"Hamlet" im Theater in der Josefstadt: Es wird keinen Sieger mehr geben

Der Shakespeare-Klassiker aller Klassiker wird hier mit breiter Zugänglichkeit präsentiert. Anschauen lohnt, auch wenn einige Dynamiken Behauptung bleiben.
Georg Leyrer
46-222509456

Die Welt ist eh aus den Fugen, also warum nicht die Kritik mit dem abschließenden Urteil anfangen: Den neuen "Hamlet" im Theater in der Josefstadt sollte man sich anschauen.

Nicht, weil es eine so besonders wegweisende Produktion wäre (ist es nicht); nicht, weil dem Shakespeare-Klassiker aller Klassiker viel Neues abgerungen würde (wird es nicht); schon gar nicht, weil der "Hamlet" hier - im Gegensatz zum modischen Hamletzerstückeln auf fünf Darstellende an der Burg - auf zwar reduzierte, aber mehr oder weniger zeitlose Art auf die Bühne gebracht wird. 

Sondern weil: Hamlet. 

Am Schluss des fast dreistündigen Abends sitzt man da, kämpft mit den Tränen, und zwar um die Welt, die der alte Schwarzmaler Shakespeare zum Abschied noch in die moralische Eiszeit schickt. Es wird keinen Sieger mehr geben, sondern nur noch Besiegte, wirft der sterbende Dänenprinz in der Übersetzung von Heiner Müller in den Raum, und damit ist man plötzlich so sehr im Heute, dass es in der Kehle würgt. 

Der Rest ist, heute, zwar Schreien und nicht Schweigen, aber das passt schon. Man fühlt sich, für einen Abend, zumindest nicht allein im Horror, in der Unmenschenkatastrophe, die, man erinnert sich nun, nicht nur jetzt, sondern immerzu die Methode hinter all dem Wahnsinn ist.

46-222509455

Alle Straßen führen zum Hamlet

70 Jahre ist der letzte "Hamlet" an der Josefstadt her; Oskar Werner spielte damals die Titelpartie. Au weia! Diesen Legendendruck spürt man natürlich, in den Wänden des Hauses, in den Sesseln, in den Knochen derer, die, wenn schon nicht in echt, jedenfalls gefühlt dabei waren und die Gegenwart gern am Damals messen. Gut, dass man es trotzdem tut.

Was aber anstellen, heute, mit dem Hamlet? Regisseur Stephan Müller sucht einen breiten Weg, auf dem ihm alle folgen können: Er dehnt das Heute, in dem dieser Hamlet verortet ist, auf die letzten 40, 50 Jahre Theaterästhetik aus. Ja, es gibt Videos, ziemlich abstrakte, schwarzgraue Bühnendekorationen (Sophie Lux), ein paar heutige Jokes (ja, lustig, "6/7", aber jetzt ist es damit hoffentlich auch wieder mal gut auf den Bühnen) und einen Blick auf den, nun ja, dänischen Prinzen von Claudius von Stolzmann. 

Es gibt aber auch den typischen Totenkopf, einen Sarg für Ophelia und  Waffengeklirre sowie Weinkelch beim finalen Showdown. Es gibt mehr Dinge zwischen Obermaschinerie und Drehbühne, als sich die Oskar-Werner-Theaterwelt vorstellen konnte, aber nicht zu viele. 

46-222509697

Blick ins Innere

Man darf, man muss sich also auf das reiche Feld dessen konzentrieren, was im Hamlet an Innerlichkeit möglich ist. Hamlet ist in den Händen von Claudius von Stolzmann kein ätherischer Hassträumer, kein pubertierender Zornbinkel, auch keiner, der mit der ganz großen Geste in den Untergang geht. Sondern ein energiegeladener, von Worten Getriebener, der einer kaputten Welt immer wieder die Ehre abspricht, weil er es muss, und sich in diesem verzweifelt destruktiven Sprachstrudel bereits zu Beginn verloren hat. 

Sein Theaterstück, mit dem er die ruchlosen Machenschaften von Mutter und Onkel entblößt, spielt er daher selbst, seinen großen Monolog, ja, den mit dem Sein oder Nichtsein, startet er hoch oben an der Hinterwand, um dann, wenn es um das verdammte Träumen geht, mit lautem Knall auf der Realität der Bühne zu landen. Für diesen Hamlet gibt es nur den Weg nach unten, er findet in niemandem Halt. 

Büßen in der Badewanne

Dabei ist die Gertrud von Martina Stilp von Anfang an eine Menschenleinwand, die Hamlet neu bemalen könnte, fände er die richtigen Worte: Die blutschänderische Königin ist hier nicht bösartig, nicht machtgierig oder in moralzerstörendem Ausmaß in Claudius verliebt, sondern eine passive Figur im Männerspiel, die erst im Sterben - sie schreit vor Zorn, als sie den Giftverrat des Gatten kapiert - zu eigener Form findet. 

Daniel Jesch büßt den Brudermord beim Gebet in der Badewanne, so knurrend flüsternd, dass hier die Mikros hochgedreht werden müssen. Er ist ein König im Popstar-Anzug (Kostüme: Birgit Hutter), ein mit seiner eigenen Macht vollzeitbeschäftigter Emporkömmling, der, vielleicht etwas gar mit dickem Regiepinsel gezeichnet, vor lauter muskulöser Männlichkeit mit dem Bodyguard rangeln muss.

46-222509452

Die große Frauenfigur Ophelia ist mindestens so nah am Wahnsinn gebaut wie der Hamlet, Johanna Mahaffy summt, wenn gar nichts mehr geht, die zarten Melodien mit, die ihre Abgänge einleiten. Richtig zur Entfaltung aber kommt nicht alles, hier braucht man etwas mitgebrachte Voremotion, um den Absturz der Ophelia nachzuvollziehen. Per bühnenfüllender Videoeinspielung fällt und fällt und fällt sie in die Fluten.

46-222508971

Außenstellen der Seelenlandschaft

Per bühnenfüllender Videoeinspielung gibt Johannes Krisch auch den Geist von Hamlets Vater, so weiß geschminkt, wie es auch Hamlet gegen Ende ist, wenn es ans Sterben geht. Er ist ein zähnefletschendes, bassbrummendes Vaterphantom, mehr eigener Schrecken als Aufdecker der miesen Machenschaften auf Erden.

Bei all diesen Figuren blickt die Produktion ins Innere, die anderen sind Außenstellen der Seelenlandschaft, etwa Polonius (Marcus Bluhm), der nichts vom inzestuösen Verhältnis seiner Kinder mitkriegt und am Ende auf komische Art von Hamlet ums Leben gebracht wird. Oder Laertes (Martin Niedermair), dessen hemmungsloser Zorn über den Vatertod ihn zum Spielball macht und der am Ende Hamlet beim gemeinsamen Sterben um Vergebung bittet. Oder Horatio (Dominic Oley), braver Freund, der nichts zu verhindern weiß.

So nimmt das Spiel seinen Lauf, und dass der "Hamlet" rasch zu einer Hitparade der bekannten Theaterszenen wird, wenn man nicht sehr aufpasst, eröffnet die eine große Fehlstelle des Abends: Dieser folgt auf gut nachvollziehbare, oft berührende Art der Theaterlogik, mehr aber als der inneren Logik der Figuren. Die Hamletmaschine und die Claudiusmaschine und die Opheliamaschine laufen auf Hochtouren, sie produzieren aber voneinander oftmals geschiedene Theaterwerkstücke, die spürbar wenig ineinander verhakt sind. Und so wird die Unausweichlichkeit der Tragödie behauptet, zu Recht, aber nicht gänzlich ausgeführt.

Sei's drum. Es ist gut, dass es diese Produktion gibt, wer "Hamlet" kennenlernen oder wiederbesuchen will, kommt auf seine Kosten. Klar, jeder wird auch Einwände haben, die Last der legendären Produktionen, die Last des Stückes als Popkulturphänomen lässt sich nicht abschütteln. Am Schluss gab es wohlwollenden, aber alles andere als euphorischen Applaus, durchmengt von der Art von Schauspielerzustimmung, die es nur bei Premieren gibt. 

Kommentare