Olga Neuwirth: „Despoten hatten immer Angst vor Humor“

Eine Person mit lockigen Haaren - Olga Neuwirth - sitzt in einem eleganten Konzertsaal auf einer roten Holzbank und blickt lächelnd zurück.
Komponistin Olga Neuwirth im Interview mit dem KURIER über, „Monster’s Paradise“, ihre Opernzusammenarbeit mit Elfriede Jelinek in Hamburg.

Durch den Instagram-Account der Hamburger Staatsoper stapft seit einiger Zeit ein fast fluffiges Drachenmonster . Es hat trotz trefflich unbrauchbarer Schwimmhauthände brav Büroarbeit gemacht und es hat sogar recht patent Schnee geschaufelt. Das verdächtig liebenswerte Ungeheuer bewirbt die Musiktheater-Uraufführung „Monster’s Paradise“, die Sonntag in der norddeutschen Stadt über die Bühne gehen wird.

Die ist deswegen von besonderem Interesse, weil sie aus österreichischer Hand kommt. Und nicht von irgendwem: Das Libretto ist von Elfriede Jelinek, die Musik hat Olga Neuwirth komponiert. Es ist die erste Zusammenarbeit der beiden Künstlerinnen seit fast 25 Jahren, nach „Bählamms Fest“ und „Lost Highway“.

Ein riesiges, zotteliges Monster mit großen Augen sitzt auf dem Balkon eines weißen Regierungsgebäudes.

Plakatmotiv für "Monster's Paradise".

Ein Monster als Retter?

In „Monster’s Paradise“ muss der Niedergang der Welt gestoppt und ein despotischer König-Präsident zu Fall gebracht werden. Wer sich an US-Präsident Donald Trump erinnert fühlt, liegt nicht ganz falsch – aber die Figur ist weiter gefasst. Das Libretto haben die beiden geschrieben, noch bevor Trump in seine zweite Amtszeit gewählt worden war.

Olga Neuwirth erklärt in einem E-Mail-Interview mit dem KURIER, wer gemeint ist: „Nicht nur der Eine, dessen Namen ich nicht nennen möchte, sondern letztlich alle Despoten in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Denn die Strukturen von Macht wiederholen sich immer wieder in der Geschichte, das hat uns schon unsere Mutter gelehrt, die Geschichtslehrerin war, und uns nahebrachte, sich gegen Bequemlichkeit und Angepasstheit, pauschale Behauptungen und Gleichgültigkeit und stattdessen für Humanität, Menschenwürde und Hinterfragen von vorgefertigten Weltsichten zu entscheiden.“

Zwei Frauen -Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth - sitzen in einem runden Hängesessel und schauen in die Kamera.

"Monster's Paradise" ist die erste Opernzusammenarbeit von Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth seit über 20 Jahren.

Wie gut können Monster sein?

Die Hoffnung der Welt liegt nun ausgerechnet auf einem Monster. Ein Seemonster, das der Tyrann selbst erschaffen hat, wird mit ihm um die Macht kämpfen. Und ist sozusagen das geringere Übel in einer Politik bzw. Gesellschaft, in der man sich damit abfinden muss, dass es als Alternative zum Schrecken nur mehr ein „nicht-ganz-so-Schlimm“ gibt. Ein Gefühl, das einem nicht fremd ist, wenn man ab und zu Nachrichten konsumiert.

Auf die Frage, was ein „gutes“ Monster ausmacht, antwortet Olga Neuwirth: „In jedem Menschen steckt ein gutes und ein böses Monster. Es kommt nur darauf an – im Sinne von Hannah Arendt – ob man sich diesen Umstand bewusst macht als Mensch: ,The sad truth is that most evil is done by people who never make up their minds to be good or evil.’ (übersetzt: Die traurige Wahrheit ist, dass das meiste Schreckliche von Menschen gemacht wird, die sich gar nicht überlegt haben, ob sie Gutes oder Böses tun). Da kann ein Ungeheuer auch behilflich sein: „Das Wort Monster kommt ja vom lateinischen Wort monere: zu warnen“, ergänzt Neuwirth.

