Dirigent Mariotti über "Luisa Miller": "Hier singt einer, der liebt"
Eine Frau gerät zwischen die Männerfronten: In Verdis „Luisa Miller“ wird die Titelheldin von zwei Männern geliebt, und wer schon einmal eine Oper gesehen hat, weiß, dass das nicht gut ausgehen kann. Noch dazu, wenn einer davon Wurm heißt.
Der liebt Luisa, diese aber liebt Rodolfo, den inkognito auftretenden Sohn des neuen Feudalherren. Um diese Beziehung zu verhindern, erpresst Wurm Luisa, Rodolfo fällt darauf herein.
Standesdünkel, Machtspiele am Hof, Intrige und Gift sind die Zutaten zur wenig gespielten Verdi-Oper. An der Wiener Staatsoper widmet man sich nun dem Werk, das auf Schillers „Kabale und Liebe“ basiert. Am Schluss glaubt Rodolfo, dass Luisa ihm untreu war – und beide sterben den Gifttod.
„Luisa Miller“ war jene Oper, die Verdi vor den großen Drei der „volkstümlichen Trias“ – „Rigoletto“, „Il trovatore“ und „La traviata“ – zur Uraufführung brachte, 1849 in Neapel. Der gewaltige Erfolg der Nachfolgeopern war ihr nie beschieden.
Die Premiere am 7. Februar nun inszeniert der russische Regisseur Philipp Grigorian, der damit sein Staatsopern-Debüt gibt. Oper inszenierte er zuletzt am Stadttheater Gießen und an der Oper Wuppertal. Die Titelpartie singt Nadine Sierra, Freddie De Tommaso den Rodolfo, Marko Mimica den Wurm.
Am Pult seiner bereits dritten Staatsopern-Premiere – nach Rossinis „Barbiere di Siviglia“ 2021 und Bellinis „Norma“ 2025 – steht der Italiener Michele Mariotti. Er traf den KURIER zum Interview über Macht, Musik und die Modernität von „Luisa Miller“.
KURIER: Wenn man mit Opernfreunden über Verdi spricht, gibt es viele Emotionen und viele Meinungen. Aber „Luisa Miller“ würde kaum jemand als Lieblingswerk nennen.
Michele Mariotti: Ja, ist das nicht unfair? Dieses Werk ist ein Meisterwerk! Ja, Verdi war jung. Aber die Oper war ein ganz entscheidender Schritt in seinem Schaffen.
Inwiefern?
Er hat sich thematisch neu orientiert. Es geht nicht mehr um Krieg, Religion und Könige, sondern um das Persönliche. Um die Familie. Es geht hier um zwei Väter, die – auf ihre Art – das Beste für ihre Kinder wollen. Es geht um die freie Wahl, Miller sagt: die heilige freie Wahl, wen man liebt, mit wem man sein Leben verbringt. Das ist doch hochmodern! Und moderner als die „Traviata“, die er wenig später schrieb. Wir alle wissen, wie sich Germont darin verhält: Er will keine Freiheit zulassen.
Puppenhafte Ausstattung (Kostüme von Vlada Pomirkovanaya): Philipp Grigorian inszeniert Verdis Oper „Luisa Miller“ – und gibt sein Debüt an der Wiener Staatsoper.
Am Schluss stirbt Luisa Miller, ein Femizid. Auch das ist, sieht man sich Österreich an, immer noch modern.
Ja, es ist leider tragischerweise modern.
Aber ist Verdi nicht auch unfair zu seiner Hauptfigur? Sie hat nie eine Wahl, sie wird erpresst und büßt für das, was andere tun.
Nein, er ist nicht unfair zu ihr. Luisa Miller ist stark! Sie wählt ihren Weg, sie liebt. Verdi übt in dem Werk Kritik an der Gesellschaft, an der Macht. Das gilt bis ins Jetzt! Luisa ist ein Opfer von gesellschaftlichen Mechanismen, die es bis heute gibt.
Warum wird „Luisa Miller“ dann so selten gespielt?
Ich weiß es wirklich nicht. Ist es Pech? Ich habe die Oper am Teatro dell’Opera di Roma dirigiert, auch dort haben viele Musiker das Werk das erste Mal gespielt. Die letzte Aufführung war viele Jahrzehnte her.
Und?
Wir alle haben gemeinsam gesehen: Die Musik ist wunderbar. Man hört hier so viel vom späteren Verdi, und so viel Originelles. Allein der Beginn der Oper: Es ist, so viel ich weiß, das einzige Mal, dass Verdi eine Oper mit einer Pastorale beginnt, mit einem Blick aufs Land, auf die Stimmung. Und diese eine Arie Rodolfos, „Quando le sere al placido“. Hören Sie sich das an! Es ist ganz leise, hier siegt nicht die Kraft. Wenn man das hört, weiß man sofort: Hier singt einer, der liebt.
