Provence-Highlights: Von Marseille bis zu Cézannes Spuren
Die Provence ist weniger Reiseziel als Lebensgefühl - speziell zwischen Marseille, Cassis und dem Luberon.
Die Provence ist kein Ort, sie ist ein Zustand. Einer, der sich zwischen azurblauem Himmel und dem rauen Atem des Mistrals einstellt. Ein Zustand, der entschleunigt, die Sinne schärft und öffnet. Nicht spektakulär, sondern nachhaltig. Es gibt Regionen, die um jeden Preis gefallen wollen, laut, fordernd, fast schon aufdringlich. Das ist hier anders. Trotz ihrer hohen Besucherzahlen und ihrer Vielfalt fehlt der Provence das eine touristische Symbol. Dies hebt sie von anderen Regionen ab. Der französische Schriftsteller Jean Giono (1895 – 1970) hat das schön beschrieben: „Die Provence verbirgt ihre Geheimnisse hinter ihrer Selbstverständlichkeit.“
Im Südosten Frankreichs gelegen und größer als manches kleinere europäische Land vereint sie auf vergleichsweise engem Raum Mittelmeer und Kalkküsten, alpine Ausläufer, weite Ebenen, karge Hochplateaus. Diese geografische Vielfalt prägt auch ihr Lebensgefühl. Hier ist nichts eindimensional, nichts langweilig. Das Licht fällt anders: härter und trotzdem charmant. Der Mistral klärt die Luft, manchmal auch die Gedanken. Das Blau des Meeres hört irgendwann auf, Meer zu sein, und wird zur scheinbar unendlichen Weite. Wer sich hier bewegt – zwischen Marseille, Cassis, Aix-en-Provence, dem Luberon –, merkt schnell, dass die Provence weniger ablenkt als ausrichtet.
Hoch über der Stadt Marseille wacht die Kathedrale Notre-Dame de la Garde.
©Getty Images/iStockphoto/Javier GarcÃa Blanco/iStockphotoIn Marseille entlang des Meeres joggen gehen
Vermutlich ist sie deshalb geradezu ideal für Menschen, die etwas beginnen wollen. Nicht im großen Gestus, sondern eher behutsam. Das Tempo ist anders, der Blick wird weiter, die Haltung offener. Man verliebt sich hier nicht plötzlich, sondern über mehrere Tage hinweg. In einen Menschen, in sich selbst oder in ein neues Leben. Mit Sonne auf der Haut, Wind im Gesicht und dem Gefühl, auf den eigenen Spuren zu wandeln.
Marseille ist ein guter Anfang für so eine Reise. Die älteste Stadt Frankreichs zeigt ihre Widersprüche offenherzig: Hafen (der größte Frankreichs) und Hochplateau, Chaos und Kontemplation. Ein Ort, der sich nicht aus der Distanz erschließt, unmittelbar, unverstellt. Wer hier landet, beginnt den Tag am besten in Bewegung: mit einem Lauf oder flotten Spaziergang entlang der „Route de la Corniche“: auf der einen Seite das Meer, auf der anderen Villen – Stadtstrände, kleine Buchten, Treppen hinunter zum Wasser inklusive. Mit 57 Kilometern Küste im Umland und seinen Stränden ist Marseille eine Großstadt, die auch zum Baden lädt. Dass sie am Wasser gebaut wurde, ist kein Zufall. Das Meer ist ihr Ursprung, ihr Taktgeber, ihr inneres Prinzip. Hafen, Handel, Migration, Gerüche, Geräusche, Mentalität: Das alles kommt vom Wasser her.
Wer in Marseille ist, muss unbedingt eine Bouillabaisse probieren, Gourmet-Tours laden ein.
©Getty Images/chang/iStockphotoIm "alten Hafen" Bouillabaisse kosten
Am historischen Hafen, Vieux Port, verlangsamt sich der Herzschlag der Stadt. Boote schaukeln in der Sonne, Gespräche mischen sich mit dem Schreien der Möwen, und in den Töpfen köchelt Bouillabaisse – einst Essen der Fischer, heute quasi kulinarisches Erbe. Man folgt mediterranen Aromen auf einer geführten Gourmet-Tour oder beobachtet das Kommen und Gehen zwischen Fischerbooten und Fähren. Von oben betrachtet, bei Notre-Dame de la Garde, präsentiert sich die Stadt wie eine offene Muschelschale. Der Vieux Port als Perle, das Meer als blauer Hintergrund. In Le Panier oder rund um den Cours Julien zeigt sich pures Leben: Street Art, kleine Bars, Terrassen, auf denen bis spät in die Nacht getrunken, gefeiert, getanzt und gelacht wird.
Einige Schritte weiter öffnet sich ein Fenster in die Vorgeschichte: die Nachbildung der Cosquer-Höhle mit ihren jahrtausendealten Tiermalereien. 30.000 Jahre schrumpfen auf einen Augenblick. Danach hinaus aufs Wasser, hinüber zum Château d’If, jenem Felsen im Meer, der durch den „Grafen von Monte Christo“ von Alexandre Dumas Weltliteratur wurde.
Wussten Sie, dass...
- ...die Stadt Marseille die ältestes Stadt Frankreich ist? Sogar um einiges älter als Paris.
- … Aix-en-Provence oft als „Stadt der 1.000 Brunnen“ bezeichnet wird? Tatsächlich sind es über 250 Brunnen.
