Martinique: Wo Schildkröten, Rum und Entschleunigung warten
Martinique bremst selbst die hektischsten Besucher aus. Die französische Insel verführt mit Traumstränden, Schildkröten, Rum und karibischer Gelassenheit.
Infos
Beste Reisezeit: Dezember bis Mai. Air France fliegt 2 x täglich ab Paris (1 x Orly, 1x Charles de Gaulle), Flugdauer ca. 7 bis 8 Stunden.
Infos zur Reise nach Martinique: martinique.org
Manchmal braucht es für Festlandeuropäer eine Rüge. „Madame, Sie sind im Urlaub“, ruft die Kassiererin am Eingang des Botanischen Gartens von Balata einer französischen Pensionistin hinterher. Die würde das Areal am liebsten im Laufschritt erobern.
Martinique ist kein Ort für Eile. Es sei denn, man gehört zu den waghalsigen Motorradfahrern, die ihr Bike mitten auf der Straße zum Wheelie auf nur einem Reifen aufziehen. Die eigentliche Kraft dieser Insel liegt in der Ruhe. Das wird auch die Dame lernen müssen. Termine können Wochen auf sich warten lassen – und kommen mitunter gar nicht zustande.
Martinique ist Karibik wie im Bilderbuch
Dafür ist die Karibik genauso, wie man sie sich vorstellt: glitzerndes, türkisfarbenes Meer, grüne Kokospalmen, leuchtende Blüten und ein allgegenwärtiges Gefühl von Entspannung.
Und das alles in Europa – als französisches Überseedépartement, auch wenn manche Bewohner mit der Politik in Paris hadern. Bezahlt wird mit dem Euro, im Supermarkt gibt es Champagner zu Aktionspreisen. Und das Surfen am Smartphone kostet nicht mehr als auf dem Kontinent – was der Entschleunigung nur bedingt zuträglich ist.
Martinique gehört zu den Kleinen Antillen. Viele Segler steuern die Insel an, die wie ihre „Große Schwester“ Guadeloupe ein Teil Frankreichs ist. Hier der Anse Mitan in Les Trois-Îlets.
©Getty Images/iStockphoto/Fikander82/istockphotoDas Postkartenmotiv schlechthin ist die Bucht von Anse d’Arlet: eine Kirche, davor ein Steg, der ins Meer hinausführt. Doch das eigentlich Interessante beginnt unter der Wasseroberfläche. Karibische Seefächer wiegen sich im Takt, Korallen, die an Blumen erinnern. Fischschwärme ziehen über das Riff.
Bucht der Schildkröten
Alles ist schön – und doch fehlt etwas. Wo sind die Meeresschildkröten? Schließlich ist die Bucht vor allem für sie berühmt.
Schnorchler durchkämmen das Wasser, den Blick suchend in die Tiefe gerichtet. Nicht alle werden fündig. Wer früh kommt, hat bessere Chancen, bevor der Trubel beginnt. Und wer nach rechts, in Richtung der Felsen, schwimmt. Dann endlich: Eine riesige Meeresschildkröte ruht unweit der Korallenriffe im glasklaren Wasser.
Bei den Riffen in Anse d'Arlet schwimmen oder liegen Schildkröten.
©Salzer/VoglhuberViele Schnorchler gleiten an ihr vorbei, so reglos liegt sie auf dem sandigen Grund. Wenige Meter weiter frisst eine Artgenossin Seegras. Irgendwann muss sie Luft holen, steigt langsam zur Oberfläche auf. Für einen Moment scheint die Zeit stillzustehen. Entspannung. Kurz ist alles perfekt.
Auf zu den intakten Korallenriffen
Ist es aber nicht. Auch die Riffe rund um Martinique sterben, wie fast überall auf der Welt. Das Meer ist zu warm geworden, Hurrikans ziehen häufiger über die Insel, Strände werden weggespült. Stéphane vom Ein-Mann-Unternehmen „Aquanautes“ bringt seine Gäste mit dem Boot zu jenen Orten, an denen es noch intakte Korallen gibt.
