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Reif für Wimbledon: Das Geheimnis hinter den Kult-Erdbeeren

Morgen starten die Championships. Dabei werden wieder 2,5 Mio. Erdbeeren verspeist. Wie die Britin Marion Regan diesen Anbau meistert.
TENNIS-GBR-WIMBLEDON-STRAWBERRIES-REGAN

Für zwei Wochen im Jahr wird Marion Regan zur Frühaufsteherin. Dann – und so auch wieder ab dem morgigen Montag – betritt die Britin um vier Uhr Früh den ersten Folientunnel. Vor ihr, erhöht auf Tischen, damit die Pflanzen leichter bearbeitet werden können, ziehen sich Reihe um Reihe dunkelgrüner Blätter, kleiner weißer Blüten und tiefroter Beeren.

Denn Marion Regan ist Chefin der Hugh Lowe Farms im südenglischen Kent und damit für den Anbau jener rund zweieinhalb Millionen Erdbeeren verantwortlich, die während der Championships in Wimbledon verspeist werden.

Selbst wer das älteste Tennisturnier der Welt noch nie besucht hat, dürfte wissen, dass die Tennismeisterschaften von besonderen Charakteristika geprägt sind: auf acht Millimeter perfekt getrimmtes Weidelgras am Centre Court, strahlend weiße Outfits für Spielerinnen und Spieler und, natürlich, saftige Erdbeeren mit flüssigem Schlagobers. Schon bei der ersten Auflage des Turniers 1877 wurden sie den Gästen – damals waren es jedoch noch nicht 500.000 sondern lediglich 200 – als Zwischenmahlzeit serviert.

Heinrich machte es vor

Die Tradition dürfte auf Heinrich VIII zurückgehen. 1509 soll sein Berater Thomas Wolsey Erdbeeren mit Schlagobers erstmals als Dessert serviert haben. Zum Lieblingssnack der Aristokratie wurden sie dann aber erst im 19. Jahrhundert. In einer Zeit vor Kühlschränken waren die schnell verderblichen Erdbeeren ein Zeichen elitären Wohlstands. Und weil sie in der Zeit der Wimbledon-Meisterschaften reif sind, waren sie als Snack für das noble Event prädestiniert.

Wimbledon Erdbeeren

Nach Tennis verbindet man Wimbledon mit Erdbeeren.

Marion Regan hat für die Erdbeerliebe noch eine andere Erklärung: „Ich glaube, britische Erdbeeren sind untrennbar mit Sommererinnerungen verbunden.“ Mit warmen Tagen, Familienausflügen, Dorffesten und Sportevents wie Wimbledon. „Außerdem sind Erdbeeren saisonal, sie sind also eher besonders als gewöhnlich.“ Marion Regan pflückt eine reife Frucht von der Staude.

Von außen ist ihre Erdbeerfarm kaum zu erkennen. Wer vom noblen, südostenglischen Städtchen Tunbridge Wells der Seven Mile Lane in den Norden folgt, kann nach einer halben Stunde hinter der Hecke rechter Hand bloß die Spitzen der unscheinbaren, weißen Folientunnels ausmachen. 

Wimbledon Erdbeeren

Die Hugh Lowe Farms bauen alle Erdbeeren für Wimbledon an.

Kaum jemand würde vermuten, dass jeden Frühling hier Hunderte Pflänzchen der begehrten Sorte „Malling Centenary“ angepflanzt werden, und deren Früchte im Juni von Prinzessin Catherine, David Beckham oder Sienna Miller gegessen werden.

Eine Frage der Zeit

Der größte Mythos, mit dem sich Marion Regan als Erdbeerbäuerin konfrontiert sieht? „Dass man die Pflanzen einfach nur einpflanzen und auf Sonnenschein warten muss“, sagt sie. In Wirklichkeit sei der Erdbeeranbau eine ganzjährige Aufgabe, erfordere ständige Planung, und sorgfältige Pflanzenpflege. „Die Natur hält sich nie genau an ein Drehbuch, daher müssen wir ständig auf Wetter, Pflanzengesundheit und Reifegrad reagieren. Am essenziellsten ist das richtige Timing.

Wimbledon Erdbeeren

Die Erdbeeren werden auch in Outfits gewürdigt.

„Wir planen schon lange vor Juni, wählen die Sorten sorgfältig aus und bewirtschaften die Pflanzen so, dass wir während der Saison Früchte in den richtigen Reifestadien ernten können.“ Dazu kommt eine ständige Wetterbeobachtung. „Temperatur und Lichteinfall haben einen großen Einfluss darauf, wie schnell sich Erdbeeren entwickeln.“ Ein kalter Frühling, gefolgt von einer Hitzewelle im Mai – wie es heuer der Fall war – erschwert die Vorhersage der Ernte.

In den Wochen vor Wimbledon werde alles noch einmal fokussierter: „Wir beobachten die Ernte genau. Prüfen, welche Felder zum richtigen Zeitpunkt ihren Höhepunkt erreichen und planen Ernte, Verpackung und Transport.“

Morgenpflückrunde

Und dann beginnen die Vier-Uhr-Früh-Tage. Die Erntehelfer ziehen zu den Stauden, pflücken von jeder Pflanze nur die rotesten Beeren. Diese werden anschließend gekühlt, gewogen und kontrolliert, bevor sie noch am Vormittag nach Südlondon geliefert werden.

Wimbledon Erdbeeren

Die Erdbeeren werden in der früh gepflückt und am Nachmittag verspeist.

Eine offizielle „Wimbledon-Qualitätsstufe“ gebe es zwar nicht, aber doch ein paar Kriterien: „Die Erdbeeren müssen vollreif, gleichmäßig gefärbt, schön geformt und fest genug sein, um den Transport gut zu überstehen. Aber vor allem müssen sie köstlich schmecken.“

Hat sich der Erdbeergeschmack im Laufe der Zeit eigentlich geändert? „Die Menschen interessieren sich jedenfalls mehr denn je für den Geschmack“, sagt Marion. Auf der Farm wählen sie deshalb Sorten aus, die neben Aussehen und Zuverlässigkeit auch viel Geschmack bieten: neben der Wimbledon-Sorte Malling Centenary sind das Driscoll’s Katrinas, die mehrmals im Jahr Früchte tragen oder Driscoll’s Jubilees, die besonders süß sind.

Und ist nach Wimbledon endlich einmal Zeit, die Füße ein wenig hochzulagern? Marion schüttelt den Kopf. „Wenn Wimbledon vorbei ist, sind wir noch immer mitten in der Saison: Wir ernten also weiterhin, kümmern uns um die Pflanzen und versenden frische Früchte.“

Aber zumindest beginnt die Schicht dann nicht mehr um vier Uhr früh.

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