- ... dass Lavendel rund um Gordes Teil der Agrarwirtschaft ist? Viele Felder gehören Klöstern oder Familienbetrieben.
Cassis: Fjordartige Buchten, hohe Meeresklippen
Nur eine halbe Stunde entfernt wird vieles ruhiger. Cassis empfängt mit mediterraner Gelassenheit, eingebettet zwischen Meer, Weinbergen und steilen Kalkwänden. Der kleine Hafen mit seinen pastellfarbenen Fassaden ist Bühne und Rückzugsraum zugleich: morgens beinahe intim, abends erfüllt von Lachen, Gläserklirren und diesem milden Licht, das alles weichzeichnet. Hinter Cassis erhebt sich das Cap Canaille, mit 400 Metern eine der höchsten Meeresklippen Europas, rostrot und schroff, vorne beginnt das tiefblaue Mittelmeer. Von hier aus öffnen sich die Calanques, fjordartige Buchten aus weißem Kalk und türkisfarbenem Wasser.
Ob zu Fuß oder per Boot: Die Landschaft ist stets atemberaubend. Sie duldet keine Hast, schreit nach Hingabe und Kontemplation. Im Gegenzug schenkt sie Stille. Wer hier unterwegs ist, merkt schnell, wie die Gespräche kürzer werden und das Staunen länger. Zurück in Cassis reicht ein Spaziergang am Hafen, ein Bad in der Bucht oder ein Abstecher auf die „Route des Crêtes“ mit ihren spektakulären Ausblicken. Am Abend wird Pétanque gespielt, Pastis getrunken, die Nähe zu Einheimischen entsteht wie von selbst.
Ich packe in meinen Koffer...
- … das autobiografische Buch „Mein Jahr in der Provence“ des britischen Autors Peter Mayle.
- … die Neuverfilmung von „Der Graf von Monte Christo“ (2024). Vor der Reise aufs Tablet laden.
- ... ein Tuch (oder einen Schal) gegen den Mistral, für kühle Abende oder als Sonnenschutz.
Calanques, nahe Marseille, mit fjordartigen Buchten und tiefblauem Meer
©Getty Images/alxpin/istockphotoFlanieren in Aix
Das knapp 50 km entfernte Aix-en-Provence setzt einen ganz anderen Akzent. Als Universitätsstadt, Verwaltungszentrum und kultureller Knotenpunkt der Region wirkt sie geordnet, elegant, fast höflich. Der Gegenpol zum Leben am Meer. Brunnen und Platanen strukturieren den Raum, Märkte füllen ihn mit Farben und Düften. Unzählige Fontänen erzählen vom Wasser als Ursprung des Lebens. Man bummelt durch kleine Boutiquen, entdeckt Duftkerzen oder Seifen, die das Gefühl der Provence konservieren wollen, sitzt in Innenhöfen bei Kaffee und Kuchen. Aix lebt von der Kunst – und von Paul Cézanne, der hier lernte, Landschaft nicht nur abzubilden, sondern zu durchdringen. In den Steinbrüchen von Bibémus, seinem Atelier und vor dem Höhenzug Montagne Sainte-Victoire folgt man seinem Blick auf die Provence.
Roussillon im Luberon: glühene Ockerfelsen
Der Luberon schließlich ist das ruhige Herz der Provence. Dörfer aus Stein und Licht, Olivenhaine, Weinberge, Lavendelfelder. Orte wie Gordes oder Roussillon zeigen ihre Schönheit oft erst, wenn der Tag sich neigt und der Trubel verschwindet. In Roussillon beginnen die Ockerfelsen im Abendlicht zu glühen, als hätte jemand die Erde von innen her angezündet – Rot, Orange, Gold. Die Farben verändern sich mit jeder Minute, ein Spektakel. Man lauscht dem Knirschen des Bodens unter den Füßen, dem Zirpen der Zikaden, dem eigenen Atem – und ist zufrieden. Auch Gordes entfaltet seine Wirkung erst beim zweiten Blick. Tagsüber ist das Dorf eine Ikone, fotografiert aus allen Winkeln, bewundert, umrundet. Doch wenn die Busse verschwinden und alles ruhiger wird, verändert sich der Rhythmus des Ortes. Dann liegen die steinernen Häuser wie selbstverständlich im Hang, das Licht tastet sich über die Mauern und lässt den Kalk aufleuchten. Man setzt sich hin, schaut ins Tal und vergisst die Zeit.
Zu Besuch im ehemaligen Atelier von Paul Cézanne, Aix-en-provence.
©mauritius images / Alamy Stock Photos / Didier ZYLBERYNG/Alamy Stock Photos / Didier ZYLBERYNG/mauritius imagesWein und Genuss: Regionale Feste feiern
Große Teile des Luberon stehen unter Landschaftsschutz, auch darin liegt sein Charme. In den Frühlings- und Sommermonaten verbinden regionale Feste Wandern, Wein, Kulinarik und Musik und gemeinsame Genüsse. Irgendwann findet man sich vielleicht auf einem Platz mitten in einem Dorf. Die Boulekugeln rollen über den Boden, ein Brunnen plätschert, jemand stellt ein Glas Rosé auf den Tisch. Ein älteres Paar sitzt vor dem Lokal und schaut dem Treiben zu. Und einer sagt, nicht pathetisch, sondern ganz selbstverständlich: „La vie est douce.“
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