinem E-Boliden mehr dolce vita als je zuvor. Mit einem Verbrenner hätte ich diese Reise nie gemacht. Certo!
Thomas Klock ist heute Coach, vielfältiger Berater und Fachbuchautor. Bekannt wurde er einst als Radio- und TV-Moderator, im Jahr 1986 wurde er zum beliebtesten Ö3-Moderator gewählt.
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