"Mundtot" im Schauspielhaus: Wenn nicht mal ein Mund voller Neins hilft

Frau in glitzerndem Kleid hält ein Mikrofon und einen grünen Stuhl, während sie auf einer Bühne steht.
Eine Anklage in hart-poetischen Worten: Die Uraufführung von Miriam Unterthiners „Mundtot“, ein Stück über Missbrauch von Frauen im Sport.

Jennifer Hermoso war jene Fußballerin, der der spanische Verbandspräsident Luis Rubiales bei der WM-Siegerehrung 2023 einen Kuss auf den Mund zwang. Sie ist eine der Inspirationen für „Mundtot“, einen Text der mehrfach ausgezeichneten Miriam Unterthiner über Gewalt gegen Frauen im Sport. Er kam am Freitag im Wiener Schauspielhaus zur Uraufführung.

Die Bühne sieht aus wie ein Turnsaal nach Erdbeben und Eisstoß: Ein Spielfeld ist zerschmettert, Brocken sind gegeneinander geschoben und aufgetürmt. Vereinzelt stehen Tribünensessel herum, ein Basketballkorb liegt traurig am Boden. Eine blaue E-Gitarre tritt in den Wettstreit gegen das dröhnende Geräusch eines Föhns, wohl aus der Gemeinschaftsgarderobe. Und vier Schauspielerinnen (beeindruckend: Tala Al-Deen, Iris Becher, Florentine Krafft, Sophia Löffler) machen eine Bestandsaufnahme über „junge Frauenkörper, die nicht wissen, was nicht stimmt“. Manchmal wechseln sie sich ab, manchmal sprechen sie die meist verblosen Sätze, die wie hart aufgeschlagene Bälle verschossen werden, im Chor.

Das Stück bewegt sich vom Gemeinschaftsgefühl der „Frauschaft“ zu Grenzüberschreitungen männlicher Trainer („TrainER“). Und gräbt in der Regie von Christiane Pohle im Sporthallenschutt das Urübel frei: Der sogenannte Frauensport war – und ist vielerlei immer noch – weniger wert als der „Männersport“. „Männer verdienen Millionengehälter, Frauen nicht einmal Anerkennung“, heißt es einmal.

Es winkt der „Sportclip“

Mit sarkastischem Humor wird die Absurdität der Kleidervorschriften etwa beim Beach-Handball aufgespießt – Frauen mussten Strafe zahlen, wenn sie mehr als ein Bikinihöschen trugen, für Männer waren Shorts das reguläre Outfit. Die Schauspielerinnen ziehen sich ironisch-sexy Slips über, man fühlt sich erinnert an die nachmitternächtlichen TV-Erotik-„Sportclips“ mit Striptease im Fußballtor.

Die permanente Sexualisierung der Frauenkörper im Sport ist Thema – aber auch die grundsätzliche Zumutung, dass ein Nein nicht als Nein gilt. Auch nicht „ein Mund voller Nein“ und ein Nicht-Ja schon gar nicht. Unterthiner, selbst in ihrer Jugend Handballerin, findet dafür hart-poetische Worte, wie ihr Text überhaupt mit seinen Auslassungen die Sprachlosigkeit und mit seinen Verstümmelungen die psychischen Verletzungen gut widerspiegelt. Die Musik von Lens Kühleitner unterstützt die Rage.

Schade, dass für das statistische Intermezzo, bei dem Fallakten – etwa von Jenni Hermoso – ausgeteilt werden, die Kunstsprache aufgegeben wird. Das bremst das Stück in seiner Wucht.

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