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Kultur
09/04/2012

Schöne Tage - Von Franz Innerhofer

Ohne Pathos zeigt Innerhofer, wie sein gepeinigter Held Holl erst im Inneren rebelliert, dann aber auch in der äußeren Welt.

Dieser Roman hat die Wucht einer Lawine: Die kurzen, manchmal wie abgebrochenen Sätze überrollen den Leser, die Brutalität des geschilderten Alltags erstickt ihn, die fotorealistischen Beschreibungen einer Kindheit in den Alpen nehmen ihm die Luft.

Man ächzt beim Lesen gleichsam selbst unter jener Last, die Holl, der Protagonist des Romans, zu ertragen hat. Und ein ungläubiger Schauder legt sich einem über die Seele, geschah dies alles doch genau so in den 1950er- und 60er-Jahren. Im Salzburgischen, am Fuße der Hohen Tauern, spielt Franz Innerhofers Roman "Schöne Tage". Einen ironischeren Titel hat es selten gegeben, denn die Tage, Monate und Jahre, die Holl dort verbringt, sind alles andere als schön – sie sind hässlich, quälend und mitleidlos.

Holl, unehelicher Sohn eines Almbauern und einer Landarbeiterin, wird das gesamte Buch über nie mit Vornamen genannt und so von vorneherein als identitätslos gekennzeichnet. Als Sechsjähriger wird er von seiner Mutter zum Vater abgeschoben, dem Großbauern. Dessen Hof 48 wird für den jungen Holl zum Vorhof der Hölle: Der Vater nutzt ihn wie alle Knechte und Mägde als leibeigene Arbeitskraft, Holls Bettnässen versucht er mit Schlägen auszuprügeln, Holl wird erniedrigt, misshandelt und ausgebeutet. Der Bub schleppt Holz aus dem Wald, melkt Kühe und treibt sie zur Alm, er schuftet, er leidet, ist Prügelknabe nicht nur für den despotischen Patriarchen, sondern für alle. Gefühle gibt es auf dem Hof nur in Form von väterlichen Zornesausbrüchen, Gespräche nur als Befehle: "Da gehst her!" oder "Ruhig bist!" Erst als die Technisierung auch in die letzten Alpenschluchten dringt, ändert sich Holls Leben: Er hat ein Gespür fürs Traktorfahren, kann mit der neuar­tigen Maschine als Einziger umgehen. So steigt Holl in der Hackordnung des Hofes plötzlich an die Spitze. Ohne Pathos zeigt Innerhofer, wie sein Held erst im Inneren rebelliert, dann aber auch in der äußeren Welt: Holl sagt sich los von seinem Vater und verlässt den Hof.

 

"Schöne Tage" ist ein autobiografischer Roman. Auch der 1944 in Krimml geborene Franz Innerhofer litt als aus­gebeuteter Hilfsknecht auf dem Bauernhof seines Vaters und floh – wie seinAlter Ego im Roman – in eine Lehre als Schmied. Insofern ist jeder Handgriff, der im Text beschrieben wird, nicht recherchiert, sondern wirklich erlebt. Dennoch ist "Schöne Tage" keine Lebensbeschreibung, sondern echte Literatur. Das zeigt sich in der direkten und drastischen, nichtsdestoweniger aber überaus kunstvollen Sprache genauso wie am Aufbau des Romans oder in den Nebenfiguren: Da gibt es etwa den alten Knecht, der sich selbst beibrachte, Uhren zu reparieren. Er ist als Modell für Holls Entwicklung zu verstehen, nur dass seine Befreiung gelingt, der Knecht dagegen untergeht. Franz Innerhofer ließ auf seinen 1974 erschienenen Erstling "Schöne Tage" die beiden Bände "Schattseite" (1975) und "Die großen Wörter" (1977) folgen. In ihnen schreibt er die Geschichte Holls weiter, ebenfalls am Lebensweg des Autors selbst orientiert. Mit "Schöne Tage" machte Innerhofer Schluss mit Berg­romantik und Heidi-Klischees von der Alm.

Hans Weigel prägte den Begriff Anti-Heimatliteratur, andere Kritiker feierten Innerhofer als "österreichischen Elendsrealist". Ohne Pathos und Sentimentalität brachte der Schriftsteller eine bis dahin verdrängte Wirklichkeit ins Bewusstsein – eine brutale Wirklichkeit, an deren Folgen er schließlich zerbrach: Vom Literaturbetrieb längst etikettiert und vergessen, wählte Franz Innerhofer 2002 den Freitod.

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