Die Premiere in Rom war 2021, nun machen Sie das Werk erneut. Ist es dadurch leichter?
Nein, es ist nie leicht. Ich fange immer bei null an. Als ich jung war, dachte ich: Alles ist leicht! Nun bin ich 46, und alles scheint immer komplexer. Man studiert und studiert, das braucht Zeit. Aber es ist auch der beste Aspekt meiner Arbeit! Ansonsten wäre es Routine. Man wird immer reicher und reicher, innerlich. Und wenn man, wie hier, noch Zeit hat zu proben, mit diesem Orchester, ist es großartig.
Vielleicht zahlt das Aufführungsschicksal von „Luisa Miller“ auf die Kritik ein, dass das Opernrepertoire einfach zu eng ist: Man hat sich auf 55, 60 Opern geeinigt und spielt fast nur diese immer wieder im Kreis.
Es ist unsere Pflicht, dem Publikum die Meisterwerke – und auch Neues zu bieten. Gerade Verdi hat sich bei jeder Oper verändert. Nehmen Sie „Attila“ – und dann „Falstaff“! Diese Entwicklung ... Wenn Sie Rossini hören, wissen Sie gleich, dass diese Noten von ihm sind. Verdi hat sich immer weiter bewegt.
Vielleicht gilt „Luisa Miller“ einfach zu sehr als Probelauf für Größeres – gleich im Anschluss komponierte Verdi „Rigoletto“, „Il trovatore“ und „La traviata“. Da kann man doch gleich die nehmen für den Publikumserfolg, oder?
Auch das Publikum verändert sich. Die Art, wie wir Dinge sehen. Auch das, was wir brauchen. Wenn Sie als junger Mensch die „Mona Lisa“ anschauen, mit 15, dann mit 30, 45 – das Bild ist dasselbe, aber man selbst ist jemand anderer. Wenn der Komponist die letzte Note komponiert hat, ist die Oper noch nicht fertig. Sie wartet darauf, durch uns zu leben, durch die Interpretation.
Genau das ist aber auch so ein Punkt: Nach den allermeisten Premieren findet das Publikum die Musik gut und die Inszenierung schlecht, das ist mittlerweile ein eigenes Opernklischee. Was darf also ein Regisseur? Nur bebildern?
Für mich ist nicht wichtig, ob die Regie modern ist oder traditionell. Wichtig ist, ob sie funktioniert oder nicht. Vor vielen Jahren habe ich an der Met den neuen „Rigoletto“ dirigiert, den „Rat-Pack-Rigoletto“, wie er damals genannt wurde. Mit Casinos, Nachtclubs, Frank Sinatra ... Ich habe dem Regisseur gesagt: Das ist deine Entscheidung. Aber wir müssen die Bedeutung der Musik respektieren. Nehmen Sie den Beginn des 3. Aktes. Die Musik ist so dunkel! Aber nicht, weil der Strom ausgefallen ist. Sondern weil wir Dunkelheit in uns tragen. Was immer man inszeniert, es muss diese Dunkelheit tragen. Man muss die Gefühle übersetzen. Denn Oper erzählt von uns, von unseren Gefühlen, von unserer Beziehung zur Welt.
Die Welt ist aber nicht wie vor 100, 150 Jahren.
Ich habe wundervolle moderne Inszenierungen gesehen – und schreckliche, die nicht funktioniert haben. Das Gleiche kann man aber über traditionelle Inszenierungen sagen! Ich brauche keine Sänger, die rumstehen und mich anschauen. Dann kann man es gleich konzertant machen. Gute Regie muss die Beziehungen, die Gefühle, die Situation beibehalten und umsetzen.
„Luisa Miller“ wird szenisch gegeben. Wie wird das?
Bei der Inszenierung von Philipp Grigorian stimmen alle diese Beziehungen, er hat keine davon verändert und nichts dazu erfunden. Die Sprache ist natürlich seine. Es ist eine ehrliche Arbeit, das ist wichtig. Es soll nicht das eigene Ego über das Publikum gestellt werden. Das will eine sehr dramatische Geschichte erleben, sehen und hören. Eine sehr moderne Story, denn „Luisa Miller“ ist eine moderne Oper. Und das bekommt das Publikum.
Die Premiere von "Luisa Miller" ist am 7. Februar. Philipp Grigorian gibt sein Staatsopern-Debüt als Regisseur, Michele Mariotti dirigiert. Kostüme: Vlada Pomirkovanaya. Besetzung: Die Titelpartie singt Nadine Sierra, Freddie De Tommaso den Rodolfo, Marko Mimica den Wurm. Roberto Tagliavini ist als Graf von Walter zu hören, George Petean als Miller.
Termine:
Weitere Aufführungen: 16., 20., 23., 26. 2. und 1. 3., Info: wiener-staatsoper.at
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