„Visionary Dances“: Dynamisches Stampfen, präzise wie ein Uhrwerk

Das Wiener Staatsballett begeistert in der Staatsoper mit Choreografien, visionär im Umgang mit der Musik und mit dem Raum
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Von: Silvia Kargl

„Visionary Dances“ des Wiener Staatsballetts in der Staatsoper ist ein hervorragender Ballettabend, ausgezeichnet getanzt und musikalisch exzellent. Visionär sind die von Ballettdirektorin Alessandra Ferri zusammengestellten Choreografien im Umgang mit der Musik und mit dem Raum. Die drei Stücke schlagen zudem eine Brücke vom zugrunde liegenden klassischen Ballett zum zeitgenössischen Tanz.

Den Beginn macht Justin Pecks „Heatscape“, in dem man die Hitze eines Sommertages im Wynwood District Miamis zu spüren vermeint. Vor einem Prospekt des dort mit Wandmalereien vertretenen Street-Art-Künstlers Shepard Fairey treffen junge Menschen aufeinander, wie sie im öffentlichen Raum auch im Stadtpark oder auf der Donauinsel auftreten könnten. Das lässt die höchst virtuose Tanzsprache Pecks natürlich erscheinen, selbst wenn er die legendäre „Apollo“-Choreografie George Balanchines mit Apollo und seinen drei inspirierenden Musen zitiert.

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Peck schafft eine tänzerische Umsetzung von Faireys Prospekt, in dem er dessen Muster und Elemente im Tanz aufgreift. Wie Mandalas bauen sie sich auf und fallen wieder zusammen. Zudem ist die Choreografie stets im Einklang mit der Musik, Bohuslav Martinůs Klavierkonzert Nr. 1.

Am Pult des Staatsopernorchesters debütiert der tanzerfahrene Gavin Sutherland. Die Pianistin Yoko Kikuchi sorgt für die diffizilen Wechsel in Stil und Rhythmus.

Die Musik begeistert auch im zweiten Stück, Wayne McGregors „Yugen“ zu Leonard Bernsteins selten zu hörenden „Chichester Psalms“ mit dem wunderbaren Arnold Schoenberg Chor unter der Leitung Erwin Ortners. Wie Peck arbeitete auch McGregor mit einem bildenden Künstler zusammen, bei ihm war es der auch als Schriftsteller erfolgreiche Edmund de Waal. Er schuf ein Bühnenbild mit drei großen Vitrinen. Vor allem aber lieferten de Waals Skulpturen das Vorbild für eine feine Choreografie, die auf kunstvolle Formen für elf Tänzerinnen und Tänzer setzt. Kein typischer McGregor, aber ein apartes Stück.

Eine Herausforderung

An Dynamik und Drive ist Twyla Tharps „In the Upper Room“ schwer zu übertreffen. Vierzig Jahre alt ist die Choreografie. Das Alter zeigt sich am ehesten in der Minimal Music, die Philip Glass für Tharp komponiert hat. Sie erklingt vom Band.

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„In the Upper Room“ : Die eine Gruppe trägt weiße Sneaker, die andere rote Spitzenschuhe.

Zwei Gruppen treffen aufeinander und tanzen präzise wie ein Uhrwerk: sechs „Stompers“, „Stampfer“ in weißen Sneakern, und sechs Balletttänzer, darunter drei Tänzerinnen in roten Spitzenschuhen. Auch wenn es keine Rollenbezeichnungen gibt, in ihrer Athletik, Stärke und Synchronität werden diese drei „Bomb Squads“ genannt. Eine weitere Tänzerin sorgt für eine Verbindung der Gruppen, sie trägt am Beginn Sneakers und später Spitzenschuhe.

„In the Upper Room“ ist wahrlich abgehobener Tanz, es wird pausenlos gestampft, gedreht, gesprungen und herumgewirbelt, auch wenn Alltagsbewegungen wie Gehen und lockere Hüftschwünge am Beginn von Tharps Choreografie stehen. Großartig meistern die Tänzerinnen und Tänzer diese Herausforderung.

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