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Mitten im Fluss: Sommeruraub in Ljubljana

Ljubljana ist weder mediterran noch wirklich alpin. Dafür dreht sich hier im Sommer alles um die Ljubljanica – jenen Fluss, auf dem sogar Volleyball gespielt wird. Von einer nach wie vor unterschätzten Hauptstadt, die heuer zur kreativsten Destination Europas gekürt wurde.

Eigentlich müsste Ljubljana hektischer sein. Hauptstadt. Universitätsstadt. Politisches Zentrum Sloweniens. Stattdessen füllen sich mittags die Terrassen am Fluss. Studenten arbeiten am Laptop, Geschäftsleute trinken Espresso, Touristen warten auf einen Platz im Gastgarten der von Gault&Millau ausgezeichneten Konditorei Lolita. Die Ljubljanica zieht gemächlich vorbei.

Auf den Brücken bleiben Leute stehen, ohne ersichtlichen Grund. Ljubljana ist eine Hauptstadt, die sich kaum wie eine benimmt, eine der wenigen, die man an einem Wochenende locker zu Fuß verstehen kann. Größentechnisch mit Graz vergleichbar und von dort auch nur um die zwei Autostunden entfernt, ist die „Stadt der Brücken“ für viele Österreicher nach wie vor unbekanntes Terrain. Und das obwohl insbesondere Social Media gerade eine „Europas am meisten unterschätzte Hauptstadt“-Meldung nach der anderen generiert.

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©Volleyball on Water

Darauf meist zu sehen: der Fluss Ljubljanica, der im Juli wie ein Magnet das Leben Zentimeter für Zentimeter näher zu sich zieht. Man kann Ljubljana kaum als mediterran bezeichnen, aber man scheint ganz genau zu wissen, welche Teile des dortigen Lebensgefühls man importiert, so wie den 17-Uhr-Aperitivo. Sloweniens Nummer eins lebt mit dem Fluss, er ist schmal genug, um ein intimes Bild zu vermitteln und groß genug, um das Stadtbild zu bestimmen.

Mit dem Chefkoch gustieren 

Für Architekt Jože Plečnik – er hat in Wien studiert – war das Potenzial offensichtlich. Von ihm stammt unter anderem der direkt am Wasser gelegene Zentralmarkt, ein meisterhaftes Ensemble aus offenen und geschlossenen Strukturen. Hier für einen Oktopus-Salat stoppen und Seite an Seite mit dem ein oder anderen Chefkoch der Stadt gustieren, das ist in dieser Form recht einzigartig. Ein Muss an Sommer-Freitagen: die „Offene Küche“ – Odprta kuhna –, Sloweniens bekanntester Street-Food-Markt. An guten Tagen sind es rund drei Dutzend Stände: von handgemachten Štruklji, Sloweniens berühmten Teigrollen, über frische Austern bis zu Potica, dem traditionellen Nusskuchen des Landes.

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©Klemen Mramor

Besucher ziehen mit einem Glas in der Hand von Stand zu Stand, probieren sich durch – und starten zwischen den Plečnik-Arkaden ins Wochenende. Ein ganz besonderes steht am 10. und 11. Juli an – wenn die ganze Stadt einem Sport ins Netz geht.

Alles im Fluss 

Ein Volleyballfeld – ein paar Zentimeter unter Wasser. Sobald die Dämmerung einsetzt, zeichnen LED-Linien die Spielfeldgrenzen mitten auf der Ljubljanica nach. Was folgt, ist eines der ungewöhnlichsten Bilder der Stadt: Spieler schmettern über ein scheinbar schwebendes Feld, während sich die Lichter im Fluss spiegeln. Am Ufer: die feiernden Zuschauer. „Volleyball on Water“ ist mehr ein großes Stadtfest als ein Sport-Stelldichein, auch wenn es den Athleten einiges abverlangt, knöcheltief im Wasser zu spielen. Und: Das Event punktet international! Das Reiseportal „European Best Destinations“ reiht „Volleyball on Water“ in eine Liga mit der „Monaco Yacht Show“, „Watches and Wonders“ in Genf oder dem „Grand Prix von Monaco“ ein.

Der kurze Sprung ins Wasser, den manche Spieler zelebrieren, ist übrigens unbedenklich – auch wenn man noch daran arbeitet, dass das Schwimmen im Fluss selbstverständlich wird. Die Initiative „Swimmable Ljubljana“ hat hierfür 2030 anvisiert. Momentan sieht man noch eher Boote und Stand-up-Paddler als Schwimmer, davon allerdings reichlich.