Faible für japanische Kultmonster

In der Oper trägt das Monster den drolligen Namen Gorgonzilla. Der erinnert an ein berühmtes japanisches Pendant – nur vielleicht schimmliger: Godzilla. Neuwirth hat durchaus eine Affinität zur riesigen Kultechse aus den 1950er-Jahren: „Diese Kreaturen entstanden als künstlerische Reaktion auf das unaussprechliche Leid der beiden Atombombenabwürfe auf Japan und die wahre Begebenheit des Schicksals eines japanischen Fischerboots, das 1954 in den radioaktiven Fallout der US-Atomtests auf dem Bikini-Atoll geraten war. Die durch Menschenhand entstandenen Monster sind eine überzeichnete Metapher für die Schrecken der Atombombenabwürfe und der Atomtests der Amerikaner im Pazifik.“

Großes Gebäude mit beleuchteten Fenstern, in denen eine schwarze Godzilla-Silhouette sichtbar ist.

Die "monströse" Fassade der Hamburgischen Staatsoper.

Selbstherrliche Arroganz

Es ist bei Retterfiguren – seien es Monster oder nicht, ohnehin immer Vorsicht geboten, so Neuwirth: „Oft ist es so, dass sich zunächst als heilbringende, sich als Retter gebärdende Wesen durch die Verführung von Macht und persönlicher Gratifikation schnell ins Gegenteil verwandeln. Ganz generell: nicht mehr zuhören und mit selbstherrlicher Arroganz über den anderen, bzw. im Großen, über ein ganzes Volk, eine Nation, drüberfahren um mit jedem Mittel selbstherrlich ihre Meinung durchzusetzen. Daher ist es so bedeutend: Immer wachsam zu bleiben und zu hinterfragen. In jeder Situation im Leben.“

Wer sich zuletzt öfters bei der Nachrichtenrezeption gedacht hat: „Das kann doch eigentlich nicht wahr sein. Was für ein bizarres Theater!“, der wird sich bei Jelineks und Neuwirths Musiktheater verstanden fühlen. Die Komponistin hat die Oper nämlich in die Tradition des Grand Guignol gesetzt, einer Art Kasperltheater für Erwachsene.

Überdrehtes Rätsel

Kann man der Gegenwart am besten mit grotesk-schaurigem Humor beikommen? Neuwirth: „,Monster’s Paradise’ ist eine als Komödie getarnte Tragödie. Das ,Théâtre du Grand-Guignol’, das am Ende des 19. Jahrhunderts im Pariser Pigalle entstanden ist, war eine laute, drastische, bissige ,Horror-Unterhaltung’, um den Zuschauern den Spiegel vorzuhalten und gleichzeitig zu unterhalten. In dieser Hinsicht möge die von mir so genannte ,Grand Guignol Operá’ ein überdrehtes Rätsel darstellen, weil die realen Verhältnisse die Grenzen der Vernunft bereits überstiegen haben. Und ich wollte, was sollte ich auch anderes tun, an die Gegenkraft von Humor glauben. Despoten hatten immer schon Angst vor Humor – auch Angst, ausgelacht zu werden.“

Clinch mit Wiener Staatsoper

Hamburgs neuer Staatsopernchef Tobias Kratzer ist ausgewiesener Neuwirth-Fan. Er hat sogar nur halb im Scherz gesagt, er sei nur deswegen Intendant geworden, um ein neues Musiktheaterwerk bei ihr in Auftrag geben zu können. Diesen Wunsch hat er sich nun erfüllt. Für Neuwirth eine erfreuliche Erfahrung. Mit der Wiener Staatsoper liegt sie seit einigen Jahren im Clinch: Neuwirth hatte sie dafür kritisiert, ihre 2019 uraufgeführte Oper „Orlando“ trotz Erfolg nach nur fünf Vorstellungen abgesetzt zu haben. Sie gab an, Operndirektor Bogdan Roščić hätte ihr gegenüber bedauert, „das Haus sei dagegen (gegen eine Weiterführung von ,Orlando’, Anm.) gewesen“.

Alibi-Frau

Ist der Auftrag der hamburgischen Staatsoper nun eine Genugtuung für sie? „Zur Wiener Staatsoper habe ich nichts mehr zu sagen, außer: Ich wurde als kurzes, aber so schnell wie nur möglich wieder zu entledigendes Alibi hergenommen, also benutzt, um in der Öffentlichkeit sagen zu können: ,Wir haben ohnehin eine Frau beauftragt’. Wäre es der Staatsoper ernst gewesen, hätte man das Werk einer Frau, wie die meiner männlichen Kollegen, sehr wohl wieder aufgenommen. Daher war für mich das Erfreuliche, dass nach über 20 Jahren in diesem patriarchalen klassischen Musikbetrieb, in dem Jelinek und mir misstraut wurde, der Hamburger Intendant uns anscheinend doch zugetraut hat, dass wir zwei Frauen gemeinsam etwas zu sagen haben.“

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