Ein Kurztrip ins Zillertal: Zwischen Skipisten und Krokussen
Oben perfekt präparierte Pisten, unten die ersten Krokusse – und das alles in Sonne getränkt. Das Zillertal punktet im März mit einem Sowohl-als-auch.
Von Nicola Afchar-Negad
Es gibt diese kurze Zeit im Zillertal, in der sich die Jahreszeiten nicht entscheiden können. Unten im Tal schieben sich die ersten Krokusse aus der Erde ins Licht – hartnäckig, fast trotzig. Oben findet man die Pisten noch in gutem Zustand, Skifahren ist weiterhin angesagt – nur fühlt es sich anders an. Weicher, unaufgeregter.
Der Winter zieht sich zurück, der Frühling zögert aber noch. Die Zwischenjahreszeit ist nicht spektakulär, wird aber eindeutig unterschätzt. Insbesondere die Wochen bis Mitte April, bevor die Bergbahnen für zwei Monate stillstehen, sind etwas für Kenner. Während das Zillertal in den Weihnachts- und Semesterferien durch Staumeldungen auffällt, sorgen März und April für Ruhe, wirken fast wie Mediatoren im Tal der Dreitausender und des ewigen Eises. Die Krokusse sind die sichtbaren Zeichen dieser Transformation im langen, relativ engen Tal, das sich vom Inntal bei Schwaz tief hinein in die Tiroler Alpen zieht.
Ein bisschen dauert es noch, aber dann entfalten sie wieder ihre ganze symbolhafte Wirkung: die Krokusse im Zillertal
Hier liegen bekannte Orte wie Mayrhofen, Zell am Ziller und Fügen, dazu kleine Dörfer. Insgesamt leben hier nur 35.000 Einwohner, kaum mehr als im 4. Bezirk in Wien. Das Zillertal wird gerne als "das musikalischste Tal der Welt" vermarktet, tatsächlich ist die Dichte an vor allem volkstümlichen Musikern außergewöhnlich. Und die der gehobenen Hotellerie, insbesondere in Sachen Design-Denke.
Ich packe in meinen Koffer ...
… ein Dirndl – zumindest wer beim „Lederhosen Wedel“-Finale stilecht gekleidet sein möchte.
… Oder ein schrilles Retro-Outfit für die „Arena 90s Days“.
... Wer den Platz hat: eventuell Ski- und zusätzlich Wanderstöcke.
Nest statt Zimmer
Infinitypools mit Bergkulisse scheinen fast zum Standard zu gehören, aber da geht noch mehr. Das "Coolnest" in Ramsau ist so ein Haus, das irgendwie lässiger und entspannter daherkommt als das, was man in den Alpen so gewohnt ist – oder glaubt zu kennen. Lebendig statt nur elegant, Nest statt Zimmer.
Ähnliches gilt für das Neuhaus Zillertal Resort, wenige Fahrminuten entfernt in Mayrhofen. Symbolhaft: Das kleine Mädchen, das glücklich strahlend mit frisch manikürten Nägeln aus dem Spa eilt, eingehüllt in einen kuschligen Bademantel. Sie hält die Hände nach oben, sie glitzern im Sonnenlicht, das durch die bodentiefen Panoramafenster im neuen Badehaus fällt. "Funkelspaß" nennt sich die Spa-Anwendung für Kinder im Neuhaus.
Die Olpererhütte auf gut 2.300 Meter Seehöhe, im Hintergrund der Schlegeis-Stausee
©mauritius images / Alamy Stock Photos / Tunatura/Alamy Stock Photos / Tunatura/mauritius imagesUnd tatsächlich, hier funkelt und strahlt so ziemlich alles, vom Licht der Stehlampen, das im Poolwasser reflektiert wird, bis hin zum Firnschnee auf den Berggipfeln ringsum. Draußen die gewaltige Natur, drinnen Reduktion, oben Weite, unten Geborgenheit – genau diese Parallelen, diese Dualität, machen die Zwischenjahreszeit hier so stimmig. Keine Inszenierung, sondern Authentizität. Die gibt es auch im Hochwinter, doch da verschwindet sie oft im Schneestaub des großen Andrangs.
Wenn frühmorgens die Spitzen des Olperers (3.476 m) oder Hochfeilers (3.509 m) rot-golden leuchten, das Alpenglühen auch die eigene Motivation entfacht, dann nur los! In Mayrhofen startet die Ahornbahn um 7.30 Uhr. In der Zillertal-Arena lädt man im März donnerstags und sonntags sogar schon um 6.55 Uhr zum "Good morning skiing". Für welches Skigebiet man sich entscheidet, ist eine Typsache. Das Hochzillertal mit Wedel- und Kristallhütte ist so etwas wie der George Clooney der Skigebiete. Die Zillertal-Arena: eher Helene Fischer, es darf gefeiert werden.
