Langstreckenwanderin Thürmer: "Ich wandere ohne Unterhose"
Christine Thürmer hat ihren hoch bezahlten Manager-Job gekündigt und ist die meistgewanderte Frau der Welt: Wovor läuft sie weg?
Einen Termin für dieses Interview zu finden war gar nicht so einfach. Sie sei auf Wanderung und wisse nicht, wo sie am anvisierten Tag sein werde, Wüste, Gebirge, Meer, alles sei möglich – und dann noch telefonisch erreichbar? Doch wir haben „Glück“: Unwetterwarnung in der Toskana – Christine Thürmer hat Handyempfang und weilt ausnahmsweise im Hotel.
Die Deutsche ist die meistgewanderte Frau der Welt. 70.000 Kilometer in 40 Ländern auf vier Kontinenten, 50 Paar durchlaufene Schuhe, eine halbe Tonne verdrückte Schokolade stehen zu Buche. Darüber erzählt Thürmer in ausverkauften Bühnenshows. Und sie hat fünf Bestseller darüber geschrieben, zuletzt ihre Erlebnisse in Japan, Südkorea und Taiwan im Buch „Hiking Asia“ veröffentlicht. Zur Langstreckenwandererin wurde Thürmer, nachdem sie als Managerin gekündigt wurde.
Frau Thürmer, Sie sind unablässig auf Wanderschaft durch die Welt. Wovor rennen Sie weg?
Es gibt zwei Kategorien: Leute mit einer „von weg“ oder einer „hin zu“-Motivation. Die Erstgenannten überwiegen: Kaputte Ehe, im Job gekündigt, die wollen einer unbefriedigenden Situation entkommen. Siehe Hape Kerkeling mit seinem blöden Buch. Denen geht es weniger ums Wandern, und diese negative Motivation hält nicht lange. Ich gehöre zur zweiten Kategorie: Ich wollte etwas Neues ausprobieren und habe mich bewusst fürs Wandern entschieden. Klar, ich war mal erfolgreiche Managerin und bin aus meinem Job geflogen. Aber das war das Beste, was mir passieren konnte.
Vor Ihrem Leben als Langstreckenwandererin waren Sie gut bezahlte Managerin. Warum haben Sie dieses Leben aufgegeben?
Mein Spezialgebiet war Unternehmenssanierung. Das hat Spaß gemacht: Die Firmen, die ich saniert habe, existieren heute noch. Ich musste aber auch Familienväter kündigen oder mit Banken streiten. Ich wurde geliebt und gehasst. Um Kosten zu sparen war ich knallhart; meine erste Handlung war stets, den teuren Firmen-BMW loszuwerden, stattdessen bin ich VW Golf gefahren. Das hat mich bei Vorgesetzten nicht beliebt gemacht. Gekündigt wurde ich zweimal, das ist wie mit der Mafia: Zu einem Zeitpunkt, an dem kein anderer hilft, ist man willkommen. Ist der Betrieb gerettet, will man aber nichts mehr mit den Leuten zu tun haben. Nach der ersten Kündigung habe ich die erste Langstreckenwanderung gemacht, dann aber zwei weitere Jahre gearbeitet. Nach der zweiten war alles anders.
Thürmer in Japan. „Aus meinem Job zu fliegen war das Beste, was mir passieren konnte“
©TAYASU HITOSHINach der zweiten Kündigung war Ihnen klar, es ist Zeit für weniger Office, mehr Abenteuer?
Ich hatte zuerst nicht vor, den Rest meines Lebens zu wandern. Meine Befürchtung, das Wandern könnte mir langweilig werden, ist aber nicht eingetreten. Mittlerweile sind aus geplanten zwei Wanderjahren zwanzig geworden. Mir ist nämlich eines bewusst geworden: Für die Firmen, die mir anvertraut wurden, brütete ich monatelang über einem Businessplan für die Zukunft. Für mein eigenes Leben hingegen habe ich dieseMühe vermieden. Die Leute denken immer, Geld wäre die wichtigste Ressource, aber das ist Blödsinn. Es ist Zeit.
Wie ist Ihnen das bewusst geworden?
Zur Job-Krise kam der frühe Tod eines guten Freundes. Da wurde mir klar: Lebenszeit lässt sich nicht vervielfältigen. Karriere konnte ich – ich hätte meinen Job noch 20 Jahre machen können, die Firmen wären größer geworden, ich hätte noch mehr Geld verdient. Aber persönlich hätte mir das wenig gebracht. Also habe ich einen Businessplan für mein Leben erstellt.
Von allen Ihren Wanderungen, von den USA bis Japan – wo ist die Landschaft am schönsten, was ist Ihr Favorit?
Der Arbeitstitel für mein erstes Buch war: Schöne Landschaft ist mir scheißegal. Das ist provokant, natürlich möchte ich nicht einer Autobahn entlanglaufen. Aber es entspricht der Wahrheit. Wandern macht glücklich, aber dieses Glück entspringt selten der schönen Landschaft.
Ihr aktuelles Buch behandelt Ihre Wanderungen durch Asien. Was waren da die größten Herausforderungen?
Wenn ich diese Länder nicht mehr bereise, dann liegt das am Essen. Beim Wandern lebe ich normalerweise von Schokolade: vier Tafeln täglich. In Südkorea gibt es stattdessen oft getrocknete Mini-Fische, Tintenfischstreifen oder ständig Kimchi – ich habe eine Kimchi-Überdosis. Zweieinhalb Monate lang dieses fermentierte Gemüse und Fischsuppen, sogar zum Frühstück, das war nicht meins. Dafür liebe ich Österreich: Nussbeugerln und Topfenkolatschen liebe ich.
Für Frauen bin ich ein Vorbild. Ich bin eine von euch, mit meinen Plattfüßen. Wenn ich das kann, könnt ihr das auch.
In Japan wurde es dann richtig gefährlich.
In Japan musste ich zum ersten Mal einen Trail abbrechen. Das lag an drei Faktoren. Erstens, das ungewohnte Essen – Packerlgerichte statt Schokolade. Zweitens, die extreme Luftfeuchtigkeit. 35 Grad Celsius im Schatten, das macht mir sonst nichts aus, ich kenne das aus Halbwüsten in New Mexico oder dem australischen Outback. Aber das war brutal für Kreislauf und Haut. Und drittens: das steile Gelände. Japan ist im Grunde die Spitze eines Untersee-Gebirges. Dazu kommen stark bewaldete Berge und drei Taifune pro Jahr. Heftige Regenfälle spülen ganze Hänge weg. Ich habe einen Baum gesehen, der vom Sturm entwurzelt wurde.
Was darf bei so gefährlichen Abenteuern mit – was packen Sie auf Ihren weiteren Wanderungen alles in Ihren Rucksack?
Meine gesamte Ausrüstung, inklusive Rucksack, wiegt gerade mal fünf Kilo. Alles ist genau abgewogen: Der Rucksack wiegt 494 Gramm. Das Zelt 930 Gramm. Die Isomatte 430 Gramm. Das sind die wichtigsten Utensilien, dazu kommen ein kleiner Campingkocher, eine Gaskartusche, ein Topf, ein GPS-Gerät zum Navigieren.
Spartanisch und ein Alptraum für all jene, die schon für die Stadtreise übers Wochenende heillos zu viel packen.
Der Grundfehler, den viele beim Wandern machen, ist das Rucksackgewicht. Das ist der ausschlaggebender Faktor für den Erfolg beim Langstreckenwandern. Der Luxus beim Wandern ist nicht das, was du dabei hast, sondern das, was du nicht tragen musst. Für mich gibt es beim Packen nur eine einzige entscheidende Frage.
Und die wäre?
Gibt es ohne dieses Ding ein lebensbedrohliches Problem? Lautet die Antwort „nein“, bleibt das Ding zuhause. Ich nehme das tatsächlich ernst. Ich wandere ohne Unterhose.
Wie sieht es mit anderer Kleidung aus?
Ich habe zwei Sätze an Kleidung: zum Wandern, die stinkt dann auch entsprechend. Und trockene Schlafkleidung für nachts. Sonst kommt noch Kleinkram dazu: Wasser, Stirnlampe, Pflaster, Kopfschmerztabletten. Und eine Zahnbürste mit abgesägtem Stiel, damit ich an Gewicht spare.
Thürmer in Taiwan. Den Stiel ihrer Zahnbürste hat sie abgesägt, das spart Rucksack-Gewicht
©jimmy beunardeauNachts allein im Zelt, irgendwo in der Pampa, bekommen Sie es da manchmal nicht mit der Angst zu tun?
Ich habe keine Angst, dass mir etwas passiert. In jeder Großstadt hast du als Frau ein hundertmal höheres Risiko, einem Gewaltverbrechen zum Opfer zu fallen, als draußen im Wald.
Was ist mit Tieren, was wenn mal ein Wolf an Ihrem Zelteingang schnüffelt?
Menschen stehen nicht auf dem Speiseplan von Wölfen. Ein Wolf greift kein Zelt an, weil er nicht weiß, wer da drinliegt. Am gefährlichsten wären Bären, doch die sind in der Regel menschenscheu. Wer öfters am Zelt rumschnüffelt, sind Wildschweine. Doch die sind harmlos, die fressen keine Menschen, außerdem sind sie kurzsichtig, die sehen mich nicht. Die echte Gefahr lauert am Campingplatz. Die Tiere haben gelernt, dass es dort immer Futter gibt – Füchse, Mäuse, Ratten nagen sich dafür auch durchs Zelt.
In der Schule waren Sie einst unsportlich. Hätten Sie sich je gedacht, dass Sie einmal Langstreckenwanderin werden?
Im Sport habe ich früher versagt, ich war eher die kleine Streberin. Viele sind erstaunt, wie ich aussehe, ich habe Plattfüße, X-Beine, ein paar Kilo Übergewicht und bin eher der Typ gemütliche Hausfrau. Viele Frauen sehen auf Social Media junge Influencerinnen beim Wandern, Typ lange, blonde Haare und straffe Bikini-Figur, das entmutigt. Ich bin näher dran am echten Leben. Für Frauen über 50 bin ich ein Rollenvorbild, weil ich sage: Ich bin eine von euch, mit meinen Plattfüßen. Wenn ich das kann, dann könnt ihr das auch.
Es ist ein Klischee, aber man sagt immer, wer reist, findet am Weg zu sich selbst. Wie ist es Ihnen ergangen?
Seit Hape Kerkeling glaubt wirklich jeder Depp, wenn man ein Problem hat, reicht es, sich in die Natur zu begeben, einen Baum zu umarmen und es fällt automatisch das Glück vom Himmel. So wird es von Pilger-Büchern und -Orten propagiert. Aber das ist Schwachsinn. Das Glück kommt durch Blut, Schweiß und Tränen – die Strapazen, denen ich beim Wandern ausgesetzt bin, und dass ich merke: Ich schaffe das trotzdem. Es geht um das Senken der Glücksschwelle, die unabhängig vom Ziel ist. Durch die Reduktion auf das Nötigste wird einem bewusst: Ich brauche keinen Porsche und keine Penthouse-Wohnung. Ich bin fünf Monate am Stück unterwegs, und das ohne Unterhose. Aber am Ende bin ich glücklich.
Kommentare