"Stranger Things"-Finale: Elfs Freunde müsst ihr sein
Ein neun Jahre lang vertrautes Bild: Dustin am Funkgerät, mitten im finalen Kampf.
Die Kleinstadt Hawkins im US-Bundesstaat Indiana war neun Jahre lang die zweite Heimat für Fans der Netflix-Serie „Stranger Things“. Es war vielleicht nicht die heimeligste Heimat, denn immerhin gab es da Monster, die aus einer anderen Dimension immer herübergrapschten und außer Menschen ausweiden noch anderes Unheil im Sinn hatten.
Aber dort lebten auch gar unwahrscheinliche Helden: Zu Beginn waren sie Kinder, elf Jahre alte Außenseiter, die nie zu den Cool Kids der High School gehören würden. Unter anderem, weil sie im Rollenspiel „Dungeons & Dragons“ (D&D) gegeneinander antreten, viel uncooler ging es selbst in den 1980ern nicht. Denn das war die Zeit, in der „Stranger Things“ spielt, und das Retro-Gefühl, das die Macher der Serie, die Duffer-Brüder, evozierten, hatte seinen Reiz für jene Generation, die Walkman, Funkgerät und Unbeaufsichtigtsein noch erlebt haben - und für jene Generation, die nach dieser Ära geboren wurde und nach deren Ästhetik und Freiheit dürstete.
Heikles Geschäft Serienfinale
Über fünf Staffeln begleitete man diese Kinder beim Erwachsenwerden. Nun, in den Morgenstunden des Neujahrstages, hieß es Abschied nehmen: Da ging auf Netflix die allerletzte Folge der Hitserie online – mit Spannung und auch mit ein bisschen Nervosität erwartet. Denn Serienfinales sind das heikelste Geschäft im Fernsehen. Mit nichts verärgert man seine Fans nachhaltiger. „Game of Thrones“ oder „Lost“ sind die prägenden Negativbeispiele.
Das Finale von „Stranger Things“ gehört definitiv nicht dazu. Die letzte Staffel mag durchwachsen gewesen sein – der erste Teil war sehr gut und endete mit der Wendung, dass der einst von den bösen Mächten entführte Will auch Vorteile aus dieser Verbindung ziehen kann. Der zweite Teil war langsamer, legte Gewicht auf die Reparatur der Beziehungen der Freunde. Das war wichtig, weil sie ihre letzte Mission nur mit dem totalen Zusammenhalt als Freundeskollektiv schaffen konnten. Was übrigens seit je her die Prämisse dieser Serie war.
Die Mission: Nicht nur die von Fast-Hauptbösewicht Vecna zur Machtsteigerung festgehaltenen Kinder zurückzuholen, sondern vor allem Hawkins und die ganze Erde zu retten vor einer noch höllenartigeren Dimension, als das Upside Down schon war. Das hatte sich als Brücke zum weltenverschlingenden „Abyss“ entpuppt – und diese Verbindung musste rechtzeitig zerstört werden.
Der tatsächliche Bösewicht
Der Weg dahin war packend und wartete mit unerwarteten Hinterhältigkeiten auf. Mehrmals stockte der Atem bei verloren geglaubten Charakteren. Die Fragen über Vecnas/Henrys Vergangenheit wurden beantwortet und er hätte sogar die Chance gehabt, sich gegen seine seit Kindheit andauernde Abhängigkeit vom Tatsächlich-Hauptbösewicht Mindflayer (letztlich eine gigantische, fast putzig-godzillaartige Spinne) zu entscheiden. Wollte er nicht. Deswegen kam es zu einer der befriedigendsten Szenen des Finales, von denen es im Übrigen einige gab: Winona Ryders Figur Joyce, Wills Mutter, durfte das Rankenmonster einer Axtbehandlung zuführen – begleitet von Erinnerungen an alle seine Schandtaten. Da bekamen auch alle dahingerafften Fanlieblinge ihren Auftritt: Barb, Eddie, Bob.
Zu Princes „When Doves Cry“ – die Laufzeit des Songs auf dem Plattenspieler war genialerweise der Zeitzünder für die Upside-Down-Bombe – fuhren die erfolgreichen Kämpferinnen und Kämpfer in ein Happy End. Oder doch nicht? Das Militär war ja immer noch auf der Jagd nach Eleven/Elf/Elfi/El, der telekinetischen Freundin aus dem Labor, um ihre Fähigkeiten zu stehlen und klonen. Sie wusste es zu verhindern. Als sie zu Freund Mike sagte: „Ich werde immer bei dir sein“, zeigte sich noch einmal der üppige Anspielungsreichtum der Duffer Brüder. Ist das doch der Satz, den E.T. zum Abschied an der Raumschiffpforte zu Elliot sagt.
Die Tür zum Spielekeller ist geschlossen: das letzte Bild aus der Netflix-Serie "Stranger Things".
Kitschig? Ja und?
Die Folge nahm sich viel Zeit für einen Epilog – etwas, das vielen Serienenden schmerzlich fehlt. Actionfans wird er zu kitschig gewesen sein, andere werden dankbar gewesen sein, dass jeder Geschichte eine Auflösung und eine Zukunft gegeben wurde.
Jeder? Womöglich ja. Mike – in der D&D-Rolle der „Geschichtenerzähler“ – hat eine Theorie über Els Verbleib. Sie ist plausibel – oder auch nicht. Das ist ein gevifter Kniff, der das Wesen von „Stranger Things“ noch einmal einfing: Man kann sich aussuchen, ob man dem rational-erwachsenen Teil in einem selbst folgt, und diese Theorie nicht glaubt. Oder ob man dem kindlich-fantasievollen Teil folgt. Und glaubt.
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