Streit in Salzburg: Wer braucht überhaupt einen Intendanten?
Sehr geehrtes Kulturamt!
Na, da sieht man ja wieder, warum der Ausdruck „Salzburger Fetzenspiele“ doch richtig ist. Ein rein politisch besetztes Kuratorium überwirft sich mit dem Intendanten (ob zurecht oder nicht, kann man nur mutmaßen, weil kaum etwas offiziell kommuniziert wird), beurlaubt diesen und sucht jetzt jemanden, der oder die (wahrscheinlich die, weil meistens Frauen zum Zug kommen und aufräumen müssen) fliegend übernimmt. Da das offenbar so leicht ist, stelle ich bei Ihnen den Antrag, die Position des Intendanten/der Intendantin gleich einzusparen. Soll doch die Landeshauptfrau die Festspiele nebenbei mitleiten. Ein gutes Orchester kann ja im Prinzip auch ohne Dirigenten spielen, sagt man. Billiger wäre es noch dazu.
Mit freundlichen Grüßen, C. B.
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Sehr geehrte C. B.,
seien Sie bedankt für Ihr Schreiben und für Ihren Antrag, dessen Einlangen wir hiermit bestätigen (Geschäftszahl 11/2026). Da wir glauben, aus Ihren Worten eine gewisse Süffisanz herauslesen zu können (es sei denn, Sie hängen dem Kulturverständnis einer sehr rechten Partei nach), gehen wir davon aus, dass es Sie nicht überraschen wird, wenn wir auch diesmal den „Abgelehnt“-Stempel zur Anwendung bringen.
Ein Festival braucht selbstverständlich einen Intendanten, ob es nun eines von Weltrang ist wie jenes in Salzburg oder eines in einem gut erhaltenen Stadl in einem abgelegenen Tal. Wir gehen sogar so weit zu behaupten, dass, was gerade rund um die Salzburger Festspiele passiert, einer Missachtung des Jobs eines künstlerischen Leiters gleichkommt.
Das Klopapier
Die Salzburger Festspiele sind ein Großbetrieb mit 250 fixen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern während des Jahres und mehreren tausend im Sommer. Mehr als 200 Veranstaltungen finden dort jede Saison statt, und bei jeder einzelnen kann es ein Problem geben, von einer Erkrankung bis zu einer Absage, von einer künstlerischen Verstimmung bis zu einer völligen Verirrung. Was auch immer vorfällt, für alles ist letzten Endes die Intendanz verantwortlich.
Sich in dieser Funktion nur einen Denker vorzustellen, der mit Pfeife im Büro sitzt und hochgeistige Projekte ersinnt, entspricht unserer Kenntnis nach nicht der Realität. Eine in unserem Amt geschätzte Intendantenpersönlichkeit hat sogar einmal gesagt, dass ein hoher Prozentsatz ihres Jobs unter anderem darin bestehe, für qualitätsvolles Klopapier zu sorgen.
Ein Intendant ist also zumindest ebenso viel Manager wie Künstlerpersönlichkeit. Wenn sich beide Kompetenzen vereinen, ist es umso besser. Vor allem aber braucht ein Intendant ein Team um sich, das von Vertrauen geprägt in dieselbe Richtung zieht.
Nun verfügen die Salzburger Festspiele bestimmt in allen Abteilungen über Spitzenkräfte mit Topqualifikation, die Führungsebene ist nun aber inexistent wie nie zuvor.
Das Chaos
Es gibt keinen Intendanten für die Letztentscheidungen. Es gibt keine Schauspielchefin. Es gibt eine Präsidentin in statu abeundi – ob sie doch noch bleibt, kann man nicht einmal erahnen, weil die Position für die Zeit ab 2027 erst ausgeschrieben werden muss. Wenn Sie, geschätzte C. B., uns dazu eine kleine Bemerkung erlauben: Mit der Vorgängerin der amtierenden Präsidentin wäre all das Chaos nicht angerichtet worden, weil diese sowohl auf das Kuratorium als auch auf den Intendanten Einfluss zu nehmen in der Lage gewesen wäre. Wenn der Intendant also (ohne Plan B des Aufsichtsgremiums) gehen muss, sollte man auch die Präsidentschaft gleich neu aufsetzen.
Unser Kulturamt stellt zwar keinen Vertreter im Kuratorium, hat also nicht den geringsten Einfluss auf die raschest zu treffenden Entscheidungen. Dennoch werden wir immer wieder gefragt, was denn nun passieren möge.
Die Kunst
Unsere Haltung dazu: Salzburg braucht dringend einen Krisenmanager (wie das zuletzt auch ein renommierter Dirigent formuliert hat), der genug vom Fach, von den Festspielen, von internationalen Entwicklungen, aber auch von der Lokalpolitik versteht. Eine prominente, sympathische Person zur Interimschefin zu machen, ist nur die zweitbeste Lösung.
Vor allem aber bräuchte Salzburg so rasch wie möglich eine nach innen kalmierende Intendanz mit einer künstlerischen Vision, wie die Exzellenz dieser einzigartigen österreichischen Kulturinstitution gestärkt werden kann – mit einem klaren Bild, welche Rolle Musiktheater (und natürlich auch das Schauspiel) in Krisenzeiten spielen müsse. Nur den Intendanten zu hinterfragen, ist zu wenig, das gesamte Genre muss immer wieder überprüft werden. Dass wir in Zeiten des Wandels leben, trifft wohl auch auf Festspiele zu.
Was Salzburg aber ebenso bräuchte, ist leider aktuell unerfüllbar: eine Kulturpolitik, die um Antworten bemüht ist. Man hat den Eindruck, dass man dort nicht einmal die Fragen kennt.
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