Sterne und Ringe: Wie sich Cortina für Olympia in Schale wirft
Siebzig Jahre nach der Premiere ist Cortina d’Ampezzo im Februar 2026 zum zweiten Mal Gastgeber der Olympischen Winterspiele. Der traditionsreiche Ort mit der besten aller Dolomiten-Kulissen macht sich für das Spektakel noch hübscher: mit neuen Hotels und spannenden Restaurants.
Wer im Winter 2024/25 mit der 10er-Gondelbahn Colfiere von Cortina zum Col Drusciè nach oben schwebte, blickte auf eine riesige Baustelle, die unten vorbeizog. Gebuddelt wurde hier für den Last-Minute-Neubau der Bobbahn, der von rechten Lega-Politikern gegen jegliche Vernunft und gegen den Willen des IOC durchgeboxt wurde. Fünfhundert Lärchen mussten weichen, die Kosten explodierten in Richtung hundert Millionen Euro oder sogar mehr. Die Alternative wäre gewesen, die Bob-Rennen im benachbarten Ausland auszutragen, aber das ließ der Nationalstolz der Italiener nicht zu.
Egal: Am Ende wird das vergessen sein, wenn sich im Februar 2026 alle Augen auf den mondänen Ferienort richten, der vor siebzig Jahren schon einmal Austragungsort des größten Wintersport-Events der Welt war. Im Rampenlicht stehen wird dann zum Beispiel Graziano Prest, der Gastgeber des mit einem Michelin-Stern dekorierten Lokals Tivoli, das sich in einem unscheinbaren Haus an der Straße zum Falzarego-Pass befindet.
Graziano Prest ist der Gastgeber des mit einem Michelin-Stern dekorierten Lokals Tivoli.
©Cosimo maffioneGraziano war als Küchenchef des italienischen Olympia-Teams bereits bei den Spielen in Tokio dabei. Wer sich mit ihm nach dem Genuss seines opulenten Menüs auf einen Grappa zusammensetzt, bekommt Fotos zu sehen, die ihn mit allerlei mit Medaillen behängten Siegern zeigen. Sein Ideal: Eine Italienerin gewinnt im Februar die Abfahrt und bedankt sich hinterher vor laufenden Kameras bei ihm, weil ohne seine Tortelli und Gnocchi dieser Erfolg nicht möglich gewesen wäre. Im kommenden Winter werden dann noch mehr amerikanische Gäste kommen, die auf ihrer Skisafari durch die Dolomiten bei ihm Station machen. Sie werden sein Reh-Carpaccio loben, das „Passeggiata del Bosco“ (Waldspaziergang) heißt und es per soziale Medien in alle Welt verschicken. Da versteht es sich von selbst, dass Graziano nichts gegen Olympia einzuwenden hat – Bob-Bahn hin oder her.
Der Capo und der Amarone
So ähnlich sieht das auch Luca Ursella, der „Capo“ in der Masi Wine Bar am Col Drusciè. Während der Spiele werden die VIPs bei ihm ein und aus gehen. Schließlich ist Masi das Amarone-Weingut schlechthin. Es hat den noblen, aus getrockneten Trauben gekelterten Rotwein aus dem Veneto in der ganzen Welt berühmt gemacht. In der Bar am Berg kann man selbst seltene (und sündhaft teure) Amarone-Preziosen glasweise verkosten. Und auch in den Gerichten findet der edle Rote seinen Niederschlag, so etwa im Risotto mit Amarone Costasera und Monte-Veronese-Käse.
Auch dann, wenn nicht gerade Olympische Spiele stattfinden, tut man gut daran, in der Masi Wine Bar für mittags frühzeitig einen Tisch zu reservieren. Schließlich gehört Cortina zum Veneto, also zum richtigen Italien, auch wenn Südtirol und das Trentino geografisch nur einen Steinwurf entfernt sind. Und das heißt eben: Nach maximal zwei Stunden Skifahren drängen die italienischen „Wintersportler“ in die noblen Hütten: einige für die erste Kaffeepause, andere für einen frühen Lunch. Kommt man dabei mit ihnen ins Gespräch, kann es schon mal zu Missverständnissen kommen.
Gefürchtetes Kanonenrohr
Die berühmteste Piste rund um Cortina? – Österreichische Gäste würden vielleicht die wie ein Kanonenrohr zwischen die Felsen eingeschnittene Pomedes an den Tofane nennen; die verwegen in den Berg gefräste Forcella Rossa; oder die tiefschwarze Abfahrt im Faloria-Gebiet.