Auf der Fahrt zur Pointe Borgnèse erklärt er, warum sie so wichtig sind: „Sie erhalten die Artenvielfalt, bieten jungen Tieren Schutz und wirken wie eine Barriere für die Insel.“ Genug der Worte, es geht ins Wasser. Dort warten mächtige Hirnkorallen, Langusten, Barrakudas, Trompetenfische, bunte Falter- und Kugelfische, die sich bei Gefahr aufblasen. Wer Glück hat, dem gleitet ein Adlerrochen vor die Taucherbrille.
Wieder an Bord schimpft Stéphane über Touristen, die für Selfies mit Schildkröten ins Wasser drängen und die Tiere beim Auftauchen am Atmen hindern. „Eines Tages wird etwas passieren“, sagt er. Schildkröten könnten schließlich harte Korallen durchbeißen – gemeint ist: Ein Finger ist schnell verloren. Zum Abschluss schenkt er, wie so oft hier, Rum aus, in Form eines fruchtigen Planteurs.
Kleiner Tod mit Rum
Rum ist ein nicht zu unterschätzender Treibstoff der Insel. Schon mittags mixt man sich einen Ti Punch: ein Wasserglas voll Rum, dazu Limettensaft und Rohrzucker. Bei tropischen Temperaturen eine gewisse Herausforderung. Nicht umsonst heißt es auf den Antillen: „Jeder bereitet sich seinen Tod selbst zu.“
Sich einen Ti Punch aus Rum, Rohrzucker und Limettensaft zurbereiten, das gehört auf Martinique dazu
©mauritius images / imageBROKER/imageBROKER/mauritius imagesUnd doch schwören selbst Ärzte darauf. „Mein Arzt hat mir geraten, jeden Tag Rum zu trinken, bis meine Knochen wieder heil sind“, erzählt die Vermieterin Julia nach einer Verletzung – und nimmt einen kräftigen Schluck Shrubb, eines karibischen Orangenlikörs auf Rumbasis.
Destillerien gibt es auf Martinique fast wie Sand am Meer. Schon von Weitem sieht man den Rauch aus den Kaminen aufsteigen, es riecht nach karamellisiertem Zucker. Zwei Rhumerien legen die Einheimischen Besuchern besonders ans Herz: Depaz nahe des ehemaligen Hauptorts Saint-Pierre, mit Château und freiem Blick aufs Meer und Zuckerrohrfelder. Oder Habitation Clément mit weitläufigem Garten, Plantage und angeschlossenem Kulturzentrum.
Rum von den Destillerien wie der Marke Clement ist ein Treibstoff der Insel.
©mauritius images / SagaPhoto / Patrick Forget/SagaPhoto / Patrick Forget /mauritius imagesEin weiteres Grundnahrungsmittel auf Martinique ist Fisch, meist fangfrisch. In Sainte-Luce laufen morgens die Fischerboote ein. An diesem Tag haben sie zwei große Thunfische an Bord. Restaurantbesitzer und Einheimische mit Einkaufstaschen stehen am Steg, um sich die besten Stücke zu sichern. Mit der Machete zerlegt der Fischer den Fang routiniert vor Ort.
Frischer Fisch, Stockfischkrapfen, ungewürzte Beilagen
In den Lokalen gibt es fast immer dieselben Beilagen zum Fisch – immerhin zur Auswahl: Reis, Pommes frites, Linsen, rohes Gemüse, Bohnen. Gewürzt wird sparsam, manchmal gar nicht. Die Köche sind, auch wenn sie französische Staatsbürger sind, offenbar nur selten verliebt. Zur Abwechslung geht ein Colombo, ein mildes Curry, immer. Auch Accras de Morue, die allgegenwärtigen Stockfischkrapfen, können – je nach Adresse – überzeugen.
Die frittierten Stockfischkrapfen Accras de Morue gehören dazu.