Kaiserschmarren – besonders gut z. B. auf der Kristallhütte
Mayrhofen: ganz klar Tom Cruise: anspruchsvoll, fokussiert, actiongeladen – 142 präparierte Pistenkilometer und 89 Prozent davon liegen über 1.700 m – im gebietsübergreifenden Durchschnitt. Bleiben noch das familiäre Spieljoch (Tom Hanks) und der Hintertuxer Gletscher: quasi der Dwayne "The Rock" Johnson der Skigebiete – stark, robust, omnipräsent – das passt, kann man hier doch das ganze Jahr über wintersporteln.
Kalt duschen ist gratis
Aber egal, welche Charakteristik, das Zillertal an sich ist eine bodenständige, selbstbewusste Ecke Tirols. Insbesondere Touristen aus dem Ausland kriegen sich gar nicht mehr ein, ob des sprachlichen Singsangs, der Schönheit der alpinen Architektur, des fluffigen Kaiserschmarrens und – das gehört heute halt auch dazu – der Foto-Optionen. Etwa am offenen Fenster der Berliner Hütte auf über 2.000 m Höhe – eine Hütte, die auch durchaus als alpiner Palast durchgehen würde – man stelle sich eine hohe holzvertäfelte Eingangshalle mit breiten Treppen, Steinbüsten und Kronleuchter vor. Eine ungewöhnliche, rustikale Exaltiertheit. Geöffnet von Juni bis Herbst, eine warme Dusche gibt’s um 2 Euro, eine kalte gratis.
3 Kuriose Fakten
Wussen Sie, dass ...
… Krokos ein junger Mann gewesen sein soll, im Begleittross von Hermes? Es gibt aber auch noch andere mythologische Interpretationen.
… der Hintertuxer Gletscher der einzige Ort in Österreich ist, an dem 365 Tage im Jahr Ski gefahren werden kann?
... das traditionelle Gauderfest in Zell am Ziller der größte Trachtenumzug Österreichs ist? Heuer von 30.4. – 3.5.
Oder die Hängebrücke bei der Olpererhütte, der Insta-Spot schlechthin. Wer auf Instagram unterwegs ist, wird sie hundertfach finden: Fotos von jungen Wanderern, die scheinbar auf der Brücke über dem Abgrund balancieren, wenn nicht sogar von ihr herunter baumeln. Im Hintergrund: der blitzblaue Schlegeisspeicher und die schneebedeckten Berggipfel. „Bist du lebensmüde?“ fragen die Follower und ahnen nicht, dass der Boden nur wenige Zentimeter darunter – aber am Foto abgeschnitten – ist.
Beste Zeit zum Skifahren? Genau jetzt! Hier am Ahorn
©Christian Lorenz/mayrhofner bergbahnenWer die Höhenluft gut verträgt, kann den Urlaub splitten. Ein paar Nächte unten in Mayrhofen, einige hier oben am Berg. Von "Ja, es gibt ein Klo, aber kein Wasser" bis hin zum Marmorbad in den Maisonette-Alpine-Lodge-Suiten der Kristallhütte – das Spektrum reicht so weit wie der Blick aus den Fenstern. Es wird! Dieses "von bis" gibt es natürlich in allen Skigebieten, aber der Zillertal-Tourismus wirbt nicht ganz zu Unrecht mit dem Slogan "Das fühlst du nur hier".
Der Natur-Eis-Palast am Hintertuxer Gletscher – muss man gesehen haben
©Natureispalast im Hintertuxer GletscherOben in der Zillertal-Arena die „Arena 90s Days“ (20. – 22.3.), das „Lederhosen Wedel Finale“ (10. – 12.4.) oder in Mayrhofen „Snowbombing“ (11.4), unten im Tal der Aperol in der Hand und die Sneaker- statt Skisocken an den Füßen. Es wird, der Frühling kommt! Auf den südseitigen Wiesen sind sie jetzt bald nicht mehr zu übersehen, die Krokusse – sie blühen unten Richtung Inntal schon oft Anfang März, oben meist Ende des Monats oder noch später.
Bald, so versprechen die Krokusse, wird es wieder wärmer – nicht nur ein bisschen, sondern so richtig. Ihnen werden bald die Laubbäume folgen – und die Murmeltiere, die zum Zillertal gehören, wie die Schürzenjäger, die Band versteht sich. Und circa dann, wenn diese possierlichen Tierchen wieder aus ihren Erdlöchern herausblinzeln, wird es Zeit, dass die Bergbahnen ruhen. Zumindest für zwei Monate, bis es wieder so richtig losgeht, dann mit hunderten Kilometern an Wanderwegen, Bikestrecken, Freibädern und idyllischen Bergseen. Für Skifahrer beruhigend: Der Hintertuxer Gletscher, der nimmt keine Auszeit – eben wie Dwayne „The Rock“ Johnson im Filmgeschäft.
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