Mehrere zusammengefaltete Crêpes mit Puderzucker bestreut und mit frischen Heidelbeeren garniert auf einem Teller.

Physiker errechnen die Palatschinken-Formel

Dessert und Forschungsgegenstand: Wissenschaftler haben herausgefunden, wie oft man Crêpes und Palatschinken falten kann – und worauf das ankommt.

Wer schon einmal versucht hat, eine Crêpe, Tortilla oder Palatschinke ordentlich zusammenzufalten, kennt das Problem: Erst wirkt alles ganz einfach, dann beginnt das Ding plötzlich, sein Eigenleben zu entwickeln. Ein umgeschlagener Teil klappt zurück, die Faltung springt wieder auf. 

Diesem kulinarischen Problem hat sich nun der Physiker Tom Marzin, Forscher an der „Cornell University“ gewidmet – mit einem bemerkenswert ernsten Ergebnis.

Wenn Schwerkraft gegen Elastizität kämpft

Marzin, der aus Frankreich stammt, machte aus der Crêpe-Frage ein Forschungsprojekt. Im Zentrum steht ein Wettstreit zwischen Schwerkraft und Elastizität: Die eine zieht die gefaltete Teigscheibe nach unten, die andere will, dass sie sich wieder entrollt. 

Entscheidend sei dabei eine einzige physikalische Größe, die sogenannte Elasto-Gravitations-Länge. Sie bündelt Dichte, Steifigkeit und Schwerkraft in einer Zahl – und diese Zahl sagt offenbar erstaunlich viel darüber aus, wie sich biegsame Scheiben wie eben eine „Palatschinke“ verhalten.

Das klingt nach Physikseminar, ist aber im Kern eine Küchenfrage: Wann bleibt etwas gefaltet, und wann springt es zurück? Laut der Arbeit beschreibt diese Länge nicht nur, wie stark ein überhängender Teigteil durchhängt, sondern auch, wann eine weiche Faltung stabil bleibt, wann sie kippt – und wie viele Faltungen überhaupt drin sind. 

Mama half im Hintergrund

Geprüft wurde das nicht nur am Computer, sondern auch ganz praktisch: mit Kunststoffscheiben, gekauften Tortillas und natürlich Crêpes. Die selbstgemachten Exemplare erwiesen sich allerdings als wissenschaftlich zu chaotisch. Also sprang laut Wissenschaftsmagazin New Scientist seine Mutter in Frankreich ein. 

„Ich habe die Dicke nicht gut genug kontrolliert“, sagt er. „Also bat ich meine Mutter, die Experimente in Frankreich für mich durchzuführen. Ich sagte ihr, sie solle sich Messschieber, Lineale und eine ganze Menge Crêpes einer Handelsmarke besorgen. Die wurden wahrscheinlich maschinell hergestellt, das garantiert eine gleichmäßige Dicke. Und sie hat das wirklich sehr korrekt gemacht.“  Man könnte also sagen: Hinter jedem guten Physiker steht manchmal eine liebende Mutter.

Das Ergebnis der Formel

Das Ergebnis ist erstaunlich konkret. Eine Crêpe mit 26 Zentimetern Durchmesser und 0,9 Millimetern Dicke lässt sich demnach viermal falten. Eine 1,5 Millimeter dicke Tortilla gleicher Größe schafft dagegen nur zwei Faltungen. Der Grund: Sie ist steifer, ihre Elasto-Gravitations-Länge ist größer, und damit wächst auch der Widerstand gegen das lästige Zusammenklappen. 

Mit anderen Worten: Nicht das Kochtalent ist das Problem. Nicht das Palatschinken-Geschick. Auch nicht die Ungeduld. Sondern: Alles nur Physik!

Das Schöne an der Studie ist, dass sie eine vollkommen alltägliche Sache mit erstaunlicher Präzision ernst nimmt. Dünne, flexible Materialien falten sich nämlich nicht nur in der Küche, sondern auch in Technik und Industrie. 

Die Autoren schreiben, dass ihre Ergebnisse grundsätzlich helfen könnten, reversible Faltungen, kompaktes Verstauen und das kontrollierte Entfalten dünner Strukturen besser zu verstehen. Die Crêpe ist also nicht nur ein schmackhaftes Beispiel für Dessert-Wissenschaft, sondern ein Modellfall für weiche Materie. 

Vorgestellt wurden die Resultate bei einem Treffen der American Physical Society in Denver; als ausführliche Fassung liegt die Arbeit bereits als arXiv-Preprint vom Februar 2026 vor. Die Studie ist spannend, amüsant und plausibel, aber noch nicht als regulär peer-reviewte Journalarbeit abgeschlossen. 

Bleibt die wichtigste Erkenntnis für den Alltag: Wer beim Dessert oder Frühstück an der dritten oder vierten Faltung scheitert, muss nicht traurig sein, sondern darf der Mechanik die Schuld in die Schuhe schieben. Oder, schlichter: Manchmal ist die Crêpe einfach stärker. 

Gabriele Kuhn

Über Gabriele Kuhn

Seit 1995 an Bord des KURIER - erst 14 aufregende Jahre lang als Ressorleiter-Stv. im Freizeit-Magazin, dann als Leiterin des Ressorts Lebensart. Seit 2017 Autorin. Kolumnistin. Interessens- und Know-How-Schwerpunkte: Medizin, Lifestyle, Gesundheit. Und Erotik. Die ironische Kolumne "Sex in der Freizeit" gibt es seit 2002. Damit's nicht fad wird, schreibe ich seit Anfang 2012 die Paar-Kolumne "Paaradox" gemeinsam mit Ehemann und Journalist Michael Hufnagl. 2014 wurde Paaradox zum Lesekabarett - mit Auftritten im Rabenhof und auf vielen Bühnen Ostösterreichs.

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