©Voglhuber DanielGewöhnungsbedürftig bleibt die gekochte (!) Blutwurst Boudin Créole. Danach hilft nur ein Flan de Coco aus Kondensmilch oder reife Mini-Bananen, süß mit leichter Säure. „Ich habe hier das Paradies“, sagt Gastgeberin Julia und legt gleich eine ganze Staude vor die Haustür. Ideal zum Mitnehmen an den Strand. Denn Entspannung muss sein.
Paradiesische Tropenstrände
Im Süden erhebt sich der Rocher du Diamant, ein Felsen, um den sich Taucher tummeln. Les Salines gilt als Tropenstrand de luxe: sichelförmig, heller Sand, Palmen, so weit das Auge reicht, dazu ruhiges, flaches, kristallklares Wasser. Ganz anders Anse Noire mit schwarzem Vulkansand, wo Pelikane nur Zentimeter neben badenden Touristen ins Wasser stürzen, auf der Jagd nach Fischen.
Der Strand Les Salines zählt zu den bekanntesten und schönsten Martiniques. Er ist groß und sichelförmig. Der Sand ist hell, das Wasser seicht und ruhig. Kein Wunder, dass er voll ist. Am besten kommt man früh für das Gefühl.
©mauritius images / Alamy Stock Photos / Goncalo Diniz/Alamy Stock Photos/Goncalo Diniz/mauritius imagesWer diese Strände erleben will, sollte früh kommen. Die bekanntesten Buchten füllen sich schnell, Parkplätze sind rar – oder erfordern fahrerisches Können. Der Weg zur Anse Noire ist steil und eng, hier rauchen die Kupplungen, hinterm Steuer sitzt man trotz Klimaanlage im eigenen Dunst.
Postkartenmotiv mit Schildkröten: die Bucht von Les Anses d'Arlet.
©Getty Images/SimonSkafar/istockphotoUnd das Auto ist hier notwendig, der Bus kommt selten. Für kleinere, ruhigere Strände gilt wie so oft: Einheimische fragen. „Mein Lieblingsstrand ist Plage de l’Anse Désert“, sagt Julia. „Der Sand ist schön, und es sind nicht zu viele Menschen.“ Nicht zu unterschätzen ist auch das Lokal „La Kabananou“ mit seiner frischen, überschaubaren Karte.
Lebendige Hauptstadt Fort-de France
Genug entspannt, mahnt Julia: „Martinique ist nicht nur Strand.“ Es lohnt ein Abstecher in die Hauptstadt Fort-de-France. Schön ist sie nicht unbedingt, aber lebhaft – mit einer atmosphärischen Markthalle. Die wichtigste Sehenswürdigkeit ist die Bibliothèque Schœlcher. Der Politiker Victor Schœlcher ließ sie einst von Paris auf die Insel bringen. Sein Vermächtnis reicht jedoch weit darüber hinaus: Er kämpfte für die Abschaffung der Sklaverei, die 1848 endgültig gesetzlich verankert wurde.
Der Markt von Fort-de-France ist bunt und lebhaft.
©APA/AFP/CHARLY TRIBALLEAUNapoleon hatte die Sklaverei 1802 wieder eingeführt. Ob seine Frau Joséphine daran eine Mitschuld trug, ist umstritten. Fest steht jedoch, dass auf der Zuckerrohrplantage ihrer Eltern im Süden der Insel, bei Les Trois-Îlets, mehr als hundert Sklaven arbeiteten.
Vor über dreißig Jahren wurde der Joséphine-Statue in Fort-de-France der Kopf abgeschlagen, 2020 zerstörten Anti-Rassismus-Aktivisten den Rest. Wo sich einst die Plantage befand, steht heute ein Museum.
Sacré-Cœur wie in Paris
Ein eigentümlicher Ort befindet sich nahe Fort-de-France, die Sacré-Cœur de Balata. Es handelt sich um die Miniaturausgabe der Pariser Kirche auf dem Montmartre. Rundherum erstreckt sich ein Parkplatz. Eine Drive-in-Kirche sozusagen.
Ein bisserl Sightseeing bei der Kirche Sacré-Cœur de Balata.
©Getty Images/iStockphoto/Aurore Kervoern/iStockphotoRichtung Norden schraubt sich die Straße durch dichten Urwald, vorbei an riesigen Farnen, überdimensionalen Palmblättern. Hier erhebt sich der rund 1.400 Meter hohe Vulkan Montagne Pelée, noch immer aktiv.
Vulkan zerstörte Stadt
Sein Ausbruch zu Beginn des 20. Jahrhunderts legte die damalige Stadt Saint-Pierre, einst als „Klein-Paris“ und „Perle der Karibik“ gerühmt, in Schutt und Asche. Nicht nur die Landschaft mit ihren schwarzen Stränden und dem oft nebelverhangenen Vulkan wirkt hier weniger lieblich als im touristischen Süden, auch die Stadt selbst erscheint rauer.
Zu den Naturattraktionen zählen die Cascades de Didier, spektakuläre Wasserfälle, lange ein Magnet für Wanderer. Seit dem vergangenen Jahr sind sie jedoch geschlossen, nachdem es dort mehrfach zu Unfällen kam. Eine gute Alternative sind die Gorges de la Falaise, die man mit einem Guide zu leistbarem Preis durchwandert, Wasserfall inklusive.
Insel der Blumen
Überall gedeihen die schönsten Pflanzen. Nicht umsonst wird Martinique Insel der Blumen genannt. Im Garten Balata explodiert die Blütenpracht: Helikonien, Hibiskus, Palmen. Kolibris schwirren durch die Luft – Ferien für die Sinne, auch für gestresste Europäerinnen und Europäer.
Tipps für Martinique
Sehenswürdigkeiten
- Habitation Clément , Le François: Rumdestillerie mit weitläufigem Areal. Ausstellung über Rum und seine Geschichte.
- La Savane des Esclaves, Les Trois-Îlets: Freilichtmuseum zur Geschichte der Sklaverei und des kreolischen Lebens auf Martinique.
- Gorges de la Falaise, L'Ajoupa-Bouillon: Mit Guide durch Felsenschluchten im Flusslauf bis zu einem Wasserfall waten.
- Le Musée de la Banane, Sainte-Marie; Alles rund um die krumme Frucht – 65 Sorten wachsen hier.
Strände
- Pointe Borgnèse, Le Marin: Versteckter Strand mit kleinem Parkplatz. Von dort schnorchelt man zu intakten Korallenriffen nach links.
- Anse Michel, Sainte-Anne: Türkises Wasser im Osten der Insel. Ein Riff schützt vorm anbrandenden Atlantik.
- Le Diamant: Langer Tropenstrand wie im Bilderbuch mit Blick auf den Diamantfelsen.
- Plage de l’Anse Désert, Sainte-Luce: Geheimtipp!
- Les Anses-d'Arlet: Klassiker. Für Schildkrötenbeobachtungen sehr früh kommen.
Restaurants
- Le Cocotier, Sainte-Anne: Kleines Lokal am Strand von Anse Michel. Kleine Karte, großer Geschmack. Einfaches Konzept, Reservierung empfohlen.
- La Kabananou, Sainte-Luce: Hervorragende Küche, Accras de Morue zählen zu den besten der Insel. Ansturm bis 14 Uhr, später kommen oder reservieren.
- Planète Diamant, Le Diamant: Frischeste Ware, regionale Produkte.
- Chez Carole, Fort-de-France: Marktlokal in der Hauptstadt mit gut gelaunter Besitzerin. Am besten das Menü bestellen. Achtung: Der Planteur zum Start ist stark.
- D’lice Bokit, Les Trois-Îlets: Hier gibt es die beliebten und frittierten Bokit-Sandwiches.
- La Bulle Gourmande, Le Vauclin: Falls der Gusto nach was anderem als traditionell steht.
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