Der Wiener Ringturm, eingewickelt in die Hoffnung auf Frieden
„Sarmale kommen bei uns bei jedem Festessen auf den Tisch“, sagt Pavel Brăila. „In Moldau machen wir sie mit Fleisch, meine Mutter hatte auch ein Rezept mit Pilzen.“
Wie man die traditionellen, gefüllten Weinblätter – je nach Rezeptur können es auch Krautblätter sein – zubereitet, ist bis September am Wiener Ringturm weithin sichtbar vorgezeichnet: Brăila wurde ausgewählt, die Unternehmenszentrale des Wiener Städtische Versicherungsvereins künstlerisch zu gestalten.
Seit 2006 wird die Fassade im Sommer ummantelt. Und 2006 entstand auch das ursprüngliche Rezept-Bild, das der zweifache „documenta“-Teilnehmer ursprünglich als Poster produziert hatte.
Geschmack
„Ich lebte damals bereits in Berlin – und wie so oft vermisste ich mein Zuhause“, erzählt Brăila beim KURIER-Gespräch mit Blick auf die Installation, deren Größe ihn selbst sichtlich beeindruckt. „Zu den Dingen, die einem in so einer Situation am meisten fehlen, gehört das Essen, das man gewöhnt ist. Wenn man es haben will, muss man es eben selbst zubereiten.“
Der Spruch „Your Happiness Is In Your Own Hands“, („Dein Glück liegt in deinen eigenen Händen“), der dem Werk den Titel gibt und am unteren Rand der Fassade zu lesen ist, bezieht sich freilich auf mehr als die Umsetzung von Kochrezepten. „Es ist eine Botschaft, die sehr optimistisch ist und hoffentlich von Einheimischen genauso verstanden wird wie von Ausländern“, sagt der Künstler.
Netzwerke
Schon in der ursprünglichen Arbeit war die Hoffnung seines Heimatlands auf einen EU-Beitritt mitgedacht, fügt Brăila hinzu. Dass das Werk am Ringturm landete, liegt an wirtschaftlichen Verbindungen der Vienna Insurance Group – sie übernahm jüngst die Gesellschaft Moldasig und hält in Moldau einen Marktanteil von rund 25 Prozent.
Brăila, der heuer auch den ersten Beitrag der Republik Moldau bei der Biennale in Venedig gestaltete, hat seinerseits starke Verbindungen nach Wien: 2001 war er Stipendiat der Stiftung KulturKontakt, seine erste Solo-Schau fand in Wien statt. „Das gab mir einen ziemlichen Schub“, erzählt er.
2002 wurde er zur „documenta“ nach Kassel eingeladen, das mumok kaufte 2003 den dort gezeigten Film „Shoes for Europe“, bei dem es um die Spurweiten-Umstellung bei Zügen an der Grenze von Moldau zu Rumänien ging. Die Sammlung der Erste Stiftung förderte Brăila ebenfalls.
Dieses dichte Netzwerk an Kulturkontakten ist allerdings ebenso in den Sog von globalen Konflikten geraten.
Brüche
Für Brăila änderte sich die Welt mit dem Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 schlagartig. „Odessa liegt 200 Kilometer von Chișinău, und am ersten Kriegstag floh die halbe Stadt hierher“, erzählt der Künstler, der heute wieder mehr Zeit in der Hauptstadt Moldaus verbringt. „Der Krieg hat nicht nur das Stadtbild, sondern auch das Bewusstsein völlig verändert, wie brüchig das Leben und wie brüchig der Frieden ist.“
„Times when news is faster than bullets“ („Zeiten, in denen Nachrichten schneller sind als Kugeln“) heißt Brăilas jüngste Werkserie, die aus bemalten, durchlöcherten Zeitungen besteht. Auch in der Kunst, findet Brăila, fehle oft die Bereitschaft zu längerer Auseinandersetzung – auf Events wie der Venedig-Biennale müsse ein Werk unmittelbar „funktionieren“.
Teppiche
Für seinem Biennale-Beitrag in einer Kirche nahe des Bahnhofs montierte Brăila fünf Teppiche so, dass diese von Drohnen in Schwebe gehalten werden. Jeder Teppich steht für eine Konfliktzone – die Ukraine, Iran, den Nahen Osten, Schauplätze in Afrika.
Die Anspielung auf das Motiv des fliegenden Teppichs fiel dem Künstler 2018 ein, als der Krieg in Syrien tobte. „Es ist der Ursprungsort der Märchen aus Tausendundeiner Nacht“, erklärt er. „Der fliegende Teppich bringt einen dort oft in Sicherheit. “
Das Werk in Venedig heißt nun „In der Tausendundzweiten Nacht“. „Die Idee ist, die Menschheit an einen sicheren, besseren Ort zu bringen“, sagt Brăila. „Der Krieg wird in dieser Nacht zu Ende sein. Das ist es, wovon wir alle träumen.“
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