Tanz darf kein Museum sein: „Visionary Dances“ in der Staatsoper

Der US-Amerikaner Justin Peck betreut die Endproben seiner Choreografie „Heatscape“ - Premiere am Samstag in der Staatsoper
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Von: Silvia Kargl

Justin Peck, Jahrgang 1987, überzeugt mit seinen Choreografien und Inszenierungen das Publikum nicht nur in Manhattan, wo er großen Anteil am neuen Glanz des von George Balanchine 1948 gegründeten New York City Ballet hat.

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Visionärer Choreograf: der US-Amerikaner Justin Peck

Peck ist für Endproben in Wien: Ballettdirektorin Alessandra Ferri hat seine Arbeit „Heatscape“ für den dreiteiligen Abend „Visionary Dances“ ausgewählt, der am Samstag an der Staatsoper Premiere hat. Und er stellt fest: „,Heatscape‘ hat den Überlebenstest einer Choreografie überstanden!“

Seine 2015 in Miami entstandene Arbeit wirkt abstrakt, lässt aber doch Geschichten erkennen. Menschen stehen in seinen stilistisch höchst unterschiedlichen Stücken stets im Mittelpunkt. „Das habe ich als Tänzer bei Balanchine sehr bewundert“, sagt der charismatische Künstler, der mit Ende 30 schon den Zenit der Ballettwelt erreicht hat.

Für das Bühnenbild von „Heatscape“ konnte Justin Peck die Street-Art-Legende Shepard Fairey gewinnen, die 2008 das heute ikonische „HOPE“-Poster für den Wahlkampf Barack Obamas entworfen hatte. Wie ihm das gelang? „Ich war damals oft in Miami, weil meine Frau dort tanzte. Ich fand seine Wandbilder im Wynwood District toll und sah, mit all ihren Mustern und Farben, nicht zuletzt in ihrer Vergänglichkeit eine Verbindung zum Tanz. Wie es dann so ist, über den Freund von einem Freund haben wir uns getroffen, und er war sofort begeistert!“ Die Musik fand Peck bei Bohuslav Martinů. „Ich bin ein großer Fan des tschechischen Komponisten und finde, dass sein 1925 in Prag uraufgeführtes erstes Klavierkonzert besonders tänzerisch ist, eine sehr außergewöhnliche und selten gespielte Komposition eines jungen Mannes.“

Persönliche Note

Wird er sein Stück für Wien abändern? „Ich versuche, dem Original treu zu bleiben, es reflektiert auch die Zeit des Entstehens. Aber manchmal kann ich nicht anders, als einer Tänzerin oder einem Tänzer eine persönliche Note zu geben. Das betrifft aber nur Schritte, nicht das gesamte Ballett.“

Doch einmal in seiner Karriere war dies anders. Am Tag nach der erstmaligen Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der USA 2016 änderte er einen Bewegungsverlauf in einem seiner Stücke. Ursprünglich sollte eine Tänzerin triumphierend emporsteigen – als eine Reverenz an Hillary Clinton. „Nachdem Trump gewonnen hatte, zeigten wir den Fall einer Tänzerin. Am Ende wurde es ein Stück über Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Seit der zweiten Wahl Trumps ist alles noch viel schlimmer geworden, noch aggressiver. Kunst ist immer ein Ausdruck ihrer Zeit und ihrer Gesellschaft. Derzeit gewinnt die Flucht vor dem Alltag an Bedeutung, damit das Publikum Sorgen zumindest einen Abend lang vergessen kann.“

Wie geht es dem Tanz in New York? „Die Unzuverlässigkeit von öffentlichen Subventionen stellt eine Bedrohung für viele Künstler dar. Doch das New York City Ballet ist eine starke kulturelle Institution. Wir haben in den letzten Jahren neues und jüngeres Publikum dazugewonnen. Da kommen zeitgenössische Themen und die Zusammenarbeit mit lebenden Künstlern gut an. Ich glaube, es geht im Tanz nicht so sehr darum, wie man Schritte macht, sondern um künstlerisch neue Perspektiven. Tanz darf kein Museum sein! Unsere Aufführungen sind ein Treffpunkt für viele Menschen geworden, ein Ort der offenen Kommunikation ohne Grenzen.“

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