Italiener würden hingegen darauf insistieren, dass die wichtigste Piste der Corso Italia im Zentrum von Cortina ist. Hier geht es nicht um das Sammeln von Pistenkilometern, sondern um „vedere e farsi vedere“ – sehen und gesehen werden. Wer sich auf diesen Catwalk begibt, lernt schnell: Man kann auch im Neuschnee chic sein. Cortina ohne Nerz, Zobel und große Designerbrille geht gar nicht. Das ist wie Cappuccino bestellen am späten Nachmittag.
Leider hatte sich Cortina auf diesem Glamour-Image etwas zu lange ausgeruht und darüber vergessen, in neue, moderne Hotels und die Infrastruktur am Berg zu investieren. Aber der 6.000-Einwohner-Ort mit seinen bis zu 50.000 Gästebetten liegt eben auch nicht im reichen Südtirol, sondern im klammeren Veneto.
Aufbruch vor Olympia
Nachdem die Ampezzani jedoch den Zuschlag für die alpine Ski-WM 2021 erhalten hatten, herrschte Aufbruchsstimmung. Das „Go“ für Olympia 2026 sorgte zusätzlich für frischen Wind. Zwischen die Herbergen mit viel Patina mischen sich nun modern designte Hotels, die mit einem Wellness-Angebot aufwarten, das dem in Alto Adige in nichts nachsteht. Dazu zählen etwa das Faloria Mountain Spa Resort und das Fünf-Sterne-Boutique-Hotel Rosapetra. Beide überzeugen mit großzügigen Saunen, Dampfbädern und Pools sowie einer großen Auswahl an Spa-Anwendungen. Aber Vorsicht: Im Veneto geht man nicht nackig in die Sauna, sondern „con costume“.
Im Rosapetra kann man übrigens auch ausgezeichnet speisen. Der aus Bologna stammende Chefkoch Davide De Mario ist einer der besten in ganz Cortina, sein siebengängiges Tasting-Menü ein bunter und abwechslungsreicher Streifzug durch die verschiedenen Regionalküchen Italiens mit einem fein geschnittenen Reh-Carpaccio mit getrockneten Steinpilzen und deren Sud als absolutem Highlight.
Noch etwas experimenteller kocht Riccardo Gaspari in dem mit einem Michelin-Stern dekorierten Restaurant San Brite, das sich in einem alten Bauernhaus befindet, das stilvoll restauriert wurde. Statt auf Trüffel und Kaviar setzt Riccardo auf regionale Bio-Zutaten und eine innovative Küche, die an die „New Nordic Cuisine“ erinnert und für die er zusätzlich einen grünen Stern für Nachhaltigkeit verliehen bekam.
Riccardo Gaspari setzt im Restaurant „San Brite“ auf Bio-Zutaten und eine innovative Küche.
©STEFANIA GIORGIEs tut sich also einiges in Cortina. Und ja, es wurde auch Zeit. Zu lange hatte sich Cortina auf seinen Olympia-Lorbeeren von 1956 ausgeruht. Seitdem hier James Bond „In tödlicher Mission“ in einem Lotus Esprit Turbo vorgefahren war, schien nicht mehr viel passiert zu sein: ein Ort im Rückwärtsgang. Das Miramonti, in dem Roger Moore als englischer Geheimagent damals abstieg, ist heute ein trauriger Kasten, dito das Hotel de la Poste, der in die Jahre gekommene Klassiker im Ortszentrum, von dem es in Marketingbroschüren heißt, es beherberge nach wie vor die meiste Prominenz. Zum Glück investieren die heimischen Familien inzwischen wieder.
Regolieri wachen über Tal
Seither klappt der Spagat zwischen Tradition und Moderne, zwischen einfachem Bergleben und Luxus in Cortina wieder ganz gut. Dafür sorgen schon die alteingesessenen Familien („Regolieri“) und die Vorsteher der „Sestieri“, der sechs Gemeindebezirke des Tales. Sie wachen darüber, dass unerwünschte Investoren außen vor bleiben, pflegen aber auch die alten Bräuche. Wer zum Beispiel mittags im Rifugio Col Druscié im Tofana-Gebiet einkehrt, sollte unbedingt die „Frittelle di Mele“ (Apfelküchlein) probieren, das offizielle Dessert des Gemeindebezirks Cadin.
Wer nur dem Jet-Set hinterherblickt, übersieht schnell, dass die Wirte der heutigen Nobel-Skihütten oft aus Bergführer-Familien stammen und dass die wilde Natur hier nicht nur Kulisse ist, sondern die Hauptrolle spielt. Cortina ist eben auch Heimat der Scoiattoli, der „Eichhörnchen“, einer elitären Alpinisten-Gilde, die sich zahlloser Erstbesteigungen in den Dolomiten rühmt. Die Bergführer, die im Winter oft als Freeride-Guides arbeiten und mutige Gäste zum Beispiel durch das steile Couloir Bus di Tofana lotsen, kehren besonders gern im Rifugio Averau im Cinque-Torri-Gebiet ein, wo es die besten Wildgerichte gibt.
Man geht in Cortina eher shoppen als zum Après-Ski, auf eine heiße Schokolade in die Pasticceria Lovat oder zum Winter-Polo.
©www.bandion.itRavioli mit Roten Rüben
Genussvoller Wintersport hat in Cortina eben eine lange Tradition. Italiener verstehen sich bestens darauf, einen langen Skitag durch ausgiebige Einkehrschwünge in angenehme Einheiten zu zerlegen. Spätestens um 13 Uhr haben alle ihre Liegestühle gefunden und am Sonnenstand ausgerichtet.
Kenner bestellen dann zum Beispiel die lokale Spezialität Casunziei: Ravioli mit Rote-Rüben-Füllung, Mohn und Butter. Man sollte sich dafür aber besser nicht den mit einer Seilbahn erschlossenen Tofana-Mittelgipfel aussuchen. Der Rundblick hier oben auf 3.244 Metern Höhe ist zwar phänomenal, aber der Wind selbst im Frühjahr noch beißend kalt.
Besser geeignet für eine Siesta sind die Hütten eine Etage tiefer. Man darf hier nicht erwarten, die di Montezemolo und Barilla, die Marzotti und De Benedetti zu sehen – die Wirtschaftsprominenz verlässt nur selten ihre luxuriösen Chalets. Aber hübsche Mamas, die ihre in Designer-Klamotten gepackten Bambini wie Trophäen in den Winterhimmel halten, gibt es auf jeden Fall zu bestaunen. Der den italienischen Stammgästen in die DNA geimpfte mediterrane Drang zur permanenten Selbstinszenierung nimmt manchmal eben lustige Formen an.
Info
Anreise
Mit der Bahn von Wien in gut 8 Std., mehrere Umstiege.
Hütten
– Masi Wine Bar Cortina: Für Amarone-Fans ein Traum.
– Ristorante Col Druscié 1778: Wildspezialitäten und selbst gemachte Pasta.
– Capanna Ra Valles: Die Polenta wird hier langsam im Kupferkessel über dem Holzfeuer gegart – wie früher.
– Bar Cima Tofana auf 3.244 Metern: Höher kann man in Cortina nicht genießen.
– Rifugio Scoiattoli: beste Hütte im Gebiet Cinque Torri.
Restaurants
– San Brite: Das beste Lokal des Tales setzt auf eine moderne, nachhaltige Küche.
– Tivoli: Sterneküche, mitunter etwas antiquiert.
– Fvsion Cortina Restaurant: serviert italo-asiatischen Mix.
Schlafen und Wohlfühlen
Es gibt Unterkünfte für jeden Geschmack und Geldbeutel.
– Modernes, nicht zu großes Fünf-Sterne-Haus: Rosapetra SPA Resort, mit Wellness-Bereich und sehr guter Küche.
– Faloria Mountain Spa Resort: gut designtes Boutique-Hotel.
Auskunft
cortina.dolomiti.org/de
Cortina, die „Königin der Dolomiten“, ist gleichermaßen mondän wie familiär. Die echten Ampezzaner – die „Zugereisten“ dürfen sich nur „Cortinese“ nennen – kennen hier Gott und die Welt und natürlich jeden Pistenkilometer. Sie wissen, dass in Südtirol gleich hinter dem Falzarego-Pass einiges besser, deutscher funktioniert. Dass einige Lifte hier dringend ein Upgrade bräuchten. Dass der öffentliche Verkehr zwischen den Skigebieten mehr schlecht als recht funktioniert, weil Italiener eben partout nicht auf ihre „macchina“ verzichten wollen.
Aber bitteschön: Man könne eben nicht alles haben, deutsche Gründlichkeit und italienisches Dolce Vita. Die Einheimischen finden, dass Cortina das Beste aus beiden Welten ziemlich gut vereint – immerhin war das Ampezzaner-Tal für Deutschsprachige bis 1918 Inland. Jetzt wollen sie alle gemeinsam dazu beitragen, ihre Heimat für die Winterspiele 2026 noch attraktiver zu machen.
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