Kultur
20.11.2017

Theater: Donald Trump ist großartig...

... und was wir am Wochenende auf den Bühnen noch über Politik und Populismus (und Theater) gelernt haben.

  • So ein Wochenende schafft wohl nur Wien: Innerhalb von vier Tagen haben alle vier großen Wiener Bühnen eine Premiere geliefert.
  • Auffällig ist, dass sich alle um Politik gedreht haben - und dass das Theater fest auf der gesellschaftspolitischen Oppositionsbank sitzt.

Die Wiener Theatermaschine ist auf Hochtouren gelaufen: Von Donnerstag bis Sonntag haben die großen Wiener Bühnen ein Premieren-Stakkato abgeliefert, das in dieser Dichte auch in Wien Seltenheitswert hat. Und vor allem auch in dieser thematischen Enge: Von "Professor Bernhardi" am Donnerstag in der Josefstadt über "1984" (Freitag, Volkstheater) und den "Volksfeind" (Samstag, Burgtheater) bis zu "Willkommen bei den Hartmanns" (Sonntag, Akademietheater) - die Bühnen rieben sich am politischen Tumult, der uns umgibt - mal mehr, mal weniger aktualisiert.

  • Wem der Dank für dieses neue Politbewusstsein gilt, ist klar: " Donald Trump ist großartig!", schrieb KURIER-Kritiker Peter Jarolin in seiner Besprechung (bzw. in seinem Verriss) von "1984" im Volkstheater. George Orwell wurde schon zu Jahresbeginn - Stichwort "alternative Fakten" - zum künstlerischen Jahresregenten h.c. ausgerufen. Dementsprechend leicht (zu leicht) lässt sich das Überwachungsstück in die Gegenwart transportieren.
  • Auch "Professor Bernhardi", 1912 von Schnitzler geschrieben, "seziert, wie Politik und Intrige auch heutzutage funktionieren", schreibt Thomas Trenkler in seiner (euphorischen) Kritik. Besonders zeitlos: Sie funktioniert über männliche Egos. "Nur die zweifache Anspielung aufs Lichtermeer: Die hätte es nicht gebraucht."
  • Ibsens "Volksfeind" ist im Original ein Stück über Populismus, darüber, wie leicht der Rufer gegen eine Mehrheitsmeinung unter die Räder kommt. Im Burgtheater nun zu sehen mit einem Öko-Einschlag - und viel Holzhammer. "Die Besucher sind nicht unbedingt Volltrotteln. Und sie reagieren auf Versuche von Gehirnwäsche leicht gereizt. Der Applaus fiel daher eher verhalten aus", schrieb Thomas Trenkler in seiner kritischen Besprechung.
  • Am Sonntagabend dann ging es um eine Familie, die einen Flüchtling aufnimmt. Willkommen bei den Hartmanns! Auch hier sind wir in einer ganz aktuellen Diskussion. "Wie soll man mit den Flüchtlingen umgehen? Was können wir leisten? Ist es richtig, dass wir Anreize schaffen? Wäre es nicht besser, wenn wir versuchten, dass die Menschen in ihrer Heimat eine Perspektive finden?", sagte Filmemacher und Autor Simon Verhoeven im KURIER-Interview. Fragen, die einem bekannt vorkommen dürften.

Man ist also im Theater verdammt nah an den Schlagzeilen gewesen. Dass das Theater in Dämmerzeiten das Licht der Aufklärung höher hält als sonst, ist ein weltweiter Trend: Wenn die Häppchen aus den sozialen Medien die öffentliche Diskussion bestimmen und jene an die politische Macht kommen, die Lösungen zum Runterschlingen versprechen, dann fühlt sich die Bühnenwelt berufen, auf die Bremse zu steigen. Natürlich nicht ganz zu Unrecht: Die Komplexität und Uneindeutigkeit eines guten Theaterabends ist ein Gegenprogramm zur gesamtgesellschaftlichen Reduktion.

Heikel wird es für die Bühnen aber, wenn sie dauerhaft eben dieser Reduktion unterliegen. Es ist, das möchte man derzeit fast hinausschreien, nicht niederschreiben müssen, das menschliche Leben mehr als eine permanente Flüchtlings- und Populismusdebatte. Ein derartiges Wochenende - schön, gut, wichtig. Aber dann ist es auch wieder gut. Diese vergifteten Debatten haben im Alltag schon ein verheerendes Übermaß angenommen. Die Bühnen müssen ein Ort sein, der diese Themen tiefer gehend behandelt als es im Alltag möglich ist, der auf Mitgefühl pocht, auf Verständnis (im Sinne von: den Anderen im Anderssein verstehen), wo Zwischenräume entstehen und nicht mit Hasskurzmeldungen weggebrüllt werden.

Aber die Bühnen müssen auch ein Ort sein, der darauf beharrt, dass er noch grundlegendere Fragen kennt, andere, wichtigere als die, die sich derzeit aufbauschen. Daher: Bitte so bald nicht wieder so ein Wochenende.