Fitzek-Comic: "Ich wollte nicht, dass es voyeuristisch wird"

Frank Schmolke hat mit „Der Augenjäger“ schon den zweiten Roman von Sebastian Fitzek als Comic adaptiert. Ein Gespräch über die richtige Dosis von Gewalt und letzte Tabus.
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Grauslich geht es zu in Sebastian Fitzeks Romanen „Der Augensammler“ und „Der Augenjäger“. In ersterem entführt ein Serienmörder Mütter und deren Kinder. Die Frauen bringt er um, die Kinder versteckt er, lässt die Väter nach ihnen suchen und bringt sie dann auch um. Außerdem entfernt er den Kindern das linke Auge. Am Ende des Buchs ist er mutmaßlich gefasst. Unglücklich involviert wurde Journalist Alexander Zorbach, der über den Fall berichtet hat. Zu Beginn von „Der Augenjäger“ ist seine Frau ermordet und sein Sohn wegt. Frank Schmolke hat nun nach dem ersten Band auch den zweiten als düstere Graphic Novel (Splitter) umgesetzt.

Der Zeichner war sich anfangs nicht bewusst, wie berühmt der Autor seiner Vorlage ist. „Ich wusste schon, dass er bekannt ist. Deswegen war ich etwas unsicher, ob ich es machen will. Aber als ich meine Familie beim Abendbrot gefragt habe, hat meine Tochter gesagt, das musst du machen. Eins der drei Bücher, die sie im Regal stehen hatte, war von Fitzek.“

In Ruhe gelassen

Zwei Bedenken gibt es, wenn man ein sehr populäres Buch illustriert: Zum einen haben sich Leserinnen und Leser schon ihre eigenen Bilder gemacht und zum anderen stellt sich die Frage: Wie viel redet der Starautor mit? Da kann Schmolke rasch Entwarnung geben: „Er hat mich eigentlich in Ruhe gelassen, ich hätte mir das nicht erwartet, dass er mit seinem Stoff so cool umgeht.“

Aber wie cool kann man umgekehrt als Zeichner mit dem sehr gewalttätigen Stoff umgehen? „Wenn man Gewaltszenen liest, dann hat man immer die Möglichkeit auszusteigen oder quer drüber zu lesen, wenn es einem zu viel wird. Aber ich muss sie ja auf irgendeine Weise darstellen. Ich kann versuchen, dass man möglichst wenig sieht, dass es angedeutet ist. Manchmal reicht es, einen Raum von außen zu sehen und du hörst innen einen Schrei. Aber dieser Torture-Aspekt spielt bei Fitzek immer eine Rolle. Ich war mir da am Anfang wirklich unsicher und habe mich vorgestastet. Ich wollte vor allen Dingen einen Comic auch für seine Leser machen. Das ist ja ein ganz anderes Klientel als Comic-Fans.“

Nackt und blind

Auch mit der Nacktheit hat er gehadert: „Ich wollte nicht, dass es voyeuristisch ist. Aber wenn die Frau komplett ohne Kleidung im Winter auf der Flucht ist, dann gehört das so zur Story, dass ich es zeigen muss. Sonst verliert es an Dramatik.“ Eins ist für ihn trotzdem Tabu: Explizite Gewalt gegen Kinder zu zeigen.

Um die Geschichte in den Comic zu kondensieren, musste Schmolke natürlich einiges weglassen. Wichtig war ihm aber: „Die Handlung ist bei Fitzek so getaktet, dass du gar nicht mehr zum Schnaufen kommst. Es hat so etwas Atemloses. Das habe ich auch versucht, nachzuvollziehen.“ Er hat aber auch seine eigene Note eingebracht: Etwa als die blinde Alina, die eine besondere Beziehung zu Zorbach hat, in der Graphic Novel eine Figur des Comicdetektivs Spirit kauft, weil sie ihn an den totgeglaubten Reporter erinnert. Das basiert auf einer Anekdote aus dem Comicladen eines Freundes, der Schmolke erzählt hat, dass sehbehinderte Menschen manchmal bei ihm das Aussehen von gezeichneten Superhelden und Co. ertasten.

"Take the money and run"

Es gäbe noch einen dritten Band aus dieser Reihe von Fitzek, „Playlist“. Wird er auch zur Graphic Novel? „Ich hätte schon Bock, den noch zu machen. Aber da geht es ja viel um Musik. Und Musik und Comic funktionieren nicht so gut zusammen...“

Wie es ist, wenn das eigene Werk von jemandem anderen bearbeitet wird, das kennt Frank Schmolke übrigens. Sein Comic „Nachts im Paradies“ wurde mit Jürgen Vogel und Birgit Minichmayr verfilmt. „Ich war da mal beim Dreh und es sah alles so geil aus, wenn die Magie des Schauspiels losgeht. Aber im Schnitt ist dann etwas passiert, es gab wohl Streit und das sieht man dem Produkt auch an. Falls ich wieder in diese Situation komme, habe ich gelernt: Take the money and run. Es ist nicht mehr dein Baby.“

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Gefahr KI? 

„Nachts im Paradies“, eine Graphic Novel, in der Schmolke seine Arbeit als Taxler in München verarbeitet hat, sollte eigentlich sein letzter Comic sein. Weil die Branche – wenn man nicht mit Auftragsarbeiten versorgt ist – keine besonders einträgliche ist. Ironischerweise war es aber dieser Comic, der Schmolke für Adaptionsbestellungen ins Spiel brachte, von denen er nun leben kann. Das nächste Projekt ist eine Comicversion von „Die drei ???“.

Hintangestellt werden dann freilich Herzensprojekte wie eine Biografie von Künstler Max Beckmann. „Bei den Mietpreisen und allem heutzutage kann man sich nicht leisten, ein Jahr unbezahlt an etwas zu arbeiten.“ Zumal sich Schmolke auch noch gegen Hilfestellung der Künstlichen Intelligenz sträubt, was andere Kollegen schon in Anspruch nehmen. Aber ist das nicht eine unheilige Allianz? Die Gefahr, dass KI bald alle Graphic Novels schreibt, sieht Schmolke erst mal nicht: „Die KI kann Einzelbilder, aber einen ganzen Comic, der funktioniert und toll aussieht, das kann sie nicht.“

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