Aus Alt mach besser Slowenien ist ein politisch gesehen junges Land und Ljubljana denkt auch jung. Die Stadt mag wirken wie eine Mischung aus Wien und Triest, wie „Wiener Secession trifft italienischen Barock“, aber was unter den roten Dächern und hinter den Mauern enger Gassen wie der Križevniška ulica passiert, hat eher was von London – oder vielleicht Kopenhagen.

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©Andrej Peunik/MGML

Die Gasse an sich ist schon fotogen, mit ihrer üppigen Begrünung, aber was sie wirklich speziell macht, ist die Kunst im öffentlichen Raum – von herabbaumelnden Installationen, über mit Zitaten übersäte Parkbänke bis hin zu kleinen Kunstmärkten in Hinterhöfen. Und: Ljubljana hat genau dieses Anderssein schon vor längerer Zeit als Chance verstanden. Gleich zwei Fabriken wurden umgemodelt – zu einer Ausstellungshalle (Cukrarna) und einem Zentrum für kreatives Schaffen (Center Rog).

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©Slovenia Info

Dass Ljubljana heuer bei einem Tourismus-Award als kreativste Destination Europas ausgezeichnet wurde, überrascht nach einem Spaziergang durch diese Häuser kaum. Und zum Drüberstreuen: das Künstlerviertel Metelkova, so etwas wie die anarchische, kleine Schwester der beiden anderen – eher Christiania in Kopenhagen als MuseumsQuartier in Wien. Viel Graffiti, wenig Hochglanz. Und genau das macht Ljubljana generell so sympathisch: Die Stadt wirkt an vielen Stellen kreativ, ohne ständig darauf aufmerksam machen zu müssen. Sie ist urban und gleichzeitig gelassen.

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©Slovenia Info

Beim Eingang zum Restaurant „Jaz“ von Sterneköchin Ana Roš spielt man auf einem Xylophon, um auf sich aufmerksam zu machen – und in der Patisserie Fetiche wird aus dem Symboltier der Stadt kurzerhand eine Drachenrolle, im Stil der gehypten „New York-Roll“. In der Trubarjeva cesta arbeitet man sich durch Vintage-Läden und charmante Weinbars und in der Miklošičeva cesta bemerkt man die mitteleuropäische Seite der Stadt – mit dem Grand Hotel Union und dem Vurnik-Haus könnte man fast von einem Jugendstil-Meilchen sprechen. Wer verstehen möchte, warum sich Ljubljana insbesondere für Ost-Österreicher fast seltsam vertraut anfühlt, kommt am besten hierher.

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©Slovenia Info

Am besten von oben

Die Straße erzählt von jener Zeit, als Wien und Ljubljana – gefühlt ewig besser bekannt als Laibach – Teil derselben Welt waren. Die Habsburger sind zwar längst Geschichte, das mitteleuropäische Selbstverständnis vieler Ljubljaner jedoch nicht. Die Frage nach der Balkan-Zugehörigkeit ist dagegen fast immer ein Garant für spitze Kommentare. Nicht um die Burg? Oh doch! Es gibt Städte, die versteht man am besten von oben. Es gibt in Ljubljana natürlich Dachterrassen, etwa auf dem Nebotičnik, bei seiner Fertigstellung 1933 eines der höchsten Gebäude Europas.

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©Slovenia Info

Viel charakteristischer ist in Ljubljana aber der Blick von der Dreifachbrücke oder aber von der Burg, nur 15 Minuten von hier zu Fuß – oder 1 Minute mit der Standseilbahn. Sicher, Burgen gibt es in Europa wie Espressobars in Italien. Aber gerade im Sommer lohnt sich der Abstecher. Vielleicht weniger wegen der Geschichte, die hinter der Stadt liegt als jener, die sie jetzt und hier schreibt. An manchen Abenden steht eine lange Tafel mitten im Weinberg unterhalb der Burgmauern, an anderen kann man picknicken. Oder man kommt zum Dinner im Strelec, einer der besten Adressen der Stadt, zu finden im Schützenturm.

Noch eine Alternative: das Open-Air-Kino – viel romantischer geht’s kaum. Und wenn auf der Leinwand die ersten Bilder – mit englischen Untertiteln – erscheinen, verschwindet Ljubljana langsam im Fast-Dunkel. Von hier oben erkennt man noch einmal die Ljubljanica, die Brücken und die Plätze, auf denen man ein paar Stunden zuvor noch unterwegs war. Und wieder sein wird.

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