"Solaris": Showdown im Orbit mit den Gespenstern der Vergangenheit
Möchte sich nicht länger das Unterbewusstsein absaugen lassen: Daniel Jesch als Kelvin.
Es ist ein zweifelhaftes Vergnügen, als „Gast“ auf der Raumstation beim Planeten Solaris zu sein. Denn die „Gäste“ entpuppen sich als Klone, die der Mannschaft unbarmherzig den Spiegel vorhalten – und daher am liebsten beseitigt werden.
Im Kasino des Burgtheaters wird das Publikum aber als Gast willkommen geheißen: von einer distanziert-freundlichen Stimme aus dem Off. Man möge die Forschungseinrichtung erkunden, über QR-Codes kann man sich viel Material zur Vorgeschichte herunterladen.
Die Umsetzung des SF-Romans „Solaris“ von Stanisław Lem aus 1961 beginnt also mit einer theatralen Installation: Ausstatter Simon Lesemann orientiert sich weniger an der legendären Verfilmung von Andrei Tarkowski aus 1972 mit sachlicher Raumschiffarchitektur, auch wenn für die Zeit typische Plastikfreischwinger herumstehen, sondern eher an „12 Monkeys“ von Terry Gilliam aus 1995 – mit Schrott-Apparaturen. Der Kontrollraum könnte aus den Anfängen der Medienkunst (etwa eines Peter Weibel) stammen: mit uralten SW-Monitoren, Tonbandmaschine, Röhrenfernseher, herumhängenden Kabeln. Und doch nimmt einen das gespenstische Setting gefangen.
Die eigentliche Handlung beginnt nach etwa einer halben Stunde – mit dem Anflug von Kris Kelvin. Sonderbare Begebenheiten lassen ihn Funkkontakt aufnehmen, ihm antwortet nur eine KI-generierte Stimme. Er will aber einen Menschen sprechen. Kommt einem doch ziemlich vertraut vor ...
Zurück in die Zukunft
In der Raumstation trifft Kelvin auf den kauzigen Kybernetiker Snaut. Martin Reinke brilliert als fahriger Professor, der die Nerven geschmissen hat. Den zweiten Wissenschafter bekommt Kelvin nicht zu Gesicht: Sartorius hat sich verschanzt. Mit der Zeit wird offenbar: Gibarian ist tot. Wurde er ermordet? Hat er Suizid begangen? Was ist mit der Leiche passiert? Daniel Jesch entfährt in diesem von Roman Senkl ungemein packend inszenierten Psychothriller ein verzweifelt-hysterischer, lautloser Robert-De-Niro-Lacher.
Martin Reinke brilliert als Kybernetiker Snaut
Zunächst gibt es enorm viele live generierte wie aufgezeichnete Videosequenzen – mitunter grobkörnig, von Störelementen und chaotischem Rauschen überlagert. Aus zugespielten „Berichten“ ergibt sich ein Gefüge. Und das Geschehen verlagert sich: Die Figuren treten aus ihren Verstecken. Jeder der drei Männer hat seinen Ort: Reinke das Kontrollzentrum, Ernest Allan Hausmann als satanischer Sartorius den Labor-Gerüstturm – und Jesch ein quaderförmiges „Zelt“.
Als Gespenster der Vergangenheit wie Gegenwart fungieren drei Frauen (darunter Lola Klamroth und Elisabeth Augustin). Kelvin verliebt sich erneut in seine Frau – beziehungsweise in deren Doppelgängerin (Safira Robens). Nun fällt die Inszenierung ein wenig ab, vielleicht bräuchte es auch gar nicht die Songs in Anna-Calvi-Manier, darunter „Blue Monday“ von New Order.
Insgesamt ist diese faszinierend komplexe Umsetzung (mit enorm vielen Schnitten, Fragmenten und Perspektivwechseln), unterlegt mit Synthi-Soundtracks wie von Kraftwerk, aber ein Hammer. Leider gibt es – nach der Premiere am Samstag – für längere Zeit nur eine einzige Vorstellung (am 25. Juni): Safira Robens bekommt sichtbar bald ein Baby ...
Kommentare