Nackt wider Willen: Emilia Clarke in "Game of Thrones"

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Leben
11/27/2019

Ist jetzt Schluss mit luftig? Sex-Szenen in der Ära #MeToo

Nackt vor der Kamera: Wie neue Richtlinien Nackt-Szenen in Filmen und Serien verändern könnten.

von Julia Pfligl, Christina Michlits

Etwas Gutes hatten die sexuellen Entgleisungen Harvey Weinsteins für die Filmwelt: Seit den Enthüllungen vor zwei Jahren herrscht in der Branche höchste Sensibilitätsstufe. Im Zuge der #MeToo-Bewegung wurden Baustellen vor und hinter der Kamera diskutiert, sei es die ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen, der Mangel an weiblichen Autorinnen oder, aktuell, ein besonders heikles Feld: die Sex-Szene.

Es war Emilia Clarke, Star aus „Game of Thrones“, die jüngst in einem Podcast-Interview Besorgniserregendes erzählte: Sie sei am Set zu Nackt- und Sexszenen gedrängt worden, hätte sich höchst unwohl gefühlt und um jeden Zentimeter Bettlaken gefeilscht. Weil sie frisch von der Schauspielschule kam und ihren Job nicht gefährden wollte, tat sie, was ihr gesagt wurde. Die deutliche Darstellung von Sex, so die Regisseure, sei schließlich ein Erfolgsfaktor der Fantasy-Saga.

Gefährliche Grauzone

Clarke ist nicht die einzige Schauspielerin, die das Bloßziehen vor der Kamera später bereute und sich unter Druck gesetzt fühlte (siehe unten).

Eine Dilemma: Sex – nicht bloß angedeutete Erotik – scheint in immer mehr populären Filmen und Serien unverzichtbar zu sein, sei es der Netflix-Hit „Sex Education“, die Serie „Fleabag“ oder eben „Game of Thrones“. Der Grat zwischen mutiger Darstellung und emotionaler Verletzung ist schmal, gerade für junge Schauspieler wie Clarke, die am Beginn ihrer Karriere stehen. Großbritannien möchte diesen Graubereich nun auflösen und erließ als erstes Land einen Richtlinienkatalog für das Drehen von Sex- und Nacktszenen: So sollen Autoren beim Schreiben zwei Mal überlegen, ob die Szene wirklich nötig ist, Schauspieler schon beim Casting über geplante Sex-Szenen informiert werden und niemals nackt vorsprechen müssen. Vor und nach Nacktszenen müssen Bademäntel gereicht werden, die Zahl der Personen am Set soll auf ein Minimum reduziert werden.

Neue Prüderie?

„Aus psychologischer Sicht sind diese neuen Regeln absolut zu begrüßen“, sagt Daniela Renn, Klinische Psychologin und Sexualtherapeutin. Die Gefahr einer neuen Zugeknöpftheit sieht sie nicht: „Das hat überhaupt nichts mit Prüderie zu tun, im Gegenteil. Es geht nicht nur um den Schutz der Schauspieler, sondern auch um den der Zuseher. Grenzen zu setzen ist sehr gesund und sollte eigentlich selbstverständlich sein.“ Eben diese hätten sich in den vergangenen Jahren stark verschoben, Serien wie „Sex and the City“, die früher am späten Abend gezeigt wurden, laufen heute auch schon mal am Vormittag, Sex wird sehr eindeutig und in den aufregendsten Positionen dargestellt. „Für eine Sex-Szene muss man aber nicht unbedingt intimste Details oder die Geschlechtsteile zeigen“, sagt die Psychologin. „Es geht in erster Linie darum, ein prickelndes Gefühl zu vermitteln. Für Erotik braucht es nicht unbedingt Penis oder Vagina im Bild, im Gegenteil: Weniger ist mehr.“

Geht es nach dem britischen Guardian, sollen überhaupt nur noch etablierte Schauspielerinnen ab fünfzig nackt auf dem Schirm zu sehen sein – erstens, weil diese schon genau wüssten, was sie (nicht) wollen, zweitens, weil man so endlich ein realistischeres Körperbild transportieren würde. Eine Idee, der auch die Sexualpsychologin etwas abgewinnen kann. „Man bekommt ja den Eindruck, dass so eine Sexualität ganz normal sein würde. Das ist sie aber nicht.“

Die neuen Aufpasser am Filmset

Der Name ist sperrig: „Intimacy Coordinator“, „Intimitätskoordinatoren“ könnten auf den Filmsets dieser Welt bald eine Schlüsselrolle einnehmen. Sie sorgen dafür, dass vor, während und nach Sex-Szenen alles mit rechten Dingen zugeht: erarbeiten mit den Akteuren „Choreografien“, legen  fest,  welche Körperteile man sehen darf und definieren Tabus.  Durch die #MeToo-Bewegung gehen immer mehr Produzenten auf Nummer sicher und engagieren einen Intimacy Coordinator:  Der US-Programmanbieter HBO macht keine Sex-Szenen mehr ohne  Experten, die Macher von „Sex Education“ arbeiteten von Anfang an mit Ita O’Brien zusammen, einer ehemaligen Tänzerin, die heute federführend auf dem Gebiet der „Intimitätskoordination“ ist. In Deutschland hat sich Julia Effertz einen Namen gemacht.  „Jeder weiß, wie Sex funktioniert“, sagte sie in einem Interview. „Aber es ist auch eine Grauzone, in der Machtmissbrauch und emotionale Verletzung entstehen können.“

Diese Schauspielerinnen bereute Sex-Szenen

Es war eine Österreicherin, die die erste Nacktszene  der Filmgeschichte lieferte. Hedy Lamarr zeigte sich  im Schwarz-Weiß-Film „Ekstase“ (1933) als erste Frau nackt vor der Kamera. Die damals skandalösen Aufnahmen öffneten Lamarr die Tür zu Hollywood. Karrieretechnisch hat der gebürtigen Wienerin die Nacktszene also nicht geschadet. So wie auch vielen anderen Frauen im Filmgeschäft – dennoch bereuen unzählige Schauspielerinnen ihre freizügigen Sequenzen heute.

Noch deutlicher als  Emilia Clarke, die in „Game of Thrones“ (2011–2019) nicht nur ein Mal die Hüllen fallen lassen musste (siehe oben),  wurden andere Hollywoodstars. Natalie Portman etwa missfällt ihre Entblößung im Kurzfilm Hotel Chevalier“ (2007): „Ich hätte auf mein Bauchgefühl hören sollen. Du machst etwas, weil es Stück einer dramatischen Geschichte ist, und dann landet ein Ausschnitt auf einer Pornoseite. Das macht mich echt wütend.“

Wirklich übergangen wurde  Sharon Stone, die mit ihrer legendären Szene in „Basic Instinct“ (1992)  und dem Blick unter ihren Rock ohne Slip für Schlagzeilen sorgte. Stone dazu: „Der Regisseur meinte, ‚Wir sehen das Weiß deiner Unterwäsche, du musst sie ausziehen.‘“ Paul Verhoeven versicherte ihr allerdings, dass ihre Intimzone nicht gezeigt wird. Beim ersten Filmscreening sei sie unter Schock gestanden. „Ich bin in den Vorführsaal und habe ihm  eine geknallt.“ Mary-Louise Parker war in der Serie „Weeds“ (2005–2012) nackt in einer Badewanne zu sehen, was sie bitter bereut: „Ich war der Meinung, dass ich für diese Sequenz nicht nackt sein muss und habe mit dem Regisseur gestritten.“ Sie wurde schließlich so sehr dazu gedrängt, dass sie nachgab. „Ich wusste, dass es im Internet unter ‚Mary-Louise zeigt ihre großen Nippel’ kursieren würde. Ich wünschte, ich hätte es nicht getan.“

Neben Kate Winslet  in „Titanic“ (1997)  – „Ich war zu jung und unsicher“ – und Nicole Kidman in „Big Little Lies“ (2017) – „Ich fühlte mich gedemütigt und war wütend“ – bereuen auch einige Männer wie Taylor Lautner („Twilight“, 2008) ihre freizügigen Auftritte.

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