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Urlaub an der Côte d’Azur: Nizza zwischen Kunst und Kulinarik

Monaco hat die Casinos, Cannes die Filmfestspiele – und Nizza: die Kunst, den Müßiggang, das echte Leben. Die Stadt, die für Henri Matisse und Yves Klein Heimat und Inspiration war, lebt im Frühling neu auf.

Von Nicola Afchar-Negad

Da sitzen sie, aufgefädelt einer neben dem anderen, im 1. Stock der Bar Waka. Hinter ihnen die riviera-grünen Fensterläden, vor ihnen die Palmen, die Passanten und vor allem: das Mittelmeer. Das Licht ist nicht gleißend, es ist jetzt im Frühling genau richtig. Wer hier an seinem Drink nippt und sich gedanklich in der Weite des Wassers verliert, wird Nietzsche verstehen. Und Fitzgerald. Hemingway. Matisse. Chagall. Sie alle fanden hier den Nährboden für ihre Ideen, teils auch ihr Zuhause.

Yves Klein wurde hier geboren – und nicht nur er, auch sein ikonisches Blau. Die Farbe stand für ihn für das Unendliche, das Absolute und gleichzeitig nicht Greifbare. Die Künstler haben dennoch versucht, es festzuhalten – und so ein kleines bisschen tut das auch jeder Tourist, wenn er sich zwischen azurblauem Meer, ockerfarbenen Häusern und lila Lavendelsäcken auf dem Markt bewegt. Für die zweitgrößte Stadt der Region Provence-Alpes-Côte d’Azur gilt zwar mitgefangen mitgehangen, was die Klischees betrifft, aber eigentlich ist Nizza nicht so abgehoben, wie man glauben könnte.

Das Restaurant Leo Plongeoir in Nizza

Kult! Ein Dinner im Leo Plongeoir (auf Deutsch: das Sprungbrett) – ohne Reservierung hat man keine Chance

©marion butet studio/benedetti laurent

Viele Wohnhäuser sind schlicht, teils bröckeln die Fassaden. Wäsche hängt aus den Fenstern, die Niçois plaudern auf den schmiedeeisernen Balkonen. Ganz oft, wenn man um die nächste Ecke in der Altstadt (Vieux Nice) biegt, wähnt man sich eher in Italien als in Frankreich – und das hat seinen Grund. Bis 1860 gehörte die Stadt zum Königreich Sardinien, die italienische Grenze ist keine Stunde entfernt. Landschaftlich ist die Lage dramatisch, fast theatralisch, mit den Alpenausläufern im Rücken und dem Mittelmeer zu Füßen.

Unweit von Nizza warten Bergdörfer wie Èze, die einen – dem Himmel so nah – sofort erden. Was man unbedingt andenken sollte: eine kurze Wanderung entlang der Küste. Wobei man hier in Südfrankreich nicht wandert oder spaziert, sondern flaniert. Müßiggang und Entschleunigung gehören einfach dazu – gleich ob auf der Promenade des Anglais oder entlang des Küstenwegs nach Villefranche-sur-Mer. "Locker und sowas von fotogen" sei letzterer, sagt eine, die es wissen muss.

The Village of Eze, Provence, Southern France

Nizza bietet sich auch für Ausflüge an: Das Bergdorf Èze liegt Richtung Hinterland zwischen Nizza und Monaco

©Getty Images/Aleh Varanishcha/istockphoto

Substanz statt Show

Florence Dupont ist General Managerin des "Mama Shelter Nice", eine stylische, energetische und alles andere als standardisierte Hotelmarke. Nizza ist vermutlich die einzige Stadt an der Cote d’Azur, die so perfekt ins Portfolio passt. "Verglichen mit Cannes und St. Tropez ist Nizza so etwas wie die mühelos coole kleine Schwester – quirlig und künstlerisch." Wonach ihre Stadt im Frühling schmecke, wonach sie rieche und wie sie sich anfühle, möchte die freizeit wissen. "Wie ein frisches Pan Bagnat aus der Bäckerei, großzügig mit Olivenöl beträufelt. Die Stadt riecht nach einer Meeresbrise, versetzt mit blühendem Jasmin. Und wie Nizza sich anfühlt? Wie dieser erste warme Tag, an dem man die Jacke zuhause lässt und es nicht bereut."

Softer und intimer sei "La Belle Niçoise" in dieser Jahreszeit. Als perfekten Zeitpunkt nennt die Hotel-Managerin das Maifest: "Es ist ausgelassen, sehr authentisch und zeigt eine völlig unerwartete Seite der Riviera." Gefragt nach ihrem idealen Tag folgt das Naheliegende: Der Markt am Cours Saleya, das "Herz der Stadt", wie Dupont sagt. Im Frühling explodiert er förmlich. Pfingstrosen in dichten Büscheln, Erdbeeren aus Carros, grüne Spargelstangen und würzige Kichererbsenfladen – genannt Socca –, noch dampfend. Am besten von "Theresa", ihr orangefarbener Stand ist nicht zu verfehlen.

3 kuriose Fakten

Wussten Sie, dass...

  • …  die Apollo-Statue am Place Masséna – wegen Nacktheit – in den 1970ern entfernt, doch 2011 wieder aufgestellt wurde?
  • …  der Name Nizza auf Nikaia zurückgeht, benannt nach der griechischen Siegesgöttin Nike?
  • ...  wegen einer Tradition aus dem 19. Jahrhundert jeden Tag um 12 Uhr ein Knall vom Schlossberg aus ertönt? 

Wer den Markt hinter sich lässt, entscheidet sich für die vielen kleinen Schaufenster in der Altstadt – oder das ganz große aufs Meer, an der legendären Promenade des Anglais. Sieben Kilometer pralles Leben. Man kauft spontan ein Kunstwerk, das justament in dem Moment vollendet wird, in dem man dem Künstler über die Schulter schaut, weicht den Rennrädern aus oder ist beeindruckt von den Joggern, die sichtlich schon ein paar Kilometer hinter sich haben. Und ganz unbedingt nimmt man Platz auf den berühmten blauen Stühlen, einem Symbol für die Stadt – und irgendwie auch einem für die Lebensart und den perfekten Nizza-Moment. Sich kurz hinsetzen, dem Meer zugewandt und zumindest gefühlt die Zeit verlangsamen.

People among fountains at Promenade du Paillon, Nice , France

Was für ein Spaß im Frühling und Sommer! Miroir d’Eau, Promenade du Paillon

©Getty Images/Alphotographic/istockphoto

Wie bedeutend das Möbelstück für die Stadt ist, zeigt auch, dass es Teil des Musée d’Art Moderne et d’Art Contemporain (MAMAC) ist. Das ist derzeit allerdings geschlossen, da es als Teil des Stadtentwicklungsgebiets "Promenade du Paillon 2" renoviert wird. Ein Part des Mammut-Projekts, der längst abgeschlossen ist: das Miroir d’Eau, ein 3.000 m² großer Wasserspiegel mit 128 kleinen Fontänen. Ein wahnsinniger Spaß für Kinder, das weiß jeder, der schon mal in Wien an so einem Platz vorbeigekommen ist. Gleich ums Eck wäre dann noch der Place Masséna mit seinem Boden in schwarz-weißem Schachbrettmuster, der Apollo-Statue und den ziegelroten Hausfassaden.

Fontaine du Soleil - Fountain of the Sun in the downtown of Nice - French Riviera

Der Place de Masséna mit der Apollo-Statue – hier kommt jeder vorbei

©Getty Images/Flavio Vallenari/istockphoto

Die Galeries Lafayette am Place Masséna vermitteln einen guten Eindruck davon, dass man halt eben doch an der Côte d’Azur ist, dass Luxus nie weit entfernt ist. Natürlich auch in den Beachclubs, etwa dem Ruhl Plage mit seinen markanten blau-weiß-gestreiften Sonnenschirmen. Ein Tag hier tut einfach gut, die Kieselstrände sind auf Dauer aber etwas unangenehm. Man kann locker ein ganzes Wochenende nur in Nizza verbringen. In der Boulangerie Jeannot direkt neben der Oper – und somit auch direkt am Wasser – die vielleicht besten Croissants der Stadt aus dem Papier auswickeln, im Beachclub einen Salat Niçoise ordern oder auf dem Weg ins Hotel ein Oliveneis von Fenocchio kosten. Es wird einem unter Garantie an nichts fehlen. Nichts ist weit voneinander entfernt, das eh viel zu teure Taxi braucht kein Mensch, nicht einmal, wenn man sich etwa die neu eröffnete „Halle de la Découverte“ („Halle der Entdeckung“) am Gare du Sud ansehen will. Die Tramlinie 1 bringt einen in das Libération Quartier, in dem es jetzt mehr um Kultur als ums Essen geht.

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Lunch im Beachclub Ruhl Plage: ja, bitte!

©ruhl plage

Raus aus der Stadt!

So verlockend die Stadt auch ist: Machen Sie Ausflüge! Wo sonst kann man innerhalb eines Tages in drei Ländern sein? Frankreich, Monaco und Italien – das geht nicht nur, das macht richtig Sinn. Und auch wenn einem Cannes oder Monte-Carlo vielleicht zu abgehoben erscheinen: einmal die Yachten am Port Hercule gesehen zu haben, das hat schon was. Und zum Ausgleich geht es ins bereits erwähnte mittelalterliche Dorf Éze, der Blick vom exotischen Garten ist bezaubernd. Oder nach Menton, die Stadt, die für ihr Zitronenfest bekannt ist und ihre pastellfarbenen Häuser.

The colorful skyline including the Basilica Saint-Michael above Plage des Sablettes beach and promenade in the colorful seaside town of Menton, French Riviera.

Menton, die Stadt, die für ihr Zitronenfest bekannt ist

©Getty Images/Kirk Fisher/istockphoto

Ein paar Kilometer weiter und man steht in Italien. Zwei Länder, das Mittelmeer und die Alpenausläufer, der Glamour und der Alltag – die Côte d'Azur ist ein Gesamtkunstwerk, man kann Van Gogh, Chagall und Klein verstehen, ihre Liebe für den süßen Süden. Oder wie Henri Matisse über Nizza gesagt haben soll: "Als ich verstand, dass ich jeden Morgen dieses Licht wieder sehen würde, konnte ich mein Glück kaum glauben." Und so ein langes Wochenende, das ist dann wohl das kleine Glück. Am besten immer wieder.

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