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Wiener Staatsoper: "Die Perlenfischer" im Shopping Center

Erstaufführung der Oper von Georges Bizet im Haus am Ring: Applaus für die Sänger, Buhs für die Regie.
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Dass man bei einer Premiere der Wiener Staatsoper zuerst an das Theater an der Wien denkt, ist, naja, zumindest ungewöhnlich. Dort hatte Lotte de Beer vor zwölf Jahren "Die Perlenfischer" von Georges Bizet in Szene gesetzt und zu einer temporeichen, frechen, humorvollen Dschungelshow gedrechselt. Das Publikum liebte die Aufführung, manche meinen, sie sei bis heute die beste Produktion der danach an die Volksoper berufenen Regisseurin geblieben.

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Nun wagt sich das Haus am Ring, zum allerersten Mal in seiner Geschichte, an dieses abstruse Werk, das vielleicht noch seltsamer ist als andere seltsame Operngeschichten. Und Regisseur Ersan Mondtag kann mit dem Libretto von Eugène Cormon und Michel Florentin Carré wenig anfangen, wie er selbst im Vorfeld betonte. Deshalb verlegt er die Geschichte der armen Kerle, die auf Ceylon todesmutig nach Perlen tauchen müssen und bei ihrem Überlebenskampf auf die Erhörung der Gebete der Priesterin Leïla hoffen, in die Textilbranche. Wir wissen schon: katastrophale Arbeitsbedingungen, ausgebeutete Arbeiter irgendwo in Asien, Billigfetzen, Wegwerfmode. Mit dieser Thematik hatte sich an der Wiener Staatsoper auch schon Kirill Serebrennikow, ebenso nicht sonderlich erfolgreich, auseinandergesetzt und dafür Verdis "Don Carlo" malträtiert.
Billigmode ist für eine Opernproduktion aber doch recht simpel und optisch nicht allzu attraktiv, deshalb muss schon etwas Luxus her. Die bösen Kapitalisten werden in ein aus weißem Marmor errichtetes Einkaufszentrum verfrachtet, mit zwei großen Rolltreppen im Zentrum (die Akteure gehen aber über Stiegen, als wäre es die Wiener U-Bahn, bei der die Technik wieder einmal nicht funktioniert).

So sieht man im ersten Teil dieser "Perlenfischer" eine gigantisch große Kleiderpuppe inmitten der Wohnburgen der Arbeiter und im zweiten ein Einkaufszentrum namens "Carmen". Was für ein glänzender Einfall bei einer Bizet-Oper, die Kaufhausmusik stammt dort auch aus jener Oper. Der "Versace"-Shop wird zu "Versasse" gemacht, erinnert an Fake-Mode. Und eine Stimme (jene des Staatsoperndirektors) sagt zu Beginn des zweiten Aktes, dass die Shopping Mall seit einer Stunde geschlossen sei und alle das Haus verlassen müssten. Dann ziehen Securitys mit Maschinenpistolen und knallbunten asiatisch anmutenden Kostümen in diese heiligen Hallen ein.
So weit, so neu.

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Leider wird aber aus der Verlegung der Rahmenhandlung um die Dreiecks-Liebesgeschichte zwischen Leïla, Nadir und Zurga nichts entwickelt. (Kurzer Einschub für die Opern-Afficionados, die das Werk nicht genau kennen, also die meisten: Die beiden Männer hatten einst Verzicht auf die Annäherung an die Dame geschworen, um ihre Freundschaft nicht zu gefährden, nun zerbricht das Bündnis, weil sich Nadir und Leïla aufeinander einlassen - ein ganz operntypischer Aspekt also.)

Shopping Center statt Ceylon, Textilfärber statt Taucher - aber auf der Bühne geht es ganz altmodisch zu. Fast hat man den Eindruck, als wollte es sich Mondtag nicht mit dem Publikum verscherzen, was ihm aber nicht gelungen ist.
Die Personenführung trägt zur Dramatik wenig bei, es wird geschritten, gestikuliert und am allermeisten gestanden in dieser zumindest optisch üppigen Arbeit. Der Chor singt gut und muss kaum spielen. Und so wird nach und nach der Regie-Eingriff zum geringsten Problem. Neue Erkenntnisse gibt es nicht, man könnte in dieser Optik (Bühne und Kostüme: ebenfalls Mondtag) genauso gut "Turandot" oder andere Opern-Asiatika aufführen.
Wenn sich dieses Werk nun so sehr einer stringenten Inszenierung verweigert, passt zumindest die Musik in ein Repertoirehaus? Bedingt. Es gibt ein wunderschönes Duett zwischen Nadir und Zurga, eine Art Welthit, eine berühmte Tenorarie und auch für den Bariton und die Koloratursopranistin ein Bravourstück. Der Raum dazwischen ist mit simpleren Elementen gefüllt, eine gewisse Farbenpracht und ein paar kraftvolle Attacken sind aber durchaus vorhanden.
Der Dirigent Daniele Rustioni, ein Hausdebütant, ist jedoch bezüglich Gestaltung, Differenzierung, Erzählstruktur recht eindimensional am Werk, selbst die Schlager zünden nicht, wie sie es könnten. Nur leichter Wellengang im nicht vorhandenen Meer vor Ceylon. Die Damen und Herren im Orchestergraben spielen schön, präzise, könnten aber wesentlich mehr gefordert werden.
Bei den Sängern besticht Ludovic Tézier als ausdrucksstarker, kraftvoller, schön intonierender und phrasierender Zurga - er ist das Zentrum dieser Produktion und erhält zurecht den mit Abstand meisten Applaus.

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Sein tenorales Gegenüber, Juan Diego Flórez, hat in seiner Karriere schon passendere Partien ausgewählt als jene des Nadir. Seine Stimme ist zu leichtgewichtig dafür, man erinnert sich, wenn er mit Spitzentönen kämpft, an seine stimmlichen Höhenflüge von einst, die darstellerische Ausstrahlung lässt ebenfalls Wünsche offen. Er ist von Anfang an kein äquilibrierter Partner für Tézier.
Kristina Mkhitaryan hingegen gestaltet die Rolle der Leïla mit elegantem Timbre, feinen Koloraturen und schöner Stilistik. Auch Ivo Stanchev als Nourabad ist gut besetzt.
"Die Perlenfischer" gingen nicht baden an der Wiener Staatsoper, nicht nur deshalb, weil es gar kein Wasser gibt (dafür Feuer auf einer Videoleinwand am Ende mit "Breaking News" vom Untergang des Konsumtempels). Aber von einer Perle des Repertoires ist diese Produktion weit entfernt. Und das Werk, das durchaus Schätze böte, bleibt verschlossen wie eine Auster.
